Erinnerung an einen Champion

Mo, 06. Apr. 2015

Er war Cresta-, Skeleton- und Bobfahrer. Kürzlich ist der Celeriner Nico Baracchi (1957 bis 2015) gestorben. Ein Gedenken an einen Mann, der sich immer als Individualisten sah.

Als im Oberengadin aufgewachsene Grünschnäbel standen wir im Februar 1976 zufällig zur gleichen Zeit und mit grossen Augen am Cresta Run. Die Dynamik der Sportart Skeleton und das damit verbundene Erlebnis des Temporausches hat uns Teenager überwältigt. Wir beschlossen, es ernsthaft zu versuchen. Wir wollten gut werden in dieser Sportart, die seit 1885 St. Moritz und Celerina verbindet und die auch den St. Moritzer und den Celeriner weit über den Sport hinaus verbinden sollte. Mit Nico Baracchi konnte man sich herrlich amüsieren – und das in sämtlichen Bereichen des Lebens. Mit ihm durften wir auf angenehme Art die Zeit vertreiben, unseren Spass haben. Er vermochte uns zu erheitern und konnte sich auch trefflich über jemanden oder etwas lustig machen. Mit Nico wurde sogar das Training amüsant. So hatte er einmal die Idee, am Lej Marsch im Dezember eine Skeleton-Startbahn zu bauen. Das Schneeschaufeln wurde zum lustvollen Krafttraining und die von der Feuerwehr organisierte Wasserpumpe ermöglichte uns zu erfahren, wie aus Schnee und Wasser Eis gemacht werden kann. Auf der selbst gebauten Startrampe haben wir dann mit Skeleton und Nagelschuhen gesprintet.
Die geistige Leichtigkeit eines Trainings war Nico wichtig. Trainieren auf Befehl und stumpfes Rennen waren ihm ein Graus. Er war nicht zu faul, er wollte einfach Trainingsinhalte selbst gestalten und den Stundenplan bestimmen. Am Cresta Run konnte sich Nico als Individualist entfalten: er gewann im Winter 1982 den legendären «Grand National» und alle anderen grossen Rennen und unterbot in der Folge auch den Bahnrekord. Weil das mit dem Cresta verwandte Bobbahn-Skeleton Wettkämpfe auf Eisbahnen rund um die Welt versprach, hakte Nico den Cresta Run vorläufig ab und stellte sich dem etwas straffer organisierten Betrieb der Bobbahnen. Dabei stiess er mit den ihm eigenen Vorstellungen von Training und Wettkampf Funktionäre vor den Kopf.
Der Erfolg sprach aber «Celeriner Romanisch» und somit für Baracchi. Er gewann in St.Moritz WM-Silber und danach dreimal EM-Gold. Der dann folgende Umstieg auf den Bob erforderte zusätzliche Qualitäten als Teamplayer, Manager und Technikberater. Fähigkeiten, die Baracchi auf seine eigene Art meisterte. Dass der von ihm pilotierte Viererbob an der WM 1989 in Cortina d’Ampezzo die mustergültigen Bob-Profis von Pilot Gustav Weder an den Rand einer Niederlage brachte, spricht für die Qualitäten und das Talent des Querdenkers Baracchi, der auch mit dem Bob WM-Silber gewann und dabei den legendären deutschen Piloten Wolfgang Hoppe auf Platz 3 verwies.
Nico Baracchi bereiste und erlebte die Welt und sog das Leben in vollen Zügen auf. An einem Cresta-Ball in London machte er auch in einem blauen statt einem schwarzen Smoking eine gute Figur. Die Engländer liebten den grossen Sportler aus den Bergen, der wenig von Konventionen hielt. Als Lebenskünstler verkaufte er später Immobilien in Mexiko, entwarf und fabrizierte erfolgreiche Skeleton-Rennschlitten oder sorgte als Eismeister für die perfekte Unterlage bei Art on Ice auf dem See. Die fliessende Grenze zwischen Genuss und Sucht hat Nico irgendwann dauerhaft überschritten. Weil er gewohnt war, dass seine Gedanken und Ideen für ihn stimmten und meist erfolgreich zum selbst gesteckten Ziel führten, liess er sich von seinen Lieben zeitlebens kaum beeinflussen. Als sich seine Sucht zur bedrohlichen Krankheit entwickelt hatte, erlebte sein Umfeld schmerzlich, dass ihm von aussen nicht wirklich zu helfen war. Etwas Linderung und hie und da eine kleine Freude waren das Wenige, das Nico zuliess. Erinnerungen an grossartige Zeiten liessen seine Augen noch funkeln. An diese Erinnerungen werde auch ich mich halten. «Bring a 42er Nico!»

Autor:  Marcel Melcher, St. Moritz

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