Tabuthema Alzheimer

Demenz ist noch immer ein Thema über das nicht gerne gesprochen wird. Betroffene und Angehörige sind oft überfordert. Die neu eröffnete Beratungsstelle für Alzheimer in Samedan versucht, Menschen in dieser schwierigen Situation zu helfen.

«Alzheimer ist immer noch ein riesiges Tabuthema!» Marion Barandun, ausgebildete Pflegefachfrau und Leiterin der neu eröffneten Beratungsstelle für Alzheimer in Samedan, möchte gerade deshalb gezielt auf das Thema aufmerksam machen.
Alzheimer ist eine der häufigsten Erkrankungen im Alter. In Graubünden leben gemäss einer Schätzung der Schweizerischen Alzheimervereinigung etwa 2700 Personen mit einer Demenz. Es ist anzunehmen, dass die Zahl nach oben korrigiert werden muss, da viele Fälle unbekannt sind. Zusätzlich erkranken jährlich rund 600 Menschen neu an einer Demenz, wobei das Risiko mit der zunehmenden Bevölkerungsüberalterung steigt.

Falsche Scham
«Es ist vergleichbar mit dem Thema Aids; niemand wagte sich früher, ehrlich darüber zu sprechen», meint Barandun. Bei der Krankheit Demenz verhalte es sich ähnlich: Betroffene schämen sich, über die nachlassende Hirnleistung zu reden und auch Angehörige haben Hemmungen, das Umfeld über eine einsetzende Demenz des Betroffenen zu informieren. Durch offene Gespräche und einen unbefangenen Umgang mit der Krankheit soll der Diagnose Alzheimer die Schwere genommen werden. «Es ist absolut notwendig, dass man darüber spricht», betont Barandun. Denn oftmals kann bei einer Erkennung im frühen Stadium der Verlauf der Krankheit hinausgezögert werden. Und es stelle eine enorme Erleichterung für alle dar, wenn die belastende Situation «nicht mehr unter den Teppich gekehrt» werden muss.

Nicht die Augen verschliessen
Offene Gespräche sind aber nur dann möglich, wenn man die Befangenheit darüber verliert. Oft würde die Krankheit innerhalb der Familien totgeschwiegen. Niemand getraue sich – bei bestehendem Verdacht auf Alzheimer – die Betroffenen darauf anzusprechen. Und wenn doch, finden die Betroffenen oft Entschuldigungen für die – meist eindeutigen – Symptome von Demenz. «Das Verhalten wird mit Müdigkeit, momentaner Zerstreutheit, schlechtem Schlaf und anderen Erklärungen heruntergespielt. Oder man versucht, die Missgeschicke zu vertuschen», so Barandun.
Es sei wichtig, veränderte Verhaltensweisen genau zu beobachten und nicht die Augen davor zu verschliessen. «Die Angehörigen sollten versuchen Wege zu finden, mit den Betroffenen darüber zu reden», rät Barandun. Das Beste bei Verdacht auf eine Demenz-Erkrankung sei es, eine ärztliche Abklärung machen zu lassen. Dafür gibt es spezielle Memory-Kliniken.
«Angehörige sollen dazu ermutigt werden, Hilfe anzunehmen», sagt Barandun. «Oft haben diese ein schlechtes Gewissen, wenn Sie alleine nicht mehr weiterkommen», sagt sie. Damit sei aber niemandem geholfen: «Im Gegenteil: Es ist meistens für alle eine grosse Erleichterung, wenn sie merken, dass sie nicht alleine mit dem Problem sind.»
Mit der Eröffnung der Beratungsstelle in Samedan hat man sich zum Ziel gesetzt, dass Betroffene sowie Angehörige die Krankheit zukünftig früher erkennen können und durch Hilfe von aussen entlastet werden. Dies kann in Form von Gesprächen im Büro der Beratungsstelle stattfinden, aber auch als direkte Beratung vor Ort, zum Beispiel ein Hausbesuch.
«Wir möchten den Leuten Wege aufzeigen, wie sie die Situation meistern können; oft kann man durch gutes Planen einiges erreichen. Auch die Spitex, die Beratungsstelle Alter und Pflege oder die ‹Tauscheria› in Samedan helfen dabei, Lösungen zu finden, die eine Betreuung zu Hause ermöglichen.»
Wichtig für Barandun ist es auch, die Leistung der Angehörigen anzuerkennen. «Manchmal hat jemand einfach nur das Bedürfnis, sein Herz auszuschütten», sagt Barandun. Auch dafür ist die Beratungsstelle verantwortlich. Barandun gibt Hoffnung: «Der Alltag mit einer Demenz muss nicht nur schwer und belastend sein, sondern kann durchaus auch schöne Momente und sehr viel Ehrlichkeit beinhalten.»

Beratung auch in Samedan
Die Alzheimervereinigung Graubünden ist zuständig für die Betreuung und Unterstützung demenzkranker Menschen im Kanton sowie von deren Angehörigen.
Gemäss Barandun herrscht auch im Engadin ein wachsender Bedarf einer solchen Beratungsstelle; bis jetzt gab es kein vergleichbares Angebot. Viele wissen nicht, an wen sie sich wenden können und suchen auch das Gespräch mit dem Hausarzt zu wenig direkt. Hier müsse ganz klar mehr Aufklärung stattfinden. «Es ist notwendig, dass man darüber spricht und dass Angehörige eine Ansprechstelle haben», so Barandun. Deshalb hat die Beratungsstelle Chur entschieden, mehrere Zweigstellen in Graubünden zu eröffnen.
Seit letztem Jahr gibt es eine Beratungsstelle im Puschlav, anfangs September konnte auch im Unter- sowie im Oberengadin jeweils eine Stelle eröffnet werden. Die Stelle im Oberengadin wird zurzeit mit einem Minimalpensum von fünf Prozent betrieben. Bei entsprechender Nachfrage soll das Pensum erhöht werden. Das Büro konnte im Spital Oberengadin im Büro der Beratungsstelle Alter und Pflege untergebracht werden.
 

Beratung der Schweizerischen Alzheimervereinigung Sektion Graubünden: Samedan: 081 850 10 50, Scuol: 081 864 00 00, Poschiavo: 079 348 74 29, www.alz.ch/gr

 

Autorin: Lorena Plebani

Foto: Schweizerische Alzheimervereinigung Sektion Graubünden

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