Zwischen Gastrecht und Unbarmherzigkeit

| Sa, 14. Mär. 2015

Ulrich Tilgner hat sich bis Ende 2014 während 36 Jahren den Entwicklungen vor Ort im Nahen Osten ausgesetzt. Er hat beobachtet, kommentiert und ein grosses Publikum erreicht. Diese Woche sprach er in Sils-Maria über seine Erfahrungen.

Der Korrespondent, Buchautor und TV-Journalist Ulrich Tilgner wurde 2003 mit dem «Hans-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus» ausgezeichnet für seine Berichterstattung aus Bagdad. Begründung: «Tilgner hat sich mit Ausdauer und Erfolg darum bemüht, auch unter dem Druck kriegerischer Ereignisse und der eingeschränkten Informationsfreiheit den Überblick zu behalten, präzise zu formulieren und dem Abenteuertum ebenso wie der Parteilichkeit zu entgehen.»
Genau so hat man Ulrich Tilgner auch in Sils live erlebt. Einheimische und Touristen hörten – dicht gedrängt, sitzend, stehend und von der Empore aus – seine Ausführungen. Angeheizt und verunsichert durch mehr oder weniger objektive, vielfach vor allem reisserische Berichterstattungen über die unsäglichen Gräuel und Flüchtlingsströme und das ganze Elend, das sich seit Jahren vor den Augen der Welt im Orient abspielt, ist man offen und dankbar, von Tilgner aus erster Handzu hören, wie er die Lage einschätzt.

Die zwei Seiten einer Medaille
Als Einstieg projizierte Tilgner zur anspruchsvollen Thematik eine Szene aus dem Film «Laurence of Arabia» von 1962. Sie veranschaulicht drastisch, worum es bei Beduinen- und Nomadenstämmen beim Überlebenskampf in der Wüste geht und welche Regeln auf Leben und Tod gelten: Gastfreundschaft gegenüber respektvollen, wehrlosen Fremden, aber auch absolute Härte gegenüber Stammesfremden der eigenen Kultur. Das sind die zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Während der Fremde in der Wüste unhinterfragt Wasser und Schutz für eine begrenzte Zeit bekommt, wird der stammesfremde Eindringling gnadenlos niedergestreckt.
Solche Überlebensstrategien und das Gastrecht wird bei den Hirtenvölkern, d.h. bei den einfachen, nicht urbanen Menschen, noch heute weitertradiert. Ein Filmdokument von und mit Tilgner mit einem Schafzüchter aus dem Jahr 2004, (d.h. ein Jahr nach Sadam Hussein) zeigte es deutlich: Der Mann bestätigte, dass er und sein Stamm dieAnweisungen ihres Scheichs absolut befolgen. Im Gegenzug können sie auf dessen Schutz zählen.
Zwischen ländlicher Bevölkerung und Städtern bestehen heutzutage diesbezüglich allerdings grosse Unterschiede. Durch die Globalisierung verschieben sich Werte und Tabus auch im Orient. Westler bräuchten eben seriöse ethnologische Kenntnisse, wenn sie mit den «gleichzeitig gastfreundlichen und räuberischen Stammeskulturen» klarkommen wollen. Laut Tilgner unterlagen und unterliegen die USA und Europa häufigen unqualifizierten Fehleinschätzungen. Z.B. als die USA nach dem Sturz von Sadam im Irak das Verteidigungsministerium auflösten und die Militärs vor dem Nichts standen. Es hat zur Folge, dass sie heute zum Teil für die IS kämpfen.

Vorurteile
Wenn sogar Ulrich Tilgner von sich sagt, «meine 36 Jahre währende Arbeit im Orient waren auch 36 Jahre Abbau von Vorurteilen», wie sehr sollte das erst recht für das Gros des Westens und seiner Politiker gelten? Nur zu oft unterscheidet man nicht zwischen den wahren religiösen Werten von Islam, Juden- und Christentum und den jeweiligen Politiken und Rechtsprechungen, die hier wie dort praktiziert werden.
Die führenden Positionen islamischer Parteien sind oft auch ein Resultat westlichen Scheiterns. Statt einen kulturellen Wandel in Richtung Moderne zu fördern, haben militärische Interventionen eine Wiederbelebung der Beduinenkultur ausgelöst und dienen Terroristen als Nährboden. Gegenseitige Vorurteile und daraus entstehende Missverständnisse führen zu immer weiteren Eskalationen der Konflikte. Auch Europa und die USA werden immer leidvoller davon betroffen. Es ist ein Jammer, dass immer mehr gigantische Mittel für militärische Schläge aufgebracht werden, anstatt damit Infrastrukturen, Trinkwasser, Lebensmittelverteilung, medizinische Versorgung und einen Aufbau von Schulen auch in abgelegene Regionen zu bringen.

Wandel braucht Zeit
Die eindrückliche Lebensleistung von Tilgner, seine klare Stellungnahme aufgrund seiner Einblicke in das Weltgeschehen machen nachdenklich und sind wertvoll für die eigene Urteilsbildung. Man kann gut nachvollziehen, dass er sich gegen den heute immer mehr und mehr aufkommenden, immer weniger fundierten Journalismus stemmt.
Ulrich Tilgner ist Ende 2014 nicht nur altershalber aus diesem Tagesgeschäft ausgestiegen. Er ist gut gebuchter Referent bei Wirtschafts- und Bildungsinstitutionen und seine Bücher sind eine höchst empfehlenswerte Lektüre. Realistisch und nicht verbittert hielt er fest: «Auch im Orient braucht Wandel Zeit. Er ist jetzt dort, wo Europa 1848 war. Wir sollten anderen Kulturen auch die Entwicklungsschritte zubilligen, die wir selbst einmal durchlaufen haben.»

Autorin: Ursa Rauschenbach-Dallmaier

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