Karriere machen ohne schulisches Defizit

Die Eröffnung der Talentschule Engadin/St. Moritz ist in greifbare Nähe gerückt. Der Grosse Rat hat die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen. Jetzt geht es an die Umsetzung.

Braucht das Oberengadin eine Schule, wo Talente in Sport oder Kultur besonders gefördert werden?

«So macht Politik Spass!» Grossrat Duri Bezzola war die Freude anzusehen, nachdem der Bündner Grosse Rat am vergangenen Dienstag ohne Diskussionen entschieden hatte, Talentklassen und Talentschulen ins Volksschulgesetz aufzunehmen. Bezzola hatte mit einem Auftrag im Oktober 2010 den Stein ins Rollen gebracht. Bereits früher wurden ähnlich gelagerte Vorstösse lanciert, 2008 unter anderem von Annemarie Perl (FDP, Oberengadin).
Die Verankerung im Volksschulgesetz ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Zum einen wird im entsprechenden Gesetzesartikel explizit festgehalten, dass der Unterricht in Talentklassen von der Stundentafel abweichen darf, aber grundsätzlich den Lehrplan erfüllen muss. Das ist zwingend nötig, damit die Kinder neben der Schule genügend Zeit haben fürs Üben oder Trainieren und die Erholung. Zum anderen ist nun auch die Finanzierungsfrage verbindlich gelöst. Gemeinden sind verpflichtet, Kindern den Besuch der Talentschule zu ermöglichen und sie müssen dafür ein Schulgeld bezahlen. Zusätzlich beteiligt sich der Kanton mit 4000 Franken pro Schüler und pro Jahr an den Kosten. Gemäss der Silvaplaner Gemeindepräsidentin und Grossrätin Claudia Troncana wird die Talentschule mehr kosten, als eine normale Schule. Deshalb soll eine Stiftung gegründet werden, die versuchen wird, über Sponsoring den Fehlbetrag aufzubringen.

Angebot auf Volksschul-Oberstufe
Nach Ilanz, das bereits 2009 eine Talentklasse eröffnet hat, wird die Talentschule Engadin/St. Moritz erst die zweite im Kanton sein, mit einem Angebot auf Volksschul-Oberstufe. Für Claudia Troncana ist es sehr wichtig, dass Sekundar- und Realschüler die gleiche Chance erhalten wie Mittelschüler. «Es darf ja nicht sein, dass das Geld darüber entscheidet ob jemand eine Talentschule besuchen kann oder nicht.» Mittelschüler können entweder ans Sportgymnasium nach Davos wechseln oder sie werden im Engadin an den Standorten in Samedan, Zuoz und Ftan gefördert.
Gemäss Projektleiter Reto Matossi, zugleich Schulleiter an der Gemeindeschule St. Moritz, wird eine Real- und Sekundarschule angeboten. Geführt wird die Schule Deutsch und zweisprachig. Dies damit Schülerinnen und Schüler, die später eventuell wieder an ihre Gemeindeschule zurückkehren, keine sprachlichen Probleme haben. Trägerschaft der Talentschule ist die Gemeindeschule St. Moritz, 
die Hauptverantwortung liegt beim Schulrat St. Moritz.
Bis zu 40 Schülerinnen und Schüler können aufgenommen werden, das schafft zwischen 400 und 600 Stellenprozente. Dazu kommen Stellenprozente für die Verbände, die zusätzliche Trainings anbieten. Versucht werde auch Schüler aus anderen Regionen ins Engadin zu bringen. Gemäss dem Projektleiter ist das Interesse jetzt schon sehr gross. Das hätten seine Besuche bei Sportvereinen, den Kader-Stützpunkten oder der Musikschule gezeigt. Im Juni will er das fertige Konzept der Öffentlichkeit präsentieren. Ab dann können die Anmeldungen für das Schuljahr 2013/14 erfolgen. Je nach Anmeldungen werden die Lehrer gesucht. Die operative Leitung für den Aufbau und den Betrieb der Schule soll ab August in einem 30-Prozent-Pensum wahrgenommen werden.

Aufnahmekriterien definieren
Eine Frage, die im Bündner Grossen Rat diskutiert worden ist, ist die der Aufnahmebedingungen. Wer definiert nach welchen Massstäben für die verschiedenen Bereiche (Sport, Musik, bildende Künste etc.) die Grenzen zwischen hohen Begabungen, welche in der Regelklasse gefördert werden und den Talenten, die die Talentschule besuchen dürfen. Verschiedene Grossräte machten sich dafür stark, dass alle Talente gleich gefördert werden und es am Departement liegt, objektive Kritierien für die Aufnahme auszuarbeiten. Gemäss Regierungsrat Martin Jäger ist in der Verordnung ein Passus vorgesehen, der die Aufnahme an gewisse Bedingungen knüpft. Keine einfache Sache weil beispielsweise auch die Sportverbände diese Frage in der Praxis unterschiedlich handhaben würden.

Autor: Reto Stifel

Kommentare

Finde ich super dass das Engadin und Umgebung so ein Angebot plant und aufziehen möchten. Die Berner Oberländer verfügen bereits über solche Klassen unter anderem in Spiez an der Oberstufe vom Längenstein. www.laengenstein.ch/klassen/kunst-sportklasse

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