«Die Krise ist erst jetzt angekommen»

Die touristischen Prognosen bestätigen sich, zumindest teilweise. Die Logiernächte sind rückläufig. Einzelne Bereiche entwickeln sich aber durchaus positiv. Sorgen bereiten die Expresszüge.

 

 
Die Frequenzen bei der Rhätischen Bahn bereiten Sorgen, das verhehlt Mediensprecher Peider Härtli nicht. Die Züge ins Engadin, sei es nun am Albula wie am Vereina (inklusive Autoverlad), zeigen diesen Sommer eine rückläufige Belegung. Trotzdem viele Gäste mit dem Auto ins Engadin anreisen, sind niedrigere RhB-Frequenzen immer auch ein Indiz für eine touristische Flaute. Bei der Bahn sieht man als Hauptgründe schlechtes Wetter und die bedingt durch die Frankenstärke als teurer wahrgenommenen Preise. Insbesondere im deutschen und italienischen Markt. 
Die grössten Sorgen bereitet der Bernina Express. 16,5 Prozent weniger Gäste belegten seit Januar 2012 einen Platz im Zug über den Pass ins Puschlav und Veltlin oder umgekehrt. «Die Buchungen haben sich im Mai und Juni erneut verschlechtert», bestätigt Härtli. Der Gruppenverkehr sei nahezu eingebrochen. Die Gründe sieht er bei der Frankenstärke. Ausserdem würden die Schweizer durch Günstigangebote zu Reisen ins Ausland gelockt. 
Etwas erfreulicher ist die Entwicklung beim Glacier Express: «Die Verhältnisse sind stabil, dank den Asienmärkten», hält der RhB-Sprecher fest. «Der Klassiker Glacier ist auch bekannter unter den Panoramazügen. Beim Bernina Express muss noch weiter Aufbauarbeit geleistet werden.»
Bei der RhB ist man überzeugt, dass ein «wettermässig prachtvoller Herbst» noch Korrekturen nach oben bringen könnte. Dazu sind Massnahmen mit verstärkter Promotionsarbeit unter Einbezug von Partnern wie Hotelketten oder Grossverteilern ergriffen worden. 
 
6 Prozent weniger im Oberengadin
Konkrete Zahlen zur Sommersaison sind im Oberengadin noch kaum erhältlich. Der erwartete Übernachtungsrückgang von 6 Prozent wurde bereits im Frühling kommuniziert. «Das Minus zeichnet sich vor allem aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage in Europa und des sehr starken Frankens ab», hält Mediensprecherin Sara Roloff von ?der Tourismusorganisation Engadin ?St.?Moritz fest. Merklich spürbar sei vor allem der Rückgang der italienischen Gäste aufgrund der Wirtschaftslage im südlichen Nachbarland. Roloff vermeldet aber auch Erfreuliches: Die Nachfrage aus Japan sei steigend, bei den Gästen aus China, den Golfstaaten und Indien zeichne sich ein Plus ab. Positiv entwickelt sich grösstenteils die Belegung der Ferienwohnungen. Bei den Hotels ist die Lage sehr, sehr unterschiedlich. Die Aussage der Destination, dass die «Momentaufnahme der Sommersaison» sehr heterogen sei, dürfte daher zutreffen. 
 
Einzelbereiche positiv
Heterogen ist die Lage ebenso in der Destination Engadin Scuol Samnaun Val Müstair. Nach einem schwachen Sommerbeginn ist Direktor Urs Wohler mit der aktuellen Situation zufrieden. Wäre es immer so wie währen der letzten beiden Wochen hätte man keine Sorgen, sagt der Tourismuschef im Unterengadin. Der 1. August sei «der Silvester des Sommers», da müsse es ganz einfach laufen. Nachdenklich wird Wohler, wenn er die gesamte Entwicklung beurteilen muss: «Die Krise ist erst richtig angekommen.» Vor einem Jahr habe man einen Wechselkurs von 1:1 gehabt und die Leute seien trotzdem gekommen. Wie bei der RhB glaubt man im Unterengadin, dass die Überkapazitäten der Fluggesellschaften und die Tiefpreise im südlichen Raum ihre Auswirkungen auf den eigenen Tourismus haben. «Der deutsche Markt bricht weg», hat Urs Wohler festgestellt. «Nicht nur bei uns, sondern auch im benachbarten Tirol und Südtirol.» 
Mit Aktivitäten versucht das Unter-engadin, Gegensteuer zu geben. Erfolgreich, wie das Angebot Nationalpark-Biketour zeigt. «Da überbordet es fast, wir sind auf klarem Rekordkurs», sagt Wohler. Weiter hat er festgestellt, dass immer kurzfristiger gebucht wird. «Und die Ansprüche der Gäste sind enorm gestiegen, die Fehlertoleranz sinkt.» Andere würden die Situation ausnützen: «Ihr habt ja jetzt Krise, da gibt’s sicher einen guten Preis», sagten Gäste des Öfteren. Grosse Unterschiede stellt Urs Wohler in den einzelnen Beherbergungssegmenten fest: «Camping und Parahotellerie sind sehr stark.» Dazu gebe es Hotels, die sehr gut arbeiteten. 
 
Besser als erwartet
Positiv beurteilt Annelies Albertin von Turissem Val Müstair den Sommerverlauf. «Es läuft etwas weniger gut als 2011, aber doch besser als erwartet.» Das Val Müstair zählt auf erstaunlich viele Westschweizer Gäste, obschon man dort bisher wenig tätig gewesen ist. Gut belegt sind im Val Müstair die Ferienwohnungen. 
 
Autor: Stephan Kiener
 

Kommentare

..jawohl, alles wurde die letzten Jahre verteuert, ohne die Geldwertentwicklung zu beachten, Saisonzeiten an Skiliften gehören der Vergangenheit an, volle Preise und nur halbfertige Pistenangebote, Langlaufpickerl von 35.-auf 50.-, dann auf 70.- angehoben, überall nicht rentable Parkplatzuhren und Gebühren------- man versucht alles, einen Gästerückgang zu realisieren
Man versucht in der Tat alles, einen Gästerückgang zu realisieren! Auch die übermässig hohen Konsumationspreise in vielen Restaurants sind ein Ärgernis! Ferien im Engadin kann sich eine normale Familie mit Kindern gar nicht mehr leisten.
Dieser Trend im Engadin und in schwer erreichbaren bwz. Geographisch nicht gut gelegenen Regionen ist eine solche entwicklung zu erwarten. Meiner Meinung nach nicht zuletzt wegen fehlendem Mehrwert. Natürlich ist das Engadin wundeschön, viel Natur, aber wahscheinlich hatte man sich schon zu früh und zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht. In den vergangenen Jahren musste man sich nicht wirklich bemühen um Gäste aus aller Welt in das in aller Welt bekannte St.Moritz zu locken. Jetz wo ich in Bern lebe, würde ich auch nicht freiwillig und überhaupt nicht regelmässig unbedingt im Engadin Ferien machen. Denn die Engadiner bieten leider nicht mehr für mehr Geld als andere.

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