Freundschaft ist zu wagen

Freundschaft ist ein Lebensthema von Iso Camartin. Der Bündner Kulturvermittler las in Pontresina aus seinem Buch
«Im Garten der Freundschaft».

Die Präsenz des Autors und seine Begeisterung für das Thema Freundschaft waren sofort greifbar und überspringend. Den Gästen der Lesung im Hotel Rosatsch in Pontresina war bald klar, dass der Autor sich leidenschaftlich, mit grosser Sorgfalt und nicht ohne Skepsis mit der Thematik auseinandergesetzt hat.
Das 300 Seiten starke Werk, eine so genannte Spurensuche, mit Kapiteln wie «Taugst du zum Freund?», «Fallen der Freundschaft», «Grosse Worte über Freundschaft», «Männerfreundschaft und Frauenfreundschaft», ist anspruchsvoll. Es gibt allen, die sich in Freundschaft geborgen fühlen – und wer wäre das nicht – zum Teil happige Gedankenanstösse.
 

22 Jahre Schlummerzeit

Eigentlich wollte Camartin «Im Garten der Freundschaft», ein wissenschaftliches Buch, wie es sich für den Kulturwissenschaftler, Romanisten und Philosophen ziemt, schon lange und zwar in Berlin schreiben. Doch das Jahr 1989 mit dem unverhofften Fall der Berliner Mauer setzte schlicht neue Prioritäten. Die in 18 Ordnern gesammelten Materialien mussten warten. Sie schlummerten vor sich hin «unter meinem Pult, ich konnte sie mit meinen Zehen spüren..., jetzt ist es ein Erzählbuch geworden».
In künstlerischer Freiheit spannt Camartin einen phantastischen Bogen vom Grossmogul von Samarkand an der Seidenstrasse zur Hauptfigur des Buches, zu einem älteren Schweizer Bibliothekar. Im Auftrag des Grossmoguls soll ein immenser Freundschaftspalast errichtet werden, «eine ideale Schule der Gelehrsamkeit», die das Beste seit der Antike in Bezug auf Freundschaft von Orient und Okzident vereinigen soll. Besagter Bibliothekar sammelt seit Jahren Bücher aus der westlichen Geisteswelt, die sich mit Freundschaft befassen. Er wäre für den Grossmogul der geeignete Mann und soll die Freundschaftskultur des Westens repräsentativ in seinen Palast einbringen.
 

Von Aristoteles bis Samuel Bekett

Anschaulich, geistreich, historisch fundiert und mitunter sehr persönlich erörterte Camartin viele Facetten von Freundschaft. Er breitete in der Lesung und erst recht im Buch sein Wissen zum Thema grosszügig aus, unter anderem mit Bezug auf Geistesgrössen wie Aristoteles, Spinoza, Thomas von Aquin, Michel de Montaigne, Ernst Bloch, Samuel Bekett und in Erinnerung an den amerikanischen Künstler Hyman Bloom.
Erst seit sich mit der Renaissance die Familienbande im Westen gelockert haben, kann man Freunde aussuchen. Freundschaft beruht auf Wahl und Wechselseitigkeit und auf beiderseitigem Geben und Nehmen. Im Gegensatz etwa zum «Ehejoch» mit vielseitigen familiären Verpflichtungen sei in der Freundschaft Pflicht freiwillig und mit Freude verbunden. Klar beinhaltet sie auch Konfliktfähigkeit, doch es spielt sich immer ab im Bereich von Wohlwollen und existenzieller gegenseitiger Zustimmung.
 

Ins Feuer geraten

Stella, eine Kollegin, warnt den Bibliothekar, er sei den Philosophen geradezu hörig. Sie meint, er würde am Ende das Phänomen Freundschaft besser verstehen, wenn er sie als Freundin begreifen könnte, anstatt allen Geistesgrössen nachzulaufen... Was da leichthin mit Augenzwinkern gesagt wird, hat vermutlich lange genug in der Materialiensammlung geschlummert, um sich schliesslich als aktive Aufforderung zu entpuppen: Freundschaft sei zu wagen! Camartin hat aus dem Vollen geschöpft und stellte zum Schluss charmant fest: «Da bin ich aber recht ins Feuer geraten!» Genau so war es, zum Gewinn und Genuss der Zuhörerschaft.
Iso Camartin «Im Garten der Freundschaft», ISBN 978-3-406-62158-1.

Autorin: Ursa Rauschenbach-Dallmaier
 

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