Fünfzig Jahre Tibeter im Oberengadin

| Mi, 12. Jun. 2013

Am 15. Juni richten Samedans tibetische Freunde aus Dankbarkeit für ihre Aufnahme vor 50 Jahren zusammen mit Einheimischen ein öffentliches Fest aus. Samedan nahm 1963 eine Flüchtlingsgruppe von 35 Personen auf.

Vor lauter Diskussionen um das flüchtlingsaktuelle Tagesgeschehen und die Schwierigkeiten, Unterkünfte für die kontinuierlich einreisenden Flüchtlinge zu finden, geht gerne vergessen, wie es im Kalten Krieg war: Die grossen Flüchtlingsgruppen 1956 aus Ungarn und 1968 aus der Tschechoslowakei waren willkommen. Und ebenso – im Jahre 1963 in Samedan – die Menschen, die aus dem Tibet geflüchtet waren. Von der Geschichte, wie die Tibeter ins Engadin kamen und hier lebten, handelt eine im Rahmen des Tibeter-Festes zu sehende Ausstellung.
 

Toni Hagen – Kontakte im Himalaja

Der Schweizer Geologe Toni Hagen war der erste Europäer, der 1950 Nepal besuchen konnte. Er untersuchte als Regierungsgeologe im Auftrag der UNO die Geologie im Hinblick auf nutzbare Bodenschätze und filmte auch. Nach der Niederschlagung des Aufstandes der Tibeter 1959 setzte er sich beim König von Nepal dafür ein, dass die Aufnahme tibetischer Flüchtlinge möglich wurde. Als Chefdelegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz wurde er zuständig für deren Ansiedlung – auch in der Schweiz. Heute lebt und arbeitet seine Tochter Katrin Hagen als Chirurgin im Engadin. Auch sie setzt sich für das Schicksal der Menschen im Himalaja ein und präsidiert die «Toni Hagen Stiftung (Schweiz)» mit Sitz in Sils-Maria, die vor allem lokale Projekte in Nepal unterstützt.
 

Bever sagte Nein – Samedan Ja

Der Bundesrat beschloss 1963, tausend tibetischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Im Mai 1963 lehnten die Männer von Bever an der Gemeindeversammlung die Aufnahme eines Tibeter-Kontingentes knapp ab. Man wollte so «die Eigenart des Dorfes und seiner Bevölkerung ungeschmälert erhalten» und befürchtete, eventuelle schulische Probleme nicht lösen zu können. Darauf lud Samedan anfangs Juli zu einem öffentlichen Orientierungsabend mit Filmvorführung, Referat und Diskussion zum Thema ein. Schon am 8. Juli beschloss die gutbesuchte Gemeindeversammlung Samedan mit 98 gegen 63 Stimmen die Aufnahme von circa 30 tibetischen Flüchtlingen. Die «Engadiner Post» berichtete damals : «Es ist klar, dass dieses Problem viele Detailfragen aufwerfen wird, aber angesichts der grossen Not dieses Bergvolkes sagen alle von Herzen Ja.» Und: «Es handelt sich um Gruppen von circa zehn Männern, zehn Frauen und zehn Kindern. Die Männer werden zu geschickten Handwerkern und die Frauen obliegen der Teppichweberei.» Der Beschluss fiel den Samednern vielleicht nicht allzu schwer, heisst es doch im Protokoll jener Gemeindeversammlung: «Der Gemeinde entstehen keinerlei Kosten, denn das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) besorgt alles und selbst die Unterkunft, welche als schwierigstes Problem angesehen wurde, ist auf privater Initiative bereits eingeleitet.»
 

Die Tibeter kommen…

Anfang November wurde die Ankunft von 35 tibetischen Flüchtlingen angekündigt – sie sollten im ehemaligen Gasthaus Dosch untergebracht werden. Welch eine Reise: Mit der Swissair vom tropischen Bombay nach Kloten, Ankunft um 6.00 Uhr früh, und dann mit Kind und Kegel gleich weiter mit dem Zug mit Ankunft in Samedan 14.42, wo es schneite. Der Empfang jedoch war warm und herzlich.
Von früher erfolgten Ansiedelungen von tibetischen Familien wusste man, dass deren Integration wohl gut funktionieren würde. Zudem war im Oberengadin zu Beginn der 1960er-Jahre Hochkonjunktur: Nach dem Bau der Bergbahnen auf den Piz Nair (1955) und den Piz Corvatsch (1963) herrschte grosse Zuversicht, und der Zweitwohnungsbauboom kam richtig in Fahrt.
Schon ein paar Wochen nach der Ankunft der Tibeter wurde die «Genossenschaft Lions Tibeterheim Samedan» gegründet. Ihr Zweck war die «Besorgung von Unterkunft sowie Beschaffung und Vermittlung von Arbeitsplätzen für eine beschränkte Anzahl Tibeter-Flüchtlinge durch Kauf und Betrieb der bestehenden Liegenschaft ‹Altes Restaurant Dosch› in Samedan».
Schon 1967 fand die erste tibetische Hochzeit in Samedan statt, Geburtstage wurden ebenso gemeinsam gefeiert wie Chalandamarz. Nach knapp 20 Jahren erhielten zehn Tibeter das Sa-?medner Bürgerrecht. Die Männer leisteten Militärdienst – Tenzin Lamdark brachte es gar zum Generalstabsoffizier – und machten aktiv beim Zivilschutz mit.
Und doch, die meisten zogen nach und nach weg. «Heute leben nur noch zwei Tibeter in Samedan, alle anderen Familien sind in der Zwischenzeit ins Unterland gezogen», ist in Samedans Dorfzeitung, der «La Padella» vom April 2013, zu lesen. Somit verhalten sich die Tibeter ähnlich wie zahlreiche Menschen, die aus dem übrigen Kanton, dem Unterland oder aus Europa arbeitshalber oder «wegen der Liebe» vor 50 oder weniger Jahren ins Engadin gezogen sind: Sie verlassen es wieder, sei es wegen der Ausbildung, den vielfältigeren Arbeitsmöglichkeiten, der Abenteuerlust, der Liebe, den Enkelinnen oder vielleicht aus religiösen Gründen. 1968 wurde im zürcherischen Rikon ein tibetisch-buddhistisches Kloster eingeweiht, das viele Schweiz-Tibeter anzog.
 

Kontakt bleibt erhalten

Die Tibeter erscheinen jedoch ebenso an Jahrgängertreffen wie andere Samedner und Samednerinnen, die das Engadin verlassen haben. Ihre Anwesenheit wurde auch in Interviews und Filmen festgehalten, so 1998 durch Samir in einem Beitrag für die Televi-?siun Rumantscha, in dem zwei tibetische Familien aus Samedan porträtiert wurden.
Am Samstag, den 15. Juni  kommen viele «Samedner» Tibeter und ihre Nachkommen erst recht wieder, um Erinnerungen auszutauschen sowie alte Freundschaften zu erneuern und zu festigen. In der Mehrzweckhalle von Samedan steigt ab 15 Uhr ein öffentliches Fest, das bis Mitternacht dauert.

 

Autorin: Katharina von Salis

Foto: Fögl Ladina

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage soll automatisierten Spam verhindern und überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind

KOMMENDE EVENTS

STELLEN

IMMOBILIEN

DIVERSES