Silser Hotels sollen Hotels bleiben

Sollen unrentable Hotels umgenutzt werden können, so wie dies die bundesrätliche Verordnung zur Umsetzung der Franz-Weber-Initiative vorsieht? Eine heikle Frage, auf die noch nicht alle Engadiner Gemeinden eine Antwort haben. Sils schon.

Bestehende Hotels sollen in Ausnahmefällen und unter restriktiven Bedingungen weiterhin in Zweitwohnungen umgebaut werden können. So steht es in der bundesrätlichen Verordnung zum Zweitwohnungsbau von August 2012. Folgende Voraussetzungen müssen zur Umnutzung gegeben sein: Die in Frage kommenden Hotelbetriebe müssen vor dem 11. März 2012 bereits bestanden haben und insgesamt 25 Jahre lang zu Beherbergungszwecken genutzt worden sein. Ferner müssen die Besitzer mittels eines unabhängigen Gutachtens nachweisen, dass ihr Hotel nicht mehr nachhaltig und wirtschaftlich geführt werden kann. Welche Auswirkungen könnten solche Bestimmungen auf die Entwicklung der Engadiner Hotellerie haben? Wie gesund ist die Branche? Wo könnten vielleicht schon bald Spekulanten ihre Chance wittern?
 

Sils will Spekulation unterbinden

Das sind Fragen, mit denen sich auch hiesige Gemeindebehörden schon befasst haben und befassen. Um unerwünschte Entwicklungen und Missbräuchen vorzugreifen, haben sie verschiedentlich Planungszonen erlassen oder – wie im Falle von Pontresina – gar eine Hotelzone im Baugesetz verankert.
Einen – radikalen – Schritt nach vorn macht jetzt in dieser Angelegenheit die Gemeinde Sils mit dem Erlass einer neuen Planungszone «zur Verhinderung unerwünschter Entwicklungen betreffend die Umnutzung von Hotelbetrieben in Zweitwohnungen». Gemeindepräsident Christian Meuli deutscht aus, was mit dieser bezweckt wird: «Wir bewilligen nur noch, was nicht einer Kontingentierung unterliegt. Und Gesuche zur Umnutzung von Hotels haben keine Chance.» Der Silser Erlass erfolgt nicht aufgrund eines konkreten Bau- oder Umnutzungsgesuchs. «Gouverner c’est prévoir» zitiert Meuli den französischen Journalisten Emile de Girardin. «Wir wollen Rechtssicherheit». Die Gemeindebehörden müssten sich bewusst sein, dass Spekulanten einen langen Atem hätten, ergänzt der Silser Gemeindepräsident.
 

Güterabwägung

Diskussionen um eine Verschärfung des Baugesetzes wurden auch schon an Sitzungen des Samedner Gemeindevorstands geführt. Bisher noch ohne Entscheid. «Die Meinungen sind noch nicht gemacht», sagt Gemeindepräsident Thomas Nievergelt. Was soll man bevorzugen: ein schlecht laufendes Hotel oder einen unrentablen Betrieb, der zu einer Zweitwohnungsresidenz mit einer gewissen Wert-?schöpfung umfunktioniert werde? Dies sei eine schwierige Güterabwägung, die jede Gemeinde einzeln zu beurteilen habe. Nievergelt hofft auf einen Konsens im Gemeindevorstand, gerade im Hinblick auf die Zukunft des Hotels Bernina, und fügt bei: «Dieses Thema wird zudem bestimmt in der Regionalplanungskommission diskutiert werden müssen.»
 

Wackelkandidaten talabwärts

Bauchweh bereitet die bundesrätliche Verordnung Gemeinden talabwärts. «Wir haben zwei Wackelkandidaten, das Hotel Scaletta und das Hotel Aurora», sagt Duri Campell. Diese zwei Betriebe seien aufgrund ihrer Grösse gefährdet. Ins Hotel Aurora sei seit Jahren nichts mehr investiert worden. Die Gemeinde ist seit fünf Jahren mit einer Gesamtplanungszone belegt, erwirkt durch eine lokale Initiative zum Schutz der Hotellerie. «Wenn das Scaletta schliessen würde, hätten wir im Ort kein Restaurant mehr», gibt Campell zu bedenken. «Wir überlegen uns, am Dorfrand neue Hotelzonen zu schaffen, die genug Platz für einen rentablen Hotelbetrieb bieten würden. Vielleicht könnte die Gemeinde hierfür Boden zur Verfügung stellen», skizziert der S-chanfer Gemeindepräsident einen möglichen Ausweg aus der misslichen Lage.
Scuol habe zwei «marode» Hotels, ?die vielleicht von der Umnutzungsbestimmung Gebrauch machen könnten, Betriebe, die seit zehn Jahren geschlossen waren und wofür jetzt zwei neue Zweckbestimmungen gefunden worden seien, sagt Jon Domenic Parolini. Doch wer weiss? Vielleicht könne die Aussicht auf eine Gewinnmaximierung doch noch den einen oder anderen Besitzer zu einer Nutzungsänderung animieren, befindet der Scuoler Gemeindepräsident. «Ich glaube, man muss bei dieser Thematik von Fall zu Fall schauen, jedes Umnutzungsgesuch einzeln beurteilen», sagt Parolini.

 

Autorin: Marie-Claire Jur

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