Blues – frech,sinnlich und ungestüm

Swingend-rockiger Blues und spritzige Bühnenshows prägten das siebte Out of the Blue’s. Gegen 400 Besucher wurden an den zwei Bluesabenden in Samedan verzeichnet, die beide in stupenden Jam-Sessions gipfelten.

Das siebte «Out of the Blue’s Samedan» ist am Sonntag zu Ende gegangen. Es zeigte exemplarisch auf, wie sich eine wohlüberlegte Programmation auf ein Festival auswirken kann. Wer insgesamt zehn Bands aufspielen lässt, muss versuchen, sie in eine Reihenfolge einzubetten, die einerseits Abwechslung garantiert, andererseits aber den Aufbau einer musikalischen Spannung bis zur letzten Konzert-
minute erlaubt. Dem Initiator und OK-Präsidenten dieses Bluesfestivals Romano Romizi ist dies heuer besonders gut gelungen. Der beste Beweis hierfür ist, dass die allermeisten Konzertbesucher am Freitag- und Samstagabend bis zum Schluss blieben, besser gesagt bis zum Ende der Jam-Sessions, also demjenigen spontanen Zusammenspiel verschiedenster Musiker,
die das Konzertprogramm unverhofft, aber sehr zur Freude des Publikums noch etwas verlängern. Um ein paar Minuten, eine Viertelstunde oder eben – wie dies bei dieser Festival-
ausgabe der Fall war – um jeweils fast eine Stunde. Am Freitag stand eher der «Urban Blues» aus Chicago auf dem Programm, der Samstag wurde musikalisch gesehen mehr vom Südstaaten-Blues geprägt, von New Orleans, Zydeco und Cajun.

 

Umwerfender Guitar Ray

Sehr gut kam schon die WarmUp-Band beim Publikum an: den Auftritt der «Academia Blues Students» aus Samedan, bei dem sich die jungen einheimischen Blueserinnen und Blueser mit einem bunten Bluesmix über Erwarten gut schlugen, wollten sich viele Konzertgänger nicht entgehen lassen. Entsprechend viel Volk fand sich schon von den ersten Festivalminuten vor der Bühne in der Lehrwerkstatt für Schreiner ein. «Ball and Chains» übernahmen daraufhin nahtlos das musikalische Szepter und setzten als Opener Band die Latte hoch: Chicago Blues vom Feinsten wurde geboten, Eigenkompositionen wie auch Stücke eines Muddy Waters oder Robert Johnson sangen und spielten die vier Profimusiker, die schon Mitte der Neunzigerjahre zusammen waren und sich vor wenigen Jahren wieder in einer Band gefunden haben.
«I Souliti Ignoti» eröffneten daraufhin den Wettbewerbsblock des Festivals. Die zwölf jungen Frauen und Männer begannen ihren Bühnenauftritt gleich mit einem Stimmungsmacher, dem Blues-Brothers-Welthit «Everybody needs Somebody to Love». Auf ihren frischen, rockig-swingenden Auftritt folgten «Blue Cacao & Vissia Trovato»: Rhythm’n’Blues mit viel Gefühl interpretierte diese Fünf-Mann-Band mit heraus-
ragender Frauenstimme. Neben Songs von Etta James, Ray Charles oder Jimmy Hendrix interpretierte das Ensemble auch zahlreiche Eigenkompositionen. Der Star des Abends: Guitar Ray & The Gamblers. Gitarrist Ray, ein Vollblutmusiker und -sänger, legte ein hinreissendes Konzert hin, bei dem man ganz einfach nicht ruhig sitzen konnte. Mit Spitzenmusikern im Hintergrund, darunter Top-Bläsern, schlug er sein Publikum von Beginn weg in den Bann. Sehr kommunikativ erläuterte er seine Songs und mischte sich zwischendurch auch musizierend unter die Zuhörer, sehr zum Gaudi des Publikums. Als Zugabe gab’s von ihm nicht nur ein, zwei Songs, sondern eine gut halbstündige Jam Session, zu der er Musiker des Abends zu sich auf die Bühne lud.

 

Blues-Shows auf höchstem Niveau

Der Spirit von Louisiana machte sich am darauffolgenden Konzertabend breit: Dem Charme und der Show des Energiebündels Stefanie Ghizzoni konnte sich in der Zimmerei Freund kaum jemand entziehen. Mit ihrer warmen, kräftigen Stimme entführte die Leadsängerin der «Alligator Nail» ihr Publikum in mysteriöse Voodoo-Welten und vermittelte Südstaatenatmosphäre. Im Wettbewerbsblock spielte dann die «Tecar Blues Band» aus Siena soliden, gitarristisch geprägten Rhythm’n’Blues, Cover-Songs von Ray Charles über Stevie Wonder bis zu Tom Waits und Muddy Waters ertönten. Mit der «Nat Soul Band»,
die nicht nur auf das Repertoire eines Nat King Cole Bezug nahm, sondern mit seiner munteren Lead-Sängerin auch noch eine unterhaltsame Bühnenshow hinlegte, ging der Wettbewerbsblock zu Ende.
Dann trat derjenige Mann auf, auf den alle erklärten Blues-Freunde gewartet hatten: Sänger und Bluesharpist Andy J Forest und seine Mitmusiker spielten den Zuhörern um die Ohren, dass es eine wahre Freude wahr. Delta-Blues-Trauer, ironischer Abgesang auf zerbrochene Liebschaften sowie jubilierende Lebenshoffnung: Geschichten aus dem Alltag mit viel Gefühl unterlegt und instrumental meisterhaft interpretiert packten die Zuhörer. Wie Guitar Ray entpuppte sich Andy J Forest als absoluter Show-Profi, der auch mal temperamentvoll Washboard, Mundharmonika, Mütze und Sacko von der Bühne runter schmiss...
Unterbrochen nur durch die Prämierung der Wettbewerbsgewinner (BlueCacao & Vissia Trovato) ging Andy J Forests Auftritt praktisch nahtlos in eine fulminante Jam Session über, die mit zum Besten gehörte, was es an den sieben Ausgaben des Out of the Blue’s bisher zu hören gab. Besinnlich klang das Festival am Sonntagmorgen schliesslich mit dem Auftritt der beiden Gitarristen des Duo Baton Rouge in der Samedner Dorfkirche aus.
Das hohe musikalische Niveau zu halten oder gar zu steigern und noch mehr Zuhörer anzuziehen, ist das erklärte Ziel der Festival-Organisatoren nach ihrer ersten, kurzen Festivalbilanz. Das achte Out of the Blue’s findet vom 18. bis 20. Januar 2013 statt.

 

Autorin: Marie-Claire Jur
 

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