Curdin Guler, Skulpteur und Skikjöring-Fahrer

Die Liebe zum Pferd hinterlässt beim gebürtigen Münstertaler Curdin Guler unübersehbare Spuren. Zum einen als begnadeter Hersteller von Pferdeskulpturen, zum anderen als gewiefter Protagonist bei den St. Moritzer Pferderennen.

Eine metallene Pferde-Plastik auf dem St. Moritzersee zieht dieser Tage die Aufmerksamkeit vieler Passanten auf sich und ist während der Pferderennen beliebtes Fotosujet. Sie stammt von Curdin Guler, einem Holzbildhauer, der seit kurzem vermehrt auch Skulpturen aus Blech anfertigt. Die so leichtfüssig über das White Turf-Gelände galoppierende Blechfigur macht neugierig auf mehr. Im Atelier in Maloja ergibt sich die Möglichkeit, mit dem Künstler zu sprechen und ihm bei der Arbeit zuzuschauen.

 

Blechstückweise zum Kunstwerk

Guler ist gerade an einem lebensgros-sen Hirsch, dem er ein Blechstück ins noch unvollständige Hinterteil schweisst. Die Figur ist noch nicht mal zur Hälfte fertig und gibt ihr Innenleben frei: Mit eisernen Armierstangen hat der Künstler zuerst mal das «Skelett» angefertigt, über das dann die «Aussenhaut» aus Millimeter-Blech gezogen wird. Wichtig ist beim ersten Arbeitsschritt, dem «Skelett-Bauen», dass die Proportionen korrekt sind, erklärt Guler seine Fertigungsmethode. Die Rückenlinie muss als Erstes stimmen, aber auch die einzelnen Körperteile müssen dem Gesetz der Propor-tionalität gehorchen. «Die Kopflänge bei einem Pferd beispielsweise muss gleich der Länge des Oberschenkelknochens sein», erklärt der Künstler. Erst wenn das Skelett steht und die gewünschte Haltung widergibt, macht sich Guler an das Ausschneiden und Formen von Blechteilen, die er dann der Anatomie des Hirsches und dessen Haltung entsprechend Stück für Stück zu einem ganzen Korpus zusammenschweisst. Hie und da muss Guler auch korrigieren, ein Blechteil wieder wegnehmen und abgeändert wieder anfügen. So wächst die Figur in einem lange andauernden Arbeitsprozess. Die Punktschweiss-Nähte heben sich schwarz von den matt gräulich schimmernden Metallflächen ab und deuten Muskeln und Rippen an. Durch diese Technik gewinnt die Figur an Plastizität. Gleichzeitig sind diese Schweissnähte sowas wie ein Markenzeichen des Künstlers. «Mein Ziel ist es, ein Tier so naturalistisch wie nur möglich hinzukriegen», erzählt Guler, der sich von Fotos, von Bildern, aber auch von seiner eigenen Tierbeobachtung inspirieren lässt. Am schwierigsten zu gestalten seien neben der Körperhaltung und Bewegung der Gesichtsausdruck des Tieres, erklärt er.

 

Ausgeprägte Naturliebe

Sein Wunsch, künstlerisch tätig zu werden, kam früh, gleich nach der obligatorischen Schulzeit schrieb sich Guler in die Holzbildhauerschule von Brienz ein. Doch von Kunst zu leben ist schwer. Immer wieder verlor der mittlerweile 35-Jährige die Kunst aus den Augen und arbeitete mal als Baggerfahrer oder auch mal im Hotel. «Aber ich bin immer wieder zur Kunst zurückgekommen», sagt Guler, der am liebsten Menschen und Tiere herstellt. Die Liebe zur Natur, zur Naturbeobachtung wurde dem in Fuldera Aufgewachsenen gleichsam in die Wiege gelegt, er ist in eine Försterfamilie hineingeboren und reitet seit seiner Jugend. Nicht wettkampfmässig, sondern aus reiner Freude. «Mein emotionaler Bezug zum Pferd ist gross», sagt Guler, der sich auch mit so genannten Problempferden auskennt und früher junge Pferde angeritten ist. «Immer wenn ich als Künstler ein Pferd machen kann, ob aus Holz oder wie eben jetzt vermehrt auch aus Blech, freue ich mich.»
Als Guler mit dreissig Jahren von Bern nach St. Moritz übersiedelte, erlangte er bald das Bündner Jagdpatent. Ein fanatischer Jäger sei er zwar nicht, meint er, doch das spiegeln hat ihn zweifellos zu einem guten Tierbeobachter gemacht. Er arbeitet derzeit sowohl mit Holz wie auch mit Metall und fertigt nicht nur grosse Tierskulpturen an. Von ihm stammen auch etliche Gebrauchsgegenstände aus dem Bereich der Innendekoration, beispielsweise mit Hirschgeweih verzierte Kronleuchter oder Spiegel. Was Guler aber wirklich umtreibt ist der Wunsch, längerfristig allein von seiner Kunst leben zu können. Einen ersten Schritt hierzu hat er vor wenigen Monaten getan, als Gönnerfreunde eine einfache Gesellschaft gründeten und ihn anstellten.

 

Reiten + skifahren= Skikjöring

Der Liebe zum Pferd und fürs Skifahren ist es auch zuzurechnen, dass Guler am White Turf nicht nur mit seiner Pferdeskulptur präsent ist, sondern auch am Skikjöring teilnimmt. Was ihn daran besonders fasziniert? – «Die Kombination von Pferd und Ski. Die Geschwindigkeit, die Gefährlichkeit, die Wettkampfstimmung». Skikjöring-König ist er, der seit 2008 dabei ist, noch nicht geworden. Doch einmal hat er den zweiten Platz belegt. Bei den Rennen kommt Guler seine Pferdekenntnis zugut, das Skifahren sei weniger wichtig, sagt er. «Du kannst der beste Skifahrer der Welt sein. Wenn ein Pferd dir auf die Skier tritt, nützt dir das gar nichts mehr.»
Rund drei Monate arbeitete Guler an seiner Pferdeskulptur, die beim Eingang zur Prämierungsbühne des White Turf steht. Was möchte er einestags herstellen können, was wäre sein künstlerischer Traum? «Vielleicht eine Figurengruppe, mehrere Pferde mit Jockeys», sagt er. Vielleicht eine Vision, die sich realisieren lässt.

 

Autorin: Marie-Claire Jur

Mehr: 

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.