70 neue Arbeitsplätze fürs Bergell

Firma wählt Vicosoprano als Entwicklungs- und Produktionsstandort. Aus alten Autoreifen soll Diesel gewonnen werden. Dieses «Clean Energy»-Projekt will das britische Unternehmen «Cracking Energy Machines» im Bergell realisieren.

Das Bergell leidet unter der anhaltenden Entvölkerung. Tiefe Geburtenzahlen und die Abwanderung der jungen Erwachsenen schwächen die Wirtschaft des Bündner Südtals. Wie gerufen kommt da die Initiative der britischen Recycling-Firma «Cracking Energy Machines», sich in Vicosoprano niederzulassen. Dieses noch junge Unternehmen zählt bisher 20 Mitarbeiter und stellt Maschinen für die Wiederverwertung von Kunststoff her. Alte Pneus und Plastikflaschen können somit wieder in Rohöl zurückgeführt werden.

Bis zu 70 neue Arbeitsplätze
In der Gewerbezone von Vicosoprano (oberhalb des Grotto Albigna, in der Nähe des Werkhofs des kantonalen Tiefbauamts), ist ein Produktionsstandort samt Büros geplant. Im ersten Jahr könnten dort 40 neue Arbeitsplätze entstehen, später sollte der Bergeller Entwicklungs- und Produktionsstandort bis zu 70 Arbeitnehmer beschäftigen. Die meisten von ihnen werden hochqualifiziert sein.
Diese Perspektive freut die Bergeller Gemeindepräsidentin Anna Giacometti. «Die Pläne dieser Firma könnten dazu führen, dass der eine oder andere abgewanderte Bergeller wieder zurück in seine Heimat kommt», sagt sie. Die Ende letzten Jahres für den Schweizer Standort gegründete «Cracking Energy Machines AG» hat ihren Sitz in Vicosoprano. Vor gut einem Jahr hiess der Bergeller Souverän bereits einen Landverkauf in der Gewerbezone von Vicosoprano gut. Die Gemeinde stellt 6000 Quadratmeter Land für 300'000 Franken zur Verfügung, in einem Waldstück gleich hinter den dort schon angesiedelten vier Unternehmen. Zonentechnisch braucht es für die Realisierung des Projekts keine Bereinigungen mehr. Die Initianten könnten mit ihrem Projekt loslegen. Derzeit sind sie aber mit der Finanzierung des Bauvorhabens beschäftigt.
Das Projekt soll rund acht Mio. Franken kosten und wird auch in den Genuss von Kantonsgeldern kommen. Ermöglicht wird dies durch das seit 2004 bestehende Wirtschaftsentwicklungsgesetz Graubündens, das den Auf- und Ausbau von kleinen und mittleren Unternehmen mit kantonalen Fördermitteln erlaubt. Gemäss Eugen Arpagaus, Leiter des Bündner Amts für Wirtschaft und Tourismus, wird das Projekt mit insgesamt 1,5 Mio. Franken unterstützt. 0,5 Mio. Franken sollen als A-fonds-perdu-Beitrag geleistet werden, gleichsam als Anschubfinanzierung. Eine Million wird in Form eines Darlehnens gewährt. Die Auszahlung erfolgt gestaffelt und erst, wenn der Finanzierungsnachweis erbracht ist und mit dem Bau begonnen wird respektive wenn die ersten Arbeitsplätze effektiv geschaffen sind. «Heisse Luft» ist das Bergeller Projekt der «Cracking Energy Machines» also nicht. Sonst hätte der Kanton auch nicht seine Unterstützung zugesagt. «Wir haben das Vorhaben auch durch Dritte prüfen lassen», sagt Arpagaus.
Dass sich innovative Firmen mithilfe des Kantons in der Peripherie niederlassen, ist keine Seltenheit, führt der Amtsleiter weiter aus, mit Verweis auf andere Unternehmen wie beispielsweise der Kunstboden- und Naturbodenhersteller Lico im Val Müstair.

Ideale Umgebung
Bleibt die Frage, warum die britische Recycling-Firma ausgerechnet im Bergell ansässig wird. Gemäss Arpagaus hat das mit Standortvorteilen wie der Schweizer Planungs- und Rechtssicherheit, guter Infrastruktur oder tiefen Steuern zu tun. Wie Firmenchef Graham Nicolls kürzlich gegenüber dem Regionaljournal von DRS 1 ausführte, bietet das Bergell aber auch mit seiner schönen Umgebung und der vorherrschenden Ruhe das ideale Umfeld, das die Mitarbeiter für ihre kreative Arbeit bräuchten. Ein «Umfeld ohne Zwänge, das die Öffnung des Geistes fördert».
Einen funktionierenden Prototyp des neuartigen Kunststoffverwerters hat die Firma bereits entwickelt. Die Anlage soll noch verfeinert und dann in Serie hergestellt und verkauft werden. Auf seiner Homepage erklärt das Unternehmen, dass sein Recycling-Verfahren im Gegensatz zu demjenigen anderer Wiederverwertungsfirmen umweltschonender sei, da beim neuartigen thermomechanischen Verarbeitungsprozess das Ausgangsmaterial nicht verbrannt werde und deshalb keine schädlichen Gase entstünden. Der Entwicklungs- und Produktionsstandort in Vicosoprano soll wenn möglich schon nächstes Jahr gebaut werden.

Autor: Marie-Claire Jur
 

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.