Hansjörg Stalder, 1951 - 2012

Mo, 01. Okt. 2012

Im vergangenen Mai ist der bekannt Organist Hansjörg Stalder aus St. Moritz gestorben. Während 30 Jahren hat er im Oberengadin in vielfältiger Art und Weise gewirkt.

Die Kirche voll besetzt, die Lichter der Orgel eingeschaltet und die, die gekommen waren, sie warteten still. Er hätte nur durch die Seitentür eintreten und auf seiner Orgelbank Platz nehmen müssen. Ein weiteres Mal hätten sie sich in Welten mitnehmen lassen, die einem die Musik eröffnen kann, wenn einer spielt, der nur eines möchte: nicht der Musik ins «Wort» fallen, sondern sie so «sprechen» lassen, dass, wer Ohren hat zu hören, sich in ihr neu findet. Denn dank einer gestalteten Idee macht Kunst für uns Raum und Zeit erlebbar, der Interpret stellt sich in diesen Dienst. Ja, so hätte es für die am Freitag, dem achten Juni, in der St.Moritzer Dorfkirche Anwesenden sein können. Die Orgelbank blieb aber leer und die Orgel stumm. Kein Bach also, Hansjörg Stalder fehlt. Von seiner Apulienreise zu Kulturschätzen und zum Meer im Mai kehrte er nicht lebend zurück. «Die Sonne sank, bevor es Abend wurde» – für die, die den abrupten Abschied überleben müssen, ist zunächst etwas abgerissen. Verstummt jemand, ist schweigen angebracht. Eine «sprechende» Orgel hätte die falsche Botschaft überbracht: «Wer nicht mehr ist, ist ersetzbar – das kann man bejahen.» Nicht als Ersatz, sondern in Stellvertretung erklangen darum über Tonträger das Requiem von Mozart, die «Pathétique» von Beethoven, Schuberts Streichquintett und anderes mehr – musikalische Welten, in denen Hansjörg zu Hause war. Und noch einmal war es möglich: Wer hinzuhören verstand, wurde – nun indirekt – von ihm in Sphären begleitet, die das Alltagsbewusstein, mit welchem man einfach möglichst gut funktioniert und Leben fristet, sprengen. Um leben zu können, braucht es nämlich mehr. Anders wäre man schnell einmal unbehaust. In der Literatur (und da besonders auch in der Lyrik), in der Philosophie, in der Psychologie und in der Musik fand er sich mit dem verstanden, was ihn umtrieb: Das existenzielle Woher und Wohin, die Frage nach der Wahrheit und nach dem Sinn des Lebens. Ohne ein humanistisches Gymnasium besucht zu haben, erarbeitete er sich selber – so exakt und gewissenhaft er zu arbeiten pflegte – profunde Kenntnisse. Der Aargauer Hansjörg Stalder erlernte den Beruf eines Schriftsetzers, nahm mit zwanzig Jahren den ersten Klavierunterricht bei Vera Bernhard-Kotlarjenko, einer russischen Pianistin, und lebte fortan nur noch für die Musik. Es folgte das Musikstudium am Konservatorium und an der Musikakademie in Zürich. Nur sechs Jahre nach dem ersten Unterricht hielt er das Lehrdiplom für Klavier und ein Jahr später das für Orgel in Händen. In einem vierjährigen Aufenthalt in Wien studierte er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst bis zum Orgel-Konzertabschluss weiter. Vor dreissig Jahren, an Weihnachten 1982, begann Hansjörg Stalder mit seiner vielbeachteten Tätigkeit im Engadin. Mit Herzblut bereicherte er das?peripher gelegene Hochtal kulturell vielfach – in unaufdringlicher Weise. Entsprechend der Auffassung seines Lieblingsschriftstellers Marcel Proust gab es für ihn keine Möglichkeit, die Wahrheit an sich zu erkennen. In Subjektivität entwickelt jeder eine persönliche Weltauffassung und bildet den eigenen Kosmos seines Ichs. In ihm bleibt man nicht gefangen, man kann sich im Wechsel von Teilnehmen und Teilgeben ausdrücken. Das macht die Wertschätzung von Literatur, Lyrik und Musik so unverzichtbar. Daher Hansjörgs Leidenschaft, einer Sache auf den Grund zu gehen. Selbst das?Unscheinbare und Einfache hat seine Sinnpotenziale, seine Poesie. Für sein kulturelles Engagement fand und erschuf er sich Foren:Als Leiter der Musikschule Oberengadin war er um fachlich gute Lehrkräfte bemüht und als Musiklehrer selbst beflissen, Kinder beim Erlernen des Instruments individuell in ihrer Entwicklung zu fördern. Er entdeckte den reichen, wenn auch leicht zu übersehenden Schatz der kleinen Orgeln des Tals und brachte ihn über die «Orgelfreunde des Engadins» in die Öffentlichkeit. Die Orgelmusik hielt er lebendig, indem er Laienorganisten ansprach. Als langjähriger Präsident und Mitglied des Verbands für Orgeldienst und Kirchengesang in Graubünden VOGRA förderte er sie nachhaltig. Mit Einfühlung und Geschick ermunterte er eine Vielzahl von Schülerinnen und Schülern in ihren Versuchen. Es muss nicht erstaunen: Auch welche aus dem so genannten Unterland kamen zu ihm. Die beiden Landeskirchen verdanken wesentlich ihm die im nächsten Jahr neu startende Kirchenmusikalische Ausbildung in Graubünden KIMUGR. Namentlich über die Werke von Johann Sebastian Bach, der einst das reformatorisch-theologische Gedankengut musikalisch um- und fortschrieb, fand er den Zugang zur Kirche. Selbst in den ganz gewöhnlichen Sonntagsgottesdienstabläufen zeichnete er als Organist seine Handschrift ein und verstand es oft, dem stets Wiederkehrenden eine besondere Note zu verleihen. Dazu kam seine Vortragstätigkeit, in denen er Komponisten vor-?stellte und ihre Konzepte einsehbar machte. Unvergesslich sind seine jährlichen Osterkonzerte in St. Moritz und Silvaplana, in der er beides miteinander zu verbinden verstand: Theoretische Einführung in die Werke und ihre musikalische Darbietung. Darüber hinaus pflegte er eine reiche Konzerttätigkeit im In- und Ausland. Sein Repertoire umfasste alle Stile von Renaissance bis zum zwanzigsten Jahrhundert. Dazu kommen eigene Kompositionen für moderne und historische Orgeln.Was bleibt, wenn diese Zeiten nun verloren sind? – Sicher ein herzhaftes Dankeschön an Hansjörg Stalder, gerade weil er nicht sich, sondern die Musik in den Mittelpunkt stellte. Und vielleicht der Weg, den «sein» Marcel Proust wies: Verlorene Zeit kann wiedergefunden werden, wenn einem ohne willentliche Steuerung Sinnesassoziationen Vergangenes wieder intensiv vergegenwärtigen. Die Musik, die er zu seinen Lebzeiten auf Tonträgern einspielte, kann uns dazu verleiten.

Autor: Urs Zangger

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