Visionen zum Thema Hexe

Fr, 11. Apr. 2014

Freier Geist, altes Wissen und Sinnesfreude konnten früher für Frauen lebensgefährlich werden. Der Künstler Mark Blezinger geht dem Phänomen Hexerei mit einer stupenden Foto- und Videoarbeit nach. Zu sehen bis Ostern im Pretorio von Vicosoprano .

Im Bergell wurden – urkundlich belegt – insgesamt 20 Frauen und fünf Männer – wegen angeblicher Hexerei verurteilt. Eingekerkert, gefoltert und hingerichet fristeten sie ihre letzten Tage im Pretorio von Vicosoprano. Das Gebäude mit Gerichtsstube, Gefängnis und Hinrichtungsstätte ist öffentlich zugänglich und erinnert an jene Zeiten, als ein Menschenleben in hiesigen Breitengraden nicht viel wert war. Relativ schnell verlieren konnten es vor allem Frauen, die aus der Menge herausstachen. Ob sie über ein besonderes Wissen und damit Macht verfügten – sei es als Kräuterfeen, Hebammen oder verführerische Schönheiten: Auch als völlig unbescholtene Menschen konnten diese Frauen verleumdet und wegen Hexerei und Teufelspaktiererei mit dem Tod bestraft werden.

 

Starke Bilder

Diesen Sündenböck(inn)en früherer Jahrhunderte spürt der Foto- und Videokünstler Mark Blezinger in seiner aktuellen Ausstellung im ehemaligen Gerichtsgebäude von Vicosoprano (Pretorio) nach. Blezinger bespielt diesen Ort mit Fotos und einer Videoinstallation von einer grossen suggestiven und poetischen Kraft. Er inszeniert gängige Vorstellungen zum mythologisch verbrämten Thema Hexe. Mittels einer professionellen Schauspielerin, welche Frauen- und Hexenfiguren darstellt, aber auch mit Personen aus dem Bergell. Konfrontiert werden die Besucher mit düsteren Bildern wie der frierenden und verzweifelten Todeskandidatin in ihrem Kerker, aber auch mit lichteren Gestalten wie der Engadiner Kräuterfee «Nona Fluors,» respektive der Hellseherin inmitten einer sommerlichen Berglandschaft. Szenen mit üppigen Blumenteppichen wechseln sich ab mit Folterwerkzeugen aus dem Pretorio-Inventar. Schalen- und Hexensteine aus dem Bergell beflügeln die Fantasie ebenso wie Landschaftspanoramen der «männermordenden» Diavolezza, welche tödliche Lawinen ins Tal schickt. Der rund 15-minütige Videofilm ist ein Panoptikum von ständig wechselnden Bildsequenzen, welche die verschiedenen Aspekte des Archetypus Hexe in seiner ganzen Ambivalenz ausleuchten. Präsentiert in statischen, ikonografischen Foto-Trilogien wie auch mittels ineinander überfliessenden Sequenzen.

 

Starker Klangteppich

Die starke visuelle Wirkung der Bilder wird durch einen Musik- und Geräuschteppich verstärkt: Windesrauschen, fallende Wassertropfen, das Verriegeln von Verliestüren, Peitschenhiebe, Kettenrasseln, die Schritte des nahenden Scharfrichters sind starke akkustische Momente.

Aber auch mittels der eigens für die Videoinstallation komponierten Musik verführt der Künstler sein Publikum: monotoner Beschwörungssingsang, Sopran-Arien, symphonische Klänge und vieles mehr begleiten das Publikum beim Gang durch Blezingers suggestiver Hexenerzählung. Auch wenn Blezinger historische Begebenheiten aufnimmt, handelt es sich bei der «Brüta Stria» um ein künstlerisches Werk, das dem Publikum seine Interpretationsfreiheit belässt.

Die Vernissage der Ausstellung von Dienstag zeigte auf, wie sehr die Produktion auch bei den Einheimischen des Tals angekommen ist. Einige «Locals» wirkten schon in den Videosequenzen mit, andere traten in historischen Kostümen auf und lasen Passagen aus der 1875 erschienenen Tragikomödie «La Stria, ossia i stingual da L'amur» («Die Hexe oder die Launen der Liebe»), die der Bergeller Giovanni Andrea Maurizio in Bargaiot verfasst hatte. Zudem wurden an der Vernissage  «Hexensuppe» und «Hexentränen» (Gebäck-Kringel) gereicht.

Die Schau «Brüta Stria» (Böse Hexe) reiht sich in die Werkserie «AlpenMythenSehen» ein. Sie begann letztes Jahr mit der «Wunderkammer», der Bespielung der Chesa Planta in Samedan, und wird vom Künstler fortgeführt. «Brüta Stria» ist eines der Highlights des laufenenden vierten Festival dell' Arte in Bregaglia. Die Ausstellung dauert bis Ostern und ist täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr zu sehen.

 

Text: Marie-Claire Jur

Foto: Mark Blezinger

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