Der Mindestlohn für Praktikanten in der Gastro- und Hotelleriebranche beträgt 2168 Franken brutto. Wobei der neue Gesamtarbeitsvertrag (GAV) auch gleich präzisiert, was unter einem Praktikanten zu verstehen ist: Das sind Personen, die an einer in der Schweiz domizilierten gastgewerblichen Fachschule gerade eine Ausbildung absolvieren und praktische Berufserfahrung sammeln. Mit dieser Definition scheinen es etliche Arbeitgeber in dieser Branche nicht so genau zu nehmen. Sie stellen vermehrt Personen zu Praktikumsbedingungen ein, obwohl sie eigentlich nicht in diese Personalkategorie fallen. Die Gewerkschaft Unia jedenfalls schlägt Alarm. Seit letztem September hat sie auch ein Büro in St. Moritz und stellt gerade im Engadin vermehrt Verstösse gegen die GAV-Vorgaben fest. «Es handelt sich nicht einfach nur um vereinzelte Vorfälle», sagt Sektionssekretär Arno Russi. Wenn allein in diesem Jahr schon acht Betriebe in St. Moritz – vorab kleinere Hotels und Bars – sich offensichtlich nicht korrekt verhalten haben, lässt dies auf eine hohe Dunkelziffer schliessen. Die fälschlicherweise als Praktikanten angestellten Personen stammen in erster Linie aus Osteuropa, vor allem aus Polen, Slowenien, der Ex-DDR und der Slowakei. Zumeist handelt es sich um Erstanstellungen; die Arbeitnehmer sind sich kaum ihrer Rechte bewusst und werden diesbezüglich auch nicht informiert. Russi hat Kenntnis von GAV-Verstössen im ganzen Kanton, doch vor allem betroffen sind grenznahe und stark touristisch, saisonal geprägte Regionen wie das Engadin oder die Südbündner Seitentäler.
Ruhe- und Arbeitszeit?
Verstösse gibt es in der Branche auch vermehrt bezüglich der Arbeits- und Ruhezeiten. «Viele Betriebe verfügen über kein Arbeitszeit-Kontrollsysteme. In Gesprächen mit Arbeitnehmern stellt sich heraus, dass oft mehr als zwölf Stunden täglich gearbeitet und die vorgeschriebene minimale Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Arbeitstagen ignoriert wird», sagt Russi. Nicht respektiert werden zudem oft auch die vorgeschriebenen Minimallöhne. Innerhalb der Branche betrafen die Verstösse (Praktikum) vorab die Réception, bei den Minimallöhnen wurde vorab bei den Hilfsköchen und Zimmermädchen geschummelt.
Russi will den betroffenen Hoteliers und Gastronomen nicht einfach nur böse Absicht unterstellen. Oft sei auch Nichtwissen im Spiel. Doch wundert er sich manchmal schon, «mit welch blühender Fantasie die Arbeitgeber den GAV oft interpretieren» – stets zu ihren Gunsten notabene.
Hie und da wird bei Anfragen, Vermittlungsgesprächen oder Betriebsuntersuchungen seitens der Basler Kontrollstelle festgestellt, dass ein Infor-mationsmanko besteht. «Es wäre wünschenswert, dass die Branchenverbände besser informieren. Verweise auf den nationalen Homepages scheinen nicht zu genügen. Die lokalen Vereine sollten aktiv ihre Mitglieder in Kenntnis setzen.»
Nicht Verbandsmitglieder
Andreas Züllig, Präsident des Verbands Hotellerie Suisse Graubünden, weiss um die angesprochene Problematik. Für ihn handeln vor allem Gastro- und Hotelbetriebe, die nicht Mitglied eines Berufsverbands sind, so fahrlässig bei der Personaleinstellung. «Es sind schwarze Schafe, die ein schlechtes Licht auf unsere ganze Branche werfen und gebüsst gehören», sagt er. Züllig begrüsst es deshalb, dass die Kontrollen verstärkt und die Bussen bei groben Verstössen 2012 massiv erhöht wurden.
Feilschen um den GAV 2014
Der aktuelle Gesamtarbeitsvertrag 2012 gilt seit Anfang Jahr und ist für die ganze Branche bis Ende 2013 bindend. Nur Familienbetriebe, die keine ausserfamiliären Mitarbeiter einstellen, sind nicht an ihn gebunden. Im Vergleich zum vorgängigen GAV von 2010 wurden nur wenige Neuerungen eingeführt. So wurden die Minimallöhne geändert und der 13. Monatslohn eingeführt. Ob diese Errungenschaften für die Arbeitnehmer auch Bestandteil des nächsten GAV von 2014 sein werden ist fraglich. Die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und der Arbeitgeberschaft laufen bereits. Aus den Reihen letzterer wird offenbar der Ruf nach Streichung des 13. Monatlohns laut. «Wir versuchen den Status quo zu halten», sagt Russi.
Autorin: Marie-Claire Jur












Kommentare
Christian Koch
14/07/2012-21:51
Luca Mondelli, ...
14/07/2012-18:38
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