Auch Standardsprachen brauchen Zeit

Sprachen sind komplexe Gebilde und ihre Entwicklung geschieht nicht von heute auf morgen. Dies ist das Fazit einer Sprachendiskussion, die am Donnerstag Fachleute und Laien in Sils
vereinte.

Wie entstehen Standardsprachen? Wieso können sich Dialekte neben Hochsprachen weiter behaupten? Wie steht es um das Verhältnis von Standardsprache und Idiomen? Um diese Fragen kreiste der jüngste Wissenschaftsapéro von vorgestern in Sils. An dieser lockeren Diskussionsrunde zwischen eingeladenen Fachleuten und einem interessierten (Laien-)Publikum nahmen Sprachwissenschafter und Linguisten teil. Germanist Walter Haas, emeritierter Professor der Universität Fribourg, Professor Rolf Kailuweit, Romanist und Sprachforscher an der Universität von Freiburg im Breisgau, sowie Anna-Alice Dazzi Gross von der Lia Rumantscha diskutierten unter der Gesprächsleiterin und SP-Nationalrätin Silva Semadeni diese komplexe Materie, die aufgrund der Diskussion um den Umgang mit Rumantsch Grischun gerade an Aktualität gewonnen hat.

 

Keine Hochsprache auf Korsika

Einem so komplexen Phänomen wie Sprache in eineinhalb Stunden auf den Grund zu gehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auch bei einer guten Gesprächsleitung und der engagierten Beteiligung der geladenen Fachleute und der interessierten Zuhörer. Dennoch hat diese Diskussionsrunde – die sich lange nicht nur ums Romanische drehte – Interessantes und Erstaunliches aufs Tapet gebracht. Nicht nur, dass für jeden Linguisten die Entwicklung einer Standardsprache (wie Rumantsch Grischun) einer Traumaufgabe nahe kommt (Anna-Alice Dazzi). Von Kailuweit war beispielsweise zu erfahren, dass es auf Korsika gar keine Standardsprache gibt und dort alle Dialekte gleichberechtigt sind. In der Schule werden zwei bis drei dialektale Formen vermittelt. Ein polynomisches System, das noch heute funktioniert. Festgehalten wurde zudem, dass viele Menschen neben einem Genolect (einer Erstsprache) auch verschiedene Grammolecte (Zweitsprachen, Dialekte, Slangs oder verschiedene Ausdrucksweisen) ihr Eigen nennen. Standardsprachengegen gesprochene Idiome auszuspielen, erwies sich in der Diskussion als ein fragwürdiger Umgang mit dem Thema Polynomie. «Es braucht eine Standardsprache, es braucht aber auch Idiome», hielt Dazzi fest. Dieser Meinung schlossen sich ihre Podiumspartner an. Walter Haas betonte aber, dass die Einführung einer Standardsprache, vor allem wenn sie auf formelle Weise, also mit vereinheitlichten gezielten Eingriffen gleichsam von oben eingeführt werde, «immer einer Kampfansage gleichkommt». Es brauche erfahrungsgemäss «harte Massnahmen, bis Dialekte untergehen».

 

Warum kein Miteinander?

Ein gewisser Konsens schien in der Gesprächsrunde dahingehend zu bestehen, dass ein Miteinander von Hochsprache und Idiomen/Dialekten durchaus Sinn macht. Mit dem Nebeneinander von Standardsprachen (Schriftsprachen) und verschiedenen gesprochenen Idiomen kämen Menschen in der Regel viel besser zurecht als gemeint. Dies sei möglicherweise auch der Grund, wieso es so lange gebraucht hat, bis das Hochdeutsche zu einer Standardsprache wurde: Jeder sprach seinen Dialekt und verstand weitere Dialekte. Die Bildung von Armeen und Sprachakademien an königlichen Höfen sowie die Einführung von flächendeckenden Schulwesen erlaubten aber eine beschleunigte Durchsetzung etlicher (europäischer) Hochsprachen. Ganz geklärt wurde aber bis heute noch nicht, wie sich das Hochdeutsche herausbilden konnte, sagte Germanist Haas. Eines aber sei im Zusammenhang mit Standardsprachen klar, sagte der emeritierte Germanistik-Professor, wohl mit Anspielung auf Rumantsch Grischun: «In kurzer Zeit können sich Standardsprachen nicht durchsetzen».

 

Autorin: Marie-Claire Jur

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