Unklare Stromherkunft

Seit 2005 sind die Schweizer Stromversorgungsunternehmen verpflichtet, Herkunft und Zusammensetzung des gelieferten Stroms zu deklarieren. Bei vielen Unternehmen – auch im Engadin fehlt die Transparenz. Das soll sich ändern.

Sind Sie bereit, für «grünen» Strom mehr zu bezahlen?

Die Stromrechnung ist nicht das,
worüber man sich lange aufhält. Der Rechnungsbetrag wird mit jenem vom Vorjahr verglichen und in der Regel anstandslos bezahlt. Auch wenn wir am Morgen das Licht einschalten oder uns an den Computer setzen, dürfte die erste Frage nicht die sein, woher der Strom aus der Steckdose kommt. Seit 2005 sind die schweizerischen Stromversorgungsunternehmen per Gesetz verpflichtet, Herkunft und
Zusammensetzung des gelieferten Stroms offenzulegen. So will es Artikel 5a des schweizerischen Energiegesetzes. Einmal pro Jahr wird diese Deklaration mit der Rechnung den Kunden zugestellt. Transparenz ist damit aber noch lange nicht hergestellt, wie ein Blick auf die Deklarationsblätter von drei Engadiner Stromversorgungs-
unternehmen zeigt. Die Repower AG beispielsweise bezeichnet über 98 Prozent des Stroms als «nicht überprüf-
bare Energieträger». Bei St.Moritz Energie sind es gut 65 Prozent und
bei Energia Engiadina fast 79 Prozent. In einer gesamtschweizerischen Erhebung des Bundesamtes für Energie (BFE) wurde 2009 festgestellt, dass ein Fünftel des Stroms aus den Schweizer Steckdosen unbekannter Herkunft ist. Die Angaben basieren auf Erhebungen aus dem Jahr 2007. Neues Zahlen-
material wird in Kürze veröffentlicht, unterscheidet sich gemäss Beat Goldstein, Fachspezialist Energieversor-
gung beim BFE, aber nicht wesentlich von den Zahlen 2007. Der Anteil «nicht überprüfbarer Energieträger geht um weniger als ein Prozent zurück.

Fehlende Transparenz stört nicht
Was bedeutet diese Position «nicht überprüfbar?» «Das ist in der Regel Strom aus dem Börsenhandel», sagt Goldstein. Strom also, der von Atomkraftwerken ebenso produziert sein kann wie von Kohlekraft- oder
Wasserkraftwerken. Wenn schon die Energieversorger die Herkunft nicht nachweisen können, dann haben die Endkonsumenten erst recht keine Chance. Sie müssen sich mit der Er-
klärung «Strom, der im Stromhandel eingekauft wurde» zufrieden geben. Diese ist gemäss Goldstein zwar gesetzeskonform, wenn auch für den Kunden nicht sehr transparent. «Je kleiner der Anteil nicht überprüfbarer Energieträger desto besser, und daran arbeiten wir», sagt der Energiespezialist. Für den überwiegenden Teil der Kundschaft ist die mangelhafte Transparenz ganz offensichtlich kein Problem. «Über 90 Prozent unserer Kundschaft befasst sich nicht mit der Herkunft des Stroms», schätzt Patrik Casagrande, Betriebsleiter des Gemeindebetriebes St.Moritz Energie. «In den vier Jahren, seit wir die Herkunft deklarieren müssen, haben wir drei kritische Schreiben von Kunden erhalten», bestätigt Reto Vitalini,
Direktor von Energia Engiadina, die Einschätzung von Casagrande.

St. Moritz: Politischer Vorstoss?
Alle drei angefragten Unternehmen bemühen sich, den Posten «nicht überprüfbare Energieträger» zu reduzieren. Energia Engiadina bezieht seit dem Oktober des letzten Jahres den Strom von den Engadiner Kraftwerken (EKW) und nicht mehr von Repower. Weil das praktisch ausschliesslich Strom aus der Wasserkraft ist, wird der Anteil der grauen, nicht überprüf-
baren Energie auf der Stromdeklara-
tion 2013 nur noch zwischen 5 und
10 Prozent betragen. Bei Repower arbeitet man gemäss Werner Steinmann, Leiter Unternehmenskommunikation, daran, in Zukunft die Herkunft des Stroms besser deklarieren zu können. «Das Bedürfnis nach einer detaillierteren Deklaration ist sicher vorhanden», sagt er. In St. Moritz würde es gemäss Casagrande einen politischen Vorstoss benötigen, um die Thematik auf den Tisch zu bringen. So könnte beispielsweise die Verwaltungskommission von St.Moritz Energie über einen
Vorstoss aus dem Gemeinderat entscheiden, dass in Zukunft der Anteil aus nicht eruierbaren Energiequellen höchstens noch einen Drittel betragen darf. Mit entsprechenden Folgen für den Konsumenten, der dann mehr bezahlen müsste für den Strom. Ge-
rade bei Grosskunden falle das ins
Gewicht und diese könnten aufgrund der Strommarktliberalisierung den Anbieter auch wechseln, gibt Casagrande zu bedenken.
St. Moritz schmückt sich auch mit dem Label Energiestadt. Wäre ein solcher Vorstoss also nicht angebracht? «Ja», sagt Max Weiss, Präsident der Kommission Energiestadt St.Moritz. «Das Thema ist bereits verschiedentlich diskutiert worden, ein Vorstoss ist zu erwarten», sagt er. Andere Städte in der Schweiz haben diesbezüglich bereits eine Vorreiterrolle übernommen. Die Stadt Genf beispielsweise offeriert in ihrem «Grundpaket» grünen Strom an mit einer klaren Herkunftsdeklaration.

Die Eigenverantwortung
Appelliert wird von allen Befragten aber auch an die Eigenverantwortung eines jeden einzelnen Konsumenten. «Jede und jeder kann selber entscheiden, ob er bereit ist, dafür mehr zu bezahlen», sagt Casagrande. An den Anbietern sei es, möglichst viele Produkte im Sortiment zu haben. Beispielsweise den Solar-Ökostrom (SME SOL), der
 66 Rappen/kWh kostet, gut sechs Mal mehr also als der «normale» Strom. Im Unterengadin sind es zehn Kunden, die auf das neue Solarstrom-Produkt «ee.solartop» setzen. Von den 100 Millionen kWh Strom, die Energia Engiadina jährlich benötigt, werden erst etwa 600000 kWh als «grüner» Strom nachgefragt.

Autor: Reto Stifel

 

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