Die bisherige Wintersaison war für die Bergbahnbranche eine schlechte. Die Zahlen des Bündner Tourismusmonitorings sprechen diesbezüglich eine klare Sprache. Wird es trotzdem gelingen, durch eine zweite gute Wintersaisonhälfte die erlittenen Einbussen auszugleichen?
«Das ist nicht mehr zu schaffen, wir können bestenfalls eine Schadensbegrenzung erzielen», meint Geschäftsführer Markus Moser von der Corvatsch AG. «Dieses Minus ist nicht mehr aufzuholen», sagt auch Egon Scheiwiller von den Bergbahnen Motta Naluns-Scuol-Ftan-Sent. «Kompensieren können wir nicht mehr, auch wenn wir bis Ende Saison noch einige gute Anlässe haben. Es müsste schon ein Wunder geschehen», sagt Mario Jenal von den Bergbahnen Samnaun. «Eine solche Breitseite, die wir bekommen haben, ist nicht mehr wegzustecken. Gleich drei ‘W’ haben bisher gegen uns gearbeitet, nämlich das Wetter, die Währung und die Wirtschaftslage zusammen», sagt Dieter Bogner von den Bergbahnen St.Moritz Engadin (BEST).
Optimales Angebot schaffen
Gerne sprechen die vier Bergbahnverantwortlichen nicht über den bisherigen Winter, sie scheinen ihn innerlich wie schon abgeschrieben zu haben. Was nicht heisst, dass sie sich jetzt zurücklehnen. Gegen das Wetter könne man nicht ankämpfen, sind sich alle einig. Doch auf das Angebot einwirken schon. Perfekte Pisten, komfortable und effiziente Beförderungsanlagen, ein ansprechendes Gastronomieangebot. In diesen Bereichen konzentrieren sich die Anstrengungen des Personals und die Investitionen der Unternehmen. So werden bald auch die letzten Bügellifte durch Sessellifte ersetzt sein (Corvatsch, Motta Naluns), die teils noch veralteten Pisten-Restaurants umgebaut und mit attraktivem Gastronomieangebot versehen (Motta Naluns), der Fun-Park-Ausbau vorangetrieben (Corvatsch) und eine zweite Verbindungsachse nach Ischgl und mehr Pistenraum (Samnaun) realisiert sein. Im Kampf um die Wintersportler habe ein regelrechtes Wettrüsten eingesetzt, meint Scheiwiller. «Allein 34 Millionen Franken haben wir in den letzten drei, vier Jahren in unser Skigebiet investiert», sagt er.
Genügen diese Anstrengungen im Hinblick darauf, dass die hiesigen Bergbahnen nicht nur in Konkurrenz zu in- und ausländischen Wintersportgebieten stehen?
Vielfalt kann auch schaden
Markus Moser spricht in diesem Kontext noch zwei Herausforderungen an, mit der die Bergbahnunternehmen zu kämpfen haben: Die Vielfalt des Angebots im Tal. Während früher die Wintersportler auch an Schlechtwettertagen noch auf den Berg kamen und ihr Wochenabo herauszufahren versuchten, entschlössen sie sich jetzt nur noch bei optimalen Bedingungen, Ski zu laufen. Bei Schlechtwetter lockten andere Angebote wie Wellnessen oder Shoppen. Zudem sei die Vielfalt an Sportaktivitäten gross. Langlaufen, Schlittschuh laufen, Curling spielen und spazieren könne man fast überall im Tal. In den letzten Jahren hätten sich zusätzliche Outdoor-Winteraktivitäten wie Schneeschuh laufen, Kiten oder Eisklettern dazugesellt. Diese Vielfalt im Angebot sei grundsätzlich gut für die Region. «Das Engadin ist das grösste Freiluft-Sportzentrum der Ostalpen», meint Moser, deswegen sei es auch weit attraktiver als beispielsweise Lech oder St.Anton im Tirol. Doch diese Vielfalt sei nicht nur ein Segen, sondern manchmal ein Fluch. Wie beispielsweise während dieser ersten Winterhälfte. «Es waren zwar viele Gäste im Tal, sie kamen aber aufgrund des schlechten Wetters nicht auf den Berg und machten was anderes.»
Was braucht es – aus Sicht der hiesigen Bergbahnen – damit ihre Branche ungeachtet des (schlechten) Wetters auch mittelfristig Bestand hat? Für Moser ist es beispielsweise eine weitere Differenzierung des Angebots innerhalb des Tals, aber auch die Nutzung von neuen Trends, beispielsweise das Free-Riden, also das Skifahren und Snowboarden ausserhalb der Pisten
im Tiefschnee.
Flexibler werden
Mario Jenal nennt bessere Rahmenbedingungen, die durch die Politik geschaffen werden müssten. Sie betreffen einen günstigeren Euro-Franken-Wechselkurs, aber auch schnellere Bewilligungsverfahren für Projekte der Bergbahnen. Die Erschliessung neuer Märkte ist für ihn aber ebenso vordringlich. Dabei denkt er nicht nur ans Ausland, sondern auch an kleine Gästegruppen. «Die Region Samnaun ist nicht zu finden in Reisekatalogen» kritisiert er. «Es darf nicht sein, dass ein Busunternehmer mit 50 Personen für ein Wochenende anreisen will, eine Unterkunft sucht, aber keine bekommt, obschon nachweislich die Kapazitäten sehr wohl zur Verfügung standen.» Es seien alle touristischen Leistungsträger in der Region gefordert. «Früher brauchten wir die Tour-Operator nicht. Das ging 20 Jahre gut. Jetzt aber müssen wir umdenken und flexibler werden, und zwar alle», sagt Jenal bestimmt.
Jugend fürs Skifahren begeistern
Ein gewisses Umdenken und Kreativität sind auch im Oberengadin gefragt. «Wir können weit weniger als andere Wintersportregionen auf Tagestouristen zählen und sind auf Übernachtungsgäste angewiesen», sagt Bogner. Erste Priorität hat für ihn die Schaffung von neuen Ferienbetten, vorab in der Hotellerie. Sehr wichtig ist zudem, die nächste Generation für den Wintersport zu begeistern. Früher sei die Schweizer Jugend noch regelmässig fürs Schulskilager angereist, diese Situation habe sich aber grundsätzlich geändert, erklärt Bogner. Städte und Gemeinden verkaufen ihre Ferienheime, viele Jugendliche, vor allem von Migranteneltern, haben von Haus auf keinen Bezug zum Wintersport, Lehrer sind nicht mehr motiviert, Verantwortung für ein Skilager zu übernehmen. Verschiedene Initiativen
seitens der Bergbahnen, der Schneesportschulen und weiterer touristischer Leistungsträger laufen darauf hinaus, mit attraktiven Angeboten die Jugend wieder vermehrt für das Skifahren zu begeistern. Die neuste Idee, initiiert vom Verband Seilbahnen Schweiz und Swiss Ski, ist seit einer Woche in der Vernehmlassung: Schneesportwochen für die Jugend sollen aus der Region heraus kreiert und organisiert werden. So wie ein Tour-Operator ein Gesamtpackage schnüren kann, sollen auch für ganze Schulklassen attraktive Angebote mit Übernachtung, Skipass, Skischule, ÖV und weiteren Optionen angeboten werden. Wer da in der Region am ehesten die koordinierende Funktion übernehmen soll, ist noch nicht klar. Doch auf nächsten Winter soll das Angebot stehen.
Autorin: Marie-Claire Jur















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