Adolfo Salis (2. Okt. 1928 – 26. Nov. 2011)

Do, 26. Apr. 2012

Am Freitagabend besuche ich dich im Spital. Wie gewöhnlich nehme ich die Treppen zu Fuss und verzichte auf den Aufzug. Ich steige mit Ungewissheit hinauf und erblicke das Bild an der Wand.

Die Frau hat den Heurechen in der Hand und trägt den «Gerl» auf ihren Schultern. Der Mann hält die Sense. Im Hintergrund die majestätische Bergkulisse der Bondasca. Im Bild erblicke ich meinen Vater und meine Mutter. Dies gibt mir Mut und Kraft. Ich betrete das Zimmer und bleibe lange still; ungestört beobachte ich dich, schweigend, wie es bei uns üblich ist, unseren Gedanken gründlich nachsinnend.
Mit Leidenschaft warst du ein Leben lang Bergbauer. Ohne Traktoren, die für unsere schmalen Wege ungeeignet sind. Als ich dich im letzten Sommer zu deinem geliebten Maiensäss Selvartigh begleiten durfte, war dein Schritt langsamer geworden. Klar, die langen Wanderungen in forschem Schritte hattest du bereits hinter dir. Im Maiensäss angekommen, ruhtest du dich vorerst aus; dann machtest du den gewohnten Kontrollgang und fandest alles so, wie du es zurückgelassen hattest. Beruhigt und erleichtert holtest du einen tiefen Atemzug aus jener frischen Luft, die du dein Leben lang so sehr begehrt hast. Deine von der Arbeit gezeichneten Hände strichen liebevoll über das von der Rast niedergedrückte Gras, fast um Verzeihung bittend. In der Hütte leuchtete in deinen strahlenden Augen das knisternde Feuer. Abends legtest du dich hin und schliefst glücklich ein, eingelullt vom Rauschen des nahen Flusses und der Melodie der Kuhglocken. Bei Regen hörte man die Tropfen gegen die Dachplatten aus Granit prasseln. Welche Poesie umgab dich! Du liebtest deine Kühe, littest, wenn du dich von ihnen trennen musstest. Du hieltest viel von ihrer Kosmetik, wie man heute so sagt. Deine Kühe waren stets sauber. Deine geliebte Giuliana ist vor Kurzem 23 Jahre alt geworden. Für eine Kuh ein rekordverdächtiges Alter. Dies zeigt, dass nicht immer der lukrative Wert an vorderster Front stand, sondern die Liebe für das Tier. Danke Antonio, dass du die Giuliana bis heute unter dem melancholischen Blicke ihres ersten Besitzers begleitet hast. Du übernahmst sie von ihm, als er mit einer bitteren Träne beschloss, die Landwirtschaft aufzugeben.
Ohne Klettertraining in der Turnhalle oder im Fitnesszentrum, gabst du dich deiner zweiten grossen Leidenschaft hin: dem Berg. Deine Idole waren Christian Klucker, Riccardo Cassin, Walter Bonatti, nur um einige zu nennen. Du verfolgtest mit grosser Aufmerksamkeit die Etappen zu ihren Erfolgen. Als grosser Kenner der Geschichte des Alpinismus konntest du auf deinen Bergführungen immer naturnah und spannend berichten.
Es wäre falsch, von deinen «Klienten» zu sprechen. Du hast einfache Arbeiter, aber auch Zahnärzte, Doktoren, Professoren und Grafen geführt. Alle waren sie deine Freunde, vor denen du nie den Respekt verloren hast. Zwischen Heuernte und Emd fandest du die Zeit, dich als Bergführer zu betätigen, aber auch als Präsident der SAC-Sektion Bergell und des Bergführervereins St. Moritz-Pontresina sowie für die Alpe Bernina zu engagieren. Die Eroberung unzähliger Bergspitzen haben dir grosse Befriedigung geschenkt. Du kannst wirklich stolz sein. Den jungen Bergsteigern zeigtest du mit Begeisterung die verschiedenen Seilknoten und die Klettertechnik. Behutsam und mit Freude lernten sie dem Berg näher zu kommen, ohne den Respekt vor der Natur zu verlieren.
Die vielen Telefonanrufe, die in diesen Tagen des Leidens von deinen Freunden gekommen sind, zeugen von der Achtung, die du bei ihnen geweckt hast. Zu wissen, dass du von guten Freunden umringt warst, ist für mich eine Ehre und ein Trost.
Vater, man könnte Dir ein ganzes Buch widmen: Adolfo in der Albigna, in Montaccio, Turisch, Bondo, in seinem Selvartigh, in der Hütte, auf den Gipfeln seiner geliebten Berge, wo er sich frei fühlte wie der Wind, der ihm durch den Bart strich. Überall wo du auftratst, liessest du Spuren zurück. Wundervolle Erinnerungen, Bote der Einfachheit, des Dankes an die Erde, der Güte, der Gerechtigkeit und der echten Vater-liebe. Erinnerungen, die uns von Tag zu Tag immer mehr binden. Deine Selbstlosigkeit, deine Vorsicht in jeder Situation, der Respekt vor den anderen, deine Behutsamkeit im Beurteilen, deine vertrauenswürdige Beratung, deine beneidenswerte Klugheit ... ein kleiner grosser Bergbauer namens Adolfo Salis.
Fatti coraggio, alpino bello, che l’onore sarà con te. Dein Sohn Florio

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