Dass das Doppelkonzert von Johannes Brahms nur selten zu hören ist, liegt wohl daran, dass es schwierig ist, zwei Virtuosen dafür zu gewinnen. Markus Strasser, Konzertmeister und Initiant der Altjahreskonzerte, gelang dies mit der Einladung von Alexander Kagan, Violine, und seiner Mutter, Natalia Gutman, der grossartigen Cellistin und eine der interessantesten Musikerpersönlichkeiten.
Brahms hatte nicht im Sinn, die barocke Tradition der Concerti mit mehreren Solisten aufleben zu lassen. Vielmehr wollte er sich nach seiner 4. Sinfonie an einem neuartigen Sinfonie-Typus mit obligaten Instrumentensoli versuchen. Die Klangmöglichkeiten von Violine und Cello waren ihm mit seinen Sonaten bestens vertraut.
Schwungvoller Brahms
Nach der markanten Orchestereinleitung führten sich die Solisten mit einer Kadenz ein. Und sofort zeigte sich, dass hier zwei Virtuosen am Werk sind, die nicht nur hervorragend gestalten, sondern durchaus eigenwillig Musizierlust in den Dienst des Werkes stellen und wechselseitig führen und begleiten. Ganz wundervoll zelebrierten sie das ausschwingend sangliche Thema im Andante. Im dritten Satz wurde das scherzoähnliche Thema mal von den ausgezeichneten Bläsern, dann wieder mit vollem Schwung von den Streichern angegangen, nicht zu vergessen die markante Pauke. Erregende Rhythmik mit ständigem Wechsel von legato und staccato im dritten Satz erforderten vom Dirigenten vollen Einsatz und vom Orchester höchste Aufmerksamkeit. Beides konnte man mit grosser Bewunderung erleben. Natalia Gutman und ihr Sohn Alexander Kagan spielten sich mit ihrem virtuosen, hochmusikalischen Können in die Herzen der Zuhörer.
Nuancenreicher Dvorák
Von der 9. Sinfonie von Antonin Dvorák geht ein eigenartiger Reiz aus. Es ist wohl die spezielle Verschmelzung von Elementen der amerikanischen und tschechischen Volksmusik, die das Werk so populär machen. Die Celli lassen zunächst ein Motiv leise aufbrechen, das zur Flöte wandert. Der volle Streicherklang greift in fortissimo ein, aufreizend fahren Pauke und Blechbläser dazwischen. Hörner, Klarinetten und Fagotte blühen auf, alle präzis und klangschön. Heitere Motive erscheinen in Flöte und Oboe, ebenso delikat geblasen. Und so wurde in allen vier Sätzen mit viel Aufmerksamkeit und Leidenschaft die Partitur ausgeleuchtet. «Legende» nennt Dvorák das Largo. Feierliche Blechbläserklänge wechseln mit gedämpften Streicherharmonien. Die Violinen singen eine wundervolle Melodie, das Englischhorn stimmt eine melancholische Weise an. Eine ergreifende Musik, die das Orchester mit viel Emotion gestaltete. Tschechische und amerikanische Elemente im blutvollen Scherzo. Derbheit und liebenswürdiger Humor, nahezu Walzerseligkeit klingen an und im Finale schmettern Hörner und Trompeten das pathetische Thema «der neuen Welt». Die Klarinette übernimmt das zweite Thema, eine sehnsuchtsvolle Melodie aus Dvorˇáks böhmischer Heimat. Im freudigen Ausklang kommt das Hauptthema aus dem ersten Satz zurück, die Liebe zur Heimat hat gesiegt.
Welch eine wunderschöne Aufführung mit all ihren Schattierungen haben uns Marc Andreae und seine hervorragenden Musiker und Musikerinnen geschenkt, lang anhaltender Beifall des begeisterten Publikums.
Als Zugabe machte etwas von Franz Liszt Sinn, Zeitgenosse von Brahms und Dvorák. Aber was? Nach langem Suchen entschloss sich Marc Andreae, über das bekannte «Liebeslied» eine Orchesterbearbeitung zu schreiben. Noch einmal liess das Orchester sein ganzes Klangspektrum aufleuchten. Mit viel Freude und Enthusiasmus wurde das Publikum in die kalte Winternacht entlassen mit diesem schönen musikalischen Jahresausklang.
Autor: Gerhard Franz















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