Ein überaus schöpferischer Künstler

Giuliano Pedretti ist nicht mehr. Der Engadiner Bildhauer starb am 9. Januar. Ulrich Suter, Herausgeber von zwei Pedretti-Monografien, würdigt das Schaffen des
innovativen Künstlers.

Wie modelliere ich mit einem Klumpen Lehm das Licht? Und wie einen Tsunami? Wie ist es möglich, ein Mädchen auf einem Stuhl so in eine Plastik umzusetzen, dass man beim Betrachten auf die Sitzende hinunter sieht, obschon sie hoch oben auf eine Wand montiert ist? Unlösbare Fragen stellt uns die Kunst, so scheint es. Giuliano Pedretti, der Schweizer Ausnahmekünstler, fand auf die herausfordernden Probleme der Bildhauerei überzeugende Antworten. Mit Intuition, Intelligenz und Mut gelang es ihm, der Jahrtausende alten Geschichte der Bildhauerei Neues hinzuzufügen. In den Jahren nach 1988 führte er, von der gewohnten Vertikalität abrückend, als Erster die mehrfache Schräge in die figürliche Plastik ein. Dadurch erhalten die Werke einen
autonomen Raum. An der Wand fixiert, bringen sie den realen Raum zum Kippen und stellen den Standpunkt des Betrachters in Frage.

 

Kunst als Gegenkraft zur Natur

Wie kontinuierlich und stringent der Künstler gearbeitet hat, legt ein zeitlicher Querschnitt durch die Arbeiten der letzten siebzig Jahre offen. Im Grossen kreist seine Arbeit um die existenziellen Probleme des Lebens und der Bildhauerei; im Einzelnen ist sie geleitet von einer unbeirrbaren Folgerichtigkeit. Kunst war für Giuliano Pedretti nie «Gag». Vielmehr ging es ihm, der wie die ersten Höhlenmenschen mit Lehm modellierte, «um das Schöpferische – etwas künstlich Lebendiges, um eine Gegenkraft zur Natur, um ein geistiges Über- und Weiterleben gegen den Zerfall der Welt, gegen den Tod und die Zeit». Nach den frühesten in klassischer Manier gearbeiteten dreidimensionalen Porträts rückt er seit den 1950er-Jahren von der Anatomie ab, modelliert unter dem Einfluss von Auguste Rodin und Medardo Rosso das Licht anstelle des Gegenstandes und entwickelt eine impressionistische Darstellungsweise. Auf diese Phase der Dreidimensionalität entstehen zwischen 1980 und 1985 auf der Grundlage von Zeichnungen flache Figuren. Sie werden auf eine Glasscheibe modelliert, abgegossen und als armiertes Positiv frei im Raum aufgestellt. Als nächsten Schritt fügt er die zwei Seiten einer Figur wieder aneinander und erreicht so eine «Dreidimensionalität ohne Volumen». Die Figur kann wieder umschritten und nicht nur frontal betrachtet werden. Darauf folgt in den späten 1980er-Jahren die oben gewürdigte Entdeckung der schrägen Darstellung. Eine Leis-
tung, die Pedretti einen festen Platz in der Kunstgeschichte sichert.

 

Weggefährte Alberto Giacomettis

Ein weiteres – man darf sagen: immenses – Verdienst Giuliano Pedrettis ist seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk seines Weggefährten Alberto Giacometti. Pedretti bezeichnete ihn als seinen Massstab. Kein Künstler hat sich intensiver mit dem Werk des Bergellers beschäftigt. Man stelle sich den erhellenden Dialog vor, der sich zwischen ihren Werken ergibt. Da beide Künstler durch genuin künstlerische Fragen angetrieben wurden, können ihre Werke je für sich und nebeneinander bestehen. Es ist an den Museen, Pedrettis Werken das Wort zu erteilen und die beiden eigenständigen Lebenswerke zueinander sprechen zu lassen. Realiter waren sich die beiden Landsleute 1943 in Maloja erstmals begegnet.
Nicht anders als bei Giacometti, setzt die Würdigung der künstlerischen Leistung Pedrettis eine kollektive Seharbeit voraus. Das Entziffern der komplexen Formensprache Pedrettis ist ein Abenteuer und muss von der Fachwelt und dem Publikum über Jahrzehnte geleistet werden. Kunst ist stets Risiko – man kann als Künstler nicht nur darin scheitern, Kunst zu machen, man kann als Betrachter vor allem auch darin scheitern, Kunst zu sehen.
Die letzten zehn Jahre von Pedrettis künstlerischer Forschung stehen im Zeichen der «Schizo»-Plastiken: Im dynamischen Spätwerk führt die Asymmetrie – sie beruht auf der unterschiedlichen Behandlung der Licht- und der Schattenseite – zur effektiven Spaltung der Figuren. Pedretti trennt die Kopf- und Körperhälften durch einen Abstand. Die entstehende Leere entlarvt einerseits das Schizophrene des Menschen und ergibt andererseits ein gleichsam schwereloses Volumen.
Alles so formlos wie möglich zu machen, danach trachtete der Künstler, dem es um die Vision ging. Wie es ihm gelang, bei aller Auflösung physiognomische Ähnlichkeit herzustellen, verblüfft und kann an Skulpturen
gezeigt werden, die er nach lebenden Personen anfertigte. Psychologisches Gespür, Begabung und ein absoluter Blick sind dazu Bedingung. Das Geheimnis indes bleibt.

 

Anerkennung übers Engadin hinaus

Pedrettis Bronzen begegnet man von Basel bis Graubünden. Mit der provozierenden «Kuh» in Riehen schuf Pedretti eine Ikone, wie sie Picasso mit einer meisterhaften Bronze-Ziege gelungen war. In Davos steht sein grimmiger Wolf beim Kongresshaus und in Sils-Maria weist die dynamische «Nietzsche»-Figur dem Besucher den Weg ins Nietzsche-Haus.
In seiner Totalität ist sein Œuvre Ausdruck eines einzigen grossen Gedankens. Eines Gedankens, der betroffen macht – der dem Betrachter aber auch die weite Dimension des Erhabenen und Schönen offen legt.
Kondolenzschreiben aus dem Louvre in Paris bis hin nach Berlin zeugen von der Beachtung, die dem Künstler am Ende seines Lebens zuteil wird.
Giuliano Pedrettis künstlerisches Vermächtnis schenkt uns, was sein plötzlicher Tod von uns nimmt.

 

Autor: Ulrich Suter
 

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