Slow Food für mehr Genuss

Artischockenernte im Engadin – ein Scherz? Das Slow Food Convivum Südbünden hat sich auf kulinarische Spurensuche begeben und nebenbei noch so manche Überraschung erlebt.

Wäre da nicht seine dicke, gelbfarbig gestrickte Wolljacke, niemand würde in wahrnehmen. Jürg Wirth aus Lavin begrüsst die Südbündner Slow-Food-Gruppe am Bahnhof von Lavin, ohne dabei mehr als nötig in Erscheinung zu treten. Weshalb auch, im Fokus steht zunächst nicht er selbst, sondern die Frage: Gibt es sie wirklich, die höchstgelegenen Artischocken Europas?
Und tatsächlich, hinter dem Demeter-Hof Uschlaingias, auf 1432 Metern Höhe gelegen, schmiegt sich ein Artischockenfeld entlang der RhB-Linie. Zwei Esel stehen stoisch am elektrischen Zaun, Rätisches Braunvieh beobachtet das Geschehen von oben herab. Bewaffnet mit Gartenscheren und Handschuhen streifen die Convivum-Mitglieder durch die 450 Artischockenpflanzen. «Artischocken sind nicht winterhart und müssen jedes Frühjahr neu gepflanzt werden», «Berglandwirth» Jürg lässt keine Zweifel offen, innovative Landwirtschaft ist kein Zuckerschlecken. Schelmisch preist er aber schon im nächsten Satz die artischockentypische Pflegeleichtigkeit an. Gastronomen würden den herausragenden, intensiven Geschmack seiner Artischocken immer wieder bestätigen, wirbt der innovative Tausendsassa zurückhaltend. Artischocken sind distelartige Pflanzen und gehören zur Gattung der Korbblütler.

Käseabo vom Demeter-Betrieb
Jürg Wirth lässt nichts unversucht. Als Zivildienstler nach Lavin gekommen, sind er und seine Familie heute im 230-Seelen-Dorf integriert. Anfänglich noch in Pacht, habe er 2006 den 20 Hektaren grossen Hof übernehmen können. Wirth ist ein Macher. Lieber selber aktiv sein, anstatt sich die gute Laune durch die Milchpreis-Entwicklung verderben zu lassen. Jährlich verkäst er in der alten Milchannahmestelle in Lavin rund 15 Tonnen Kuhmilch. Die dabei produzierten anderthalb Tonnen Rohmilchkäse vertreibt er im Direktverkauf, an Märkten im Oberengadin, über Gastrobetriebe oder im dorfeigenen Volg-Laden. Wirth ist Praktiker. Als Metzger produziert er Frisch- und Trockenfleisch, aber auch Würste gleich selber. Daneben pflanzt er auf knapp 50 Aren Kartoffeln an. Keine 08/15-Knollen, sondern vorwiegend alte Pro-Specie-Rara-Sorten wie die «Roosevelt».
Als Journalist schreibt Wirth unter anderem für das Unterengadiner Informationsmagazin «Allegra» und betreibt einen NZZ-Blog. Ganz selbstverständlich nutzt Jürg Wirth daher auch moderne Marketingwege. Sein «Käse-schmier-App» entstand aus einem Jux heraus und wird langsam zum Bumerang. Unter «www.kaeseabo.ch» haben sich Wirths ihrer Herkunft besinnt und ermöglichen den Erwerb der Demeter-Käse auch online. Die Käselaibe sind unkonventionell, mit Weiss- oder auch Rotweinschmiere behandelt. Das Mutschli «Tschücha da dschember» (Arvenstrunk) ist gar mit einer innovativen Weisswein-Arvenholzessenz geschmiert. Raclette-Käse und Fonduemischungen gehören fast wie selbstverständlich zum Sortiment.

Genusserlebnisse dank Slow Food
Mit dem jeweils am Wochenende geöffneten «Bistro staziun Lavin» ist es Wirth, seiner Frau Rebekka Kern und Freunden aus dem Unterland gelungen, hier die gute alte Tradition des Bahnhofbuffets wieder aufleben zulassen. Dass dies vollauf gelungen ist, davon konnten sich die Convivum-Mitglieder bei einer Käsedegustation und dem gemeinsamen Mittagessen vor Ort überzeugen. Der Wirt Wirth offenbarte dabei weitere Fähigkeiten, kochte und servierte der Gruppe gleich selber eigene Grillwürste, Raclettekäse und Kartoffeln.
Rund 50 Mitglieder umfasst das Slow Food Convivum Südbünden. Gar 100'000 Interessierte in 130 Ländern umfasst der Non-Profit-Verein weltweit. Als Gegenbewegung zum Fast Food 1986 gegründet, setzt sich die Slow-Food-Vereinigung für Ethik und Genuss, für eine bewusste Esskultur und für die Förderung der Arten- und Geschmacksvielfalt ein. Heidi Ferkl, Vorstandsmitglied des Convivums Südbünden, bedauerte während des Hofbesuchs in Lavin den schwachen Mitglieder-Zulauf aus dem Unterengadin und den Südtälern. Die Zusammenarbeit mit den Weinfreunden Engadin und die gemeinsame Teilnahme am Laret-Markt in Pontresina hätten der Bewegung im Oberengadin spürbar geholfen. Der Ausflug zu Artischocken, Käse und Kartoffeln hat gezeigt, dass das Unterengadin ein Slow-Food-Schlaraffenland ist.
Am 6. Oktober besucht die Engadiner Slow-Food-Gruppe das Val Müstair. Dort stehen der Anbau von Bergroggen, die neu renovierte Getreidemühle und die Produktion von Slow-Food-Roggenbrot im Fokus der Geniesser. Als Abschluss der diesjährigen Vereinsaktivitäten findet am 7. Dezember ein Besuch der Pontresiner Bierbrauerei statt. Die Veranstaltungen stehen auch Nicht-Mitgliedern offen. Jürg Wirth kann sich indes noch nicht zurücklehnen, jetzt beginnt die Kartoffelernte und auch die Artischocken müssen noch vor dem nächsten Frost geerntet werden.

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.