Bewussterer Umgang mit Wasser tut Not

Der Klimawandel beeinflusst den Wasserhaushalt in den Alpen. Gefordert ist deshalb gemäss der Alpenschutzorganisation Cipra ein sorgsamerer Umgang mit der Ressource Wasser. Auch im wasserreichen Engadin wird das Thema vermehrt von Belang sein.

Wasser könnte in den kommenden Jahrzehnten aufgrund des Klimawandels und gestiegener Ansprüche knapper werden. In erster Linie gefordert ist die wasserbasierte Energiewirtschaft. Wie die Alpenschutzorganisation Cipra in ihrem neusten – gut 30-seitigen Hintergrundbericht – darlegt, sind die Wasserkraftwerke die grossen Wassernutzer. Der Löwenanteil des gesamten Wasserkonsums in den Alpen gehe auf ihr Konto (75 Prozent) zurück, gefolgt von den öffentlichen Wasserversorgungen (10 Prozent), der landwirtschaftlichen Bewässerung und der Industrie.
 

Effizienz bei der Stromproduktion

Handlungsbedarf sieht die Cipra also in erster Linie im Wasserkraftsektor. Der gestiegenen Stromnachfrage soll ihrer Meinung nach eher durch den Ausbau und die Modernisierung von Grosskraftwerken unter Berücksichtigung von ökologischen Begleitmassnahmen nachgekommen werden, als durch den Neubau von kleinen Anlagen. Damit könne die Stromproduktion erhöht werden, dies bei weitgehender Schonung der Natur. Den unkoordinierten Kleinkraftwerk-Boom, von dem auch das Engadin erfasst worden ist, beäugt die Organisation mit Skepsis. Oftmals würden für relativ geringe Energiegewinne grossflächige ökologische Schäden angerichtet. Kleinkraftwerke seien deshalb nur unter strengen Auflagen zu bewilligen.
Die Cipra hat weitere Empfehlungen auf Lager. So appelliert sie in ihrem Bericht an einen bewussten und sparsamen Wasserverbrauch, empfiehlt beispielsweise den Landwirten, den Einsatz von Tröpfchen-Bewässerungs-systemen zu bedenken oder in Privathaushalten Regenwasser für Toilettenspülungen und die Gartenbewässerung zu verwenden. Darüber hinaus empfiehlt sie Zurückhaltung bei Einsatz und Bewilligung von künstlichen Beschneiungssystemen, den Einsatz von Pflanzenkläranlagen (künstliche Feuchtgebiete zur Abwasserreinigung) sowie den Verzicht auf neue grosse Stauseen und neue touristische Resorts, die bestehende touristische Anlagen konkurrenzieren.
 

Vernetzung vonnöten

Neben diesen praktischen Massnahmen, die in der einen oder anderen Form auch für das Engadin und die Bündner Südtäler Gültigkeit haben, sieht die Cipra aber Handlungsbedarf auf politischer Ebene: So sollte die Hoheit über das Wasser nicht mehr einzig bei den Gemeinden, sondern auch auf übergeordneter Ebene liegen. Sie sieht es als grösste Herausforderung auf institutioneller Ebene an, die Technik-, Management- und Finanzkompetenzen im Wasserdienstleistungsbereich zu verbessern.
Solche Gemeindeverbindungen oder gar überregionale Wasser-Management-Systeme wären auch fürs Engadin und Graubünden notwendig, war an verschiedenen Podien und Veranstaltungen im Engadin bereits zu hören. Sowohl an Baderledas des Forum Engadin wie auch an den Sa-medner Wassertagen sprachen sich kantonale Behördenvertreter und Wissenschafter für solche Netzwerke aus.
Gemäss Christoph Marty vom Schnee- und Lawineninstitut Davos sei vor einigen Jahren sehr wohl ein Kompetenznetzwerk «Wasser im Berggebiet» ins Leben gerufen worden. Mittlerweile sei diese Einmannstelle aber nicht mehr operativ.
Für ein Wassermanagement-System im Oberengadin hatte sich vor fünf Jahren auch schon Glaziologe Felix Keller von der Academia Engiadina stark gemacht. Mit mässigem Erfolg. Wie er auf Anfrage ausführt, war es damals schon eine sehr harzige Angelegenheit, die Wasserverbrauchszahlen von den Gemeinden zu bekommen. Sowohl Marty wie auch Keller führen die Schwierigkeit einer gemeinde- und regionenübergreifenden Zusammenarbeit in Sachen Wasser auf den noch bestehenden Wasserüberfluss zurück. «Das Engadin wird auch künftig wahrscheinlich nicht unter Wasserknappheit leiden, höchstens unter saisonalen Schwankungen», meint Keller. Geringere mittlere Jahresniederschläge über viele Jahre, das Abschmelzen von Gletschern und Permafrost sowie zusätzliche Ansprüche (Landwirtschaft/Pistenbeschneiung) könnten in der Region aber zu einer zeitweiligen Verschlechterung der Wasserversorgung führen. Deshalb wurde von Keller (und von anderen Wasserexperten) schon vor Jahren angeregt, eine Trinkwasserleitung durchs Tal zu bauen, um Schwankungen in der Quell- oder Grundwasserergiebigkeit in den Gemeinden durch Wasser-Transfers auszugleichen. Eine gute Gelegenheit für eine solche Trinkwasservernetzungsleitung sei aber verpasst worden. Ihr Bau hätte am ehesten Sinn gemacht im Kontext des neuen Abwasserkanals für die geplante Gross-Ara bei S-chanf. Solche regionalen Wasseraustauschleitungen empfiehlt auch die Cipra. Sie ist sich aber – wie etliche Wasserexperten – bewusst, dass Politiker schwer für Vorhaben zu gewinnen sind, die zeitlich nach ihrer politischen Karriere greifen und zudem kostspielig sind.

 

Autorin: Marie-Claire Jur
 

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