Ein Leben im Dienste der anderen

Wenn Engadiner und ihr Leben im Hotel Laudinella vorgestellt werden, interessiert das Einheimische wie Gäste. Am Montag war die Reihe an Hilde Torri, einer St. Moritzerin, die jahrzehntelang als Haushälterin diente.

Leute aus der Region kennen lernen. Das geht auch über eine Veranstaltungsreihe, welche das St.Moritzer Hotel Laudinella seit geraumer Zeit anbietet. Touristen wie auch viele Engadiner verpassen keine Ausgabe dieser im Schnitt sechs bis acht Gespräche, an denen mal bekannte und mal weniger bekannte Persönlichkeiten aus Südbünden vorgestellt werden. Den Auftakt zum diesjährigen «Das Engadin leben» machte am Montag die 86-jährige St.Moritzerin Hilde Torri. Vorgestellt wurde sie von Marie-Theres Gammeter, Mitglied der Kulturkommission St. Moritz, die sich mit der betagten, aber noch sehr rüstigen Frau unterhielt.

 

Ungestüme Kindheit

Geboren wurde Hilde Torri 1925 nicht in St. Moritz, sondern in Scuol. Als sie noch ein Baby war, zogen die Eltern nach St. Moritz, wo der Vater als Telefonmagaziner eine Anstellung fand. Torri wuchs in einer kinderreichen Familie auf, sie war das vierte von insgesamt zehn Kindern. Bei so einem grossen Haushalt war es selbstverständlich, dass die Kinder auch an-
packen mussten. Im Frühling und Herbst beispielsweise ging sie mit ihren Geschwistern in den Wald, um Holz zu sammeln, Holz für die Zentralheizung des elterlichen Chalets. Auch die Mithilfe im Haushalt und
die Aufsicht über die jüngeren Geschwister prägten das Leben der jungen Hilde Torri, die sich an eine zwar entbehrungsreiche, aber zugleich bereichernde Kindheit erinnert. «Wir Torri-Kinder waren berüchtigt, weil wir ungestüm und laut waren.» Dies brachte die Mutter so weit, die Kinder nicht auswärts bei den Schulkameraden im Lehrer-Beamtenhaus spielen zu lassen, sondern gleich zu sich nach Hause einzuladen, wo ihr Krachmachen weit weniger störte.
Hilde Torri ist im St.Moritz der Vorkriegszeit aufgewachsen, als es noch keinen reformierten Kindergarten gab, der katholische aber aus allen Nähten platzte. Dorf und Bad waren noch durch eine Tramlinie miteinander verbunden. Im Winter gehörte das Schlitteln auf der Via Chavallera bis zur Reithalle oder das Skifahren im noch völlig unbebauten Gebiet Salet zu den Freizeitvergnügungen, im Sommer bereiteten die sonntäglichen Ausflüge viel Spass, wo die ganze zehnköpfige Familie in langen, flachen Booten von italienischen «Barcaröls» über den St.Moritzersee gerudert wurde oder Wanderungen in der Region auf dem Programm standen.

 

Verzicht in jungen Jahren

Eigentlich wollte Hilde Torri Kinderkrankenschwester lernen. Doch aus diesem Traum wurde nichts. Die jungen Frau, die gerade in einer Freiburger Familie den Haushalt führte, musste zurück nach St.Moritz. Die schwerkranke Mutter ersetzen und nach ihrem Tode neben dem Haushalt auch die jüngeren Geschwister gross ziehen. «Das war eine sehr schwere Zeit für mich», meinte Hilde Torri rückblickend. Einen Ausgleich zur Arbeit bildete das Singen im Kirchenchor.
Kochen, den Haushalt führen und mit Kindern umgehen. Diese Fertigkeiten hatte sich Hilde Torri seit ihrer Jugend angeeignet. Ihre Wünsche zurückzunehmen und zu dienen – dies schien ihr Schicksal zu sein. Als Haushälterin hat sie jahrzehntelang im Engadin und auch im Unterland gearbeitet und gelebt. Am schönsten erschien ihr die Zeit als Pfarrhaushälterin in Richterswil. In diesen fünfzehn Jahren hat sie einiges von der Ökumene-Bewegung mitbekommen, viele interessante Leute kennen gelernt und sich aufgehoben gefühlt: «Ich konnte mit an den Tisch sitzen.» Am allerliebsten wäre Hilde Torri aber im Welschland geblieben und Kinderkrankenschwester geworden. «Es ist nicht alles so gelaufen, wie ich wollte, aber ich bin trotzdem zufrieden», meinte die betagte Frau, welche Bescheidenheit und Dienstfertigkeit in Person zu sein scheint. Den Ausflug in dieses einfache Leben und in eine andere Zeit illustrierten einige ausgewählte historische Fotos, die während des Gesprächs projiziert wurden.

 

Autorin: Marie-Claire Jur
 

Kommentare

Gruss nach St. Moritz aus Richterswil. Wir hatten mit Hilde eine gute Zeit in der Pfarrei und im Dorf. Sie war ein Begriff hier und "das Pfarrhaus" hatte Respekt weit über die Pfarrei hinaus. Hilde war immer bescheiden, aber auch klug und stark und stolz und lebensfroh. Unvergessen ist die Pfarreifasnacht, auf der sie bis in die Morgenstunden das Tanzbein geschwungen hat und dann, ohne zu schlafen, am Morgen ihren Dienst wieder angetreten hat. Das ist Hilde! Liebe Hilde alle guten Wünsche zum Geburtstag.

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.