«Se avessi un gatto, sarei felice come matto…» Zu zweit betreten die Dritt- und Viertklässler die Bühne und tragen abwechselnd ihre selbst gezimmerten Reime vor. Keine einfache Sache für die Bergeller Primarschüler, vor ihren Schulkameraden und Lehrern aufzutreten und Verse auf Italienisch vorzutragen. Für etliche unter ihnen ist nicht Italienisch die eigentliche Muttersprache, sondern der Bergeller Dialekt. Befasste sich die Unterstufe eine Woche lang mit dem Schmieden von einfachen, lustigen Reimen, stiegen die Anforderungen für die Fünft- und Sechstklässler: Sie hatten eine Geschichte mit drei Personen zu erfinden, eine davon ein Zauberwesen, und dem Plenum frei zu erzählen. Nicht nur eine gute Übung für Phantasie und Gedächtnis, sondern auch eine praktische Übung des «passato remoto», dieser schwierigen Vergangenheitsform, die für viele Italienisch-Adepten beim Erlernen eine Hürde darstellt. Die jüngsten Kinder haben eine Collage um die Figur des blauen Fisch gebastelt und erzählen die Bildgeschichte. Die Oberstufenschüler halten Vorträge zu verschiedenen Exponaten im Talmuseum in Stampa.
Während einer Woche hat die gesamte Bergeller Schüler- und Lehrerschaft einen Teil ihres Lehrplans umgestellt und dem neuartigen Sprachenprojekt gewidmet, das die Società cultura di Bregaglia/Pgi Bregaglia und mit der Florentiner «Accademia della Crusca» aufgegleist hat. Es geniesst die Unterstützung des Bundesamts für Kultur und der Sprachförderung des Kantons Graubünden.
Stärkung des Sprachbewusstseins
Das oberste Ziel des Projekts ist die Förderung der italienischen Sprache und des Bewusstseins von dessen Entwicklung. Im zweiten Teil dieses mehrstufigen Projekts handelte das zentrale Thema «von der mündlichen zur schriftlichen Sprache». Durch die verschiedenen sprachlichen Übungen sollten sich die Kinder und Jugendlichen der Unterschiede in den mündlichen und schriftlichen Idiomen bewusst werden und eine höhere Spachkompetenz in den verschiedenen Textformen erhalten. Das ist wichtig in einer Region, wo nicht nur ein urchiger lombardischer Dialekt von vielen Einwohnern gesprochen wird und wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität ist, sondern wo zusätzlich zum mündlich und schriftlich genutzten Italienischen noch weitere Sprachen wie das Schwizertütsch und Hochdeutsch (weniger das Romanische) zur Sprachenlandschaft gehören.
Infos durch Sprachwissenschafter
Nicht nur an die Kinder und Jugendlichen, sondern generell an die ganze Talbevölkerung richtet sich dieses Sprachenprojekt. Deshalb wurde es durch zwei abendliche Referate- und Diskussionspodien ergänzt, in dem verschiedene Aspekte der Sprachenthematik durch Linguisten aus Italien und dem Tessin erläutert wurden, die sich um das geschriebene und gesprochene Italienisch drehten, aber auch das Verhältnis des (Hoch-)Italienisch zu Idiomen wie dem Florentiner oder dem Bergeller Dialekt drehten. Da war beispielsweise zu erfahren, wie das im Schriftverkehr gebräuchliche Italienisch im Bergell lange Zeit ein eigentümlich und veraltet erscheinendes war. Ursprünglich durch in die Region geflüchtete Reformatoren geprägt, die unter den Bündner Herrschern Schutz vor der Verfolgung der Katholiken suchten, blieb es relativ lange archaisch, weil wegen der Staatsgrenze von der sprachlichen Entwicklung des kulturellen Mutterlandes abgekoppelt. Die Sprachwissenschafter zeigten neben vergangenen Entwicklungen auch aktuelle Tendenzen auf, wie beispielsweise den Sprachgebrauch von Bergellern bei der Nutzung neuer Medien wie Mail und SMS. Eine Vielzahl lexikalischer, grammatikalischer und syntaktischer Beispiele aus dem Sprachenvergleich hatte nicht nur einen informativen Wert für die vornehmlich aus dem schweizerischen und italienischen Bergell angereisten Zuhörer, sie amüsierten das Publikum auch sichtlich.
Das Bergeller Sprachenprojekt steht dieses Jahr unter dem Motto «Die Welt der Worte». Während es im Mai dieses Jahres um Jugendsprachen und neue didaktische Modelle der Grammatikvermittlung ging und diesen Herbst um das Verhältnis von der Hochsprache zum Dialekt respektive vom Verhältnis des gesprochenen zum schriftlichen Italienisch, wird im Oktober 2013 nochmals ein sprachliches Thema nach dem gleichen Konzept aufgegriffen und abgehandelt. Anschliessend folgt eine Auswertung des Projekts.
Autorin: Marie-Claire Jur












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