Der Abend war fröhlich, Weihnachten stand vor der Tür. Die «Engadiner Post/Posta Ladina» hatte ihre Korrespondenten zu einem gemütlichen Fondueabend eingeladen. Nach dem Dessert erhob sich Marcella Maier, wollte sich verabschieden. Blitzartig standen alle Männer neben ihr und boten an, sie über die leicht vereiste Strasse nach Hause zu begleiten. Schlagfertig, mit einem spitzbübischen Lachen ihre Antwort: «Das könnt ihr machen, wenn ich älter bin.» Damals stand sie kurz vor ihrem 86. Geburtstag.
Das grüne Seidentuch
Achtsam nimmt sie das grüne Tuch aus der Schachtel, streicht es mit ihren zarten Händen glatt und legt es sich um die Schulter. Dieses Stück Stoff ist nicht nur seit über zwei Jahrhunderten in Familienbesitz, sondern Teil
ihrer zu Papier gebrachten Familiengeschichte, die weit über die Grenzen des Engadins gelesen wurde. Marcella Maier erinnert sich: «Der Entwurf
lag seit geraumer Zeit auf meinem Schreibtisch, ohne einen Gedanken an Veröffentlichung.» An einer Vernissage kam das Gespräch zufällig im Beisein des Verlegers Max Weiss auf das Manuskript. «Einen Tag später legte ich ihm das Bündel Papier in den Briefkasten.» Nur zwei Tage später war klar: Das Buch wird gedruckt. Der Rest ist Geschichte. Die Erzählung über mehrere, meist von starken Frauen angeführten Generationen, angesiedelt im Bergell und Engadin, wurde zum Bestseller. Das Wissen um ein Buch, das im angesehenen Orell Füssli Buchhandel im Niederdorf in Zürich für eine ganze Weile den ersten Platz inne hatte, nimmt sie mit der ihr eigenen Bescheidenheit auf. Ebenso die Tat
sache, dass das Werk nicht nur im deutschsprachigen Ausland gekauft und gelesen wird, sondern den Weg bis nach Rom oder in eine Buchhandlung im neuseeländischen Auckland gefunden hat. Lachend fügt sie an: «Heute bin ich aber kein Bestseller mehr! Heute bin ich ein Longseller.»
Bewegte Geschichte
Über Marcella Maier zu schreiben fühlt sich ein bisschen an, wie Wasser in den Inn zu tragen. Seit Jahrzehnten bekannt durch unzählige Publikationen in Deutsch und Romanisch, zu Themen über das von ihr geliebte Engadin. Eine lebende Zeitzeugin, auch respektiert für ihre klare politische Meinung. 1972 wurde sie als erste Frau in den Gemeinderat von St.Moritz und 1981 gar in den Bündner Grossen Rat gewählt. Die zierliche Frau, meist mit einem Käppi unterwegs, das zu
ihrem Markenzeichen wurde, gehört zum Dorfbild von St.Moritz. «Das
Lokale war mir immer sehr wichtig», erklärt sie mit Bestimmtheit. Ihr Engagement ging weit über die Politik hinaus, soziale Aspekte vermochten sie ebenso zu mobilisieren, wie zum Beispiel die langjährige Zusammen-
arbeit mit Milli Weber, deren Museum sie auch nach dem Tod der Künstlerin über Jahre weiterführte.
Das Allerwichtigste ist ihr aber die eigene Familie. Noch heute leben mehrere Generationen vereint unter einem Dach. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem gutaussehenden Bergsteiger Duri Maier Touren im Hochgebirge unternahm, dachte sie nicht an eine Seilschaft fürs Leben. Der Mann, der sie sicher auf die Gipfel führte, wurde aber bald schon zu ihrer grossen Liebe. Es folgten Jahre des Glücks, gekrönt von vier Töchtern. Leider blieb auch Marcella Maier nicht von Schicksalsschlägen verschont. Ihre fünfte Tochter lebte nur wenige Stunden. Ihr Mann verstarb an der Alzheimer-Krankheit. Diese Situationen forderten ihre ganze Kraft, aber nur ganz selten kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Die Verarbeitung fand über berührende Gedichte statt. «Marcellina, a mia poppina morta.» Oder sie schrieb einen Text darüber, was es heisst, einen geliebten Menschen an dieser Krankheit des Vergessens zu verlieren. «Tü escht partieu sainza dir adieu.» Du bist gegangen, ohne dich zu verabschieden.
Das Glas ist immer halbvoll
Lass dich aufs Leben ein. Ihr Lebensmotto, noch heute. Nachdem sie ihr Augenlicht fast verloren hat, freut sie sich über all das, was sie noch kann. Möchte nicht dem nachtrauern, was ihr nicht mehr möglich ist. Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden ist ihr wichtig. Und die Zeit mit den Töchtern und deren Familien. Bücher und Zeitung liest sie mit einem Lesecomputer. Auf ihren Spaziergängen und für Kommissionen im Dorf lässt sie sich begleiten. Die leidenschaft
liche Köchin bekocht noch heute
ihren Familientisch. «Man muss mir am Morgen einfach die nötigen Zu
taten bereitstellen.»
«An welche meiner vier Töchter ich das grüne Seidentuch weitergebe?» Marcella Maier schweigt, überlegt
einen Augenblick. Mit einem feinen Lächeln erwidert sie: «Darauf gibts keine Antwort, sie sind mir alle gleich wichtig.»
Autor und Foto: Susanne Bonaca












Kommentare
Brodmann Gabriela
19/01/2013-19:14
Kerstin Stoeck
08/12/2012-14:30
Hannelore Eschle
19/07/2012-23:37
Eva Krieg (Mayer)
14/07/2012-05:22
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