Rumänien, Land der Gegensätze

| Do, 02. Jul. 2015

Während zwei Wochen im Mai war Rumänien das Reiseziel einer Gruppe um die Engadiner Reiseleiterin Dorli Negri aus Chapella. Lesen Sie die dazugehörige Reisereportage in der «Engadiner Post» und nehmen Sie online nachträglich an der Reise teil.  

Die diplomierte Wanderleiterin BAW und Feldornithologin SVS, Dorli Negri, organisiert seit zwölf Jahren Reisen nach Rumänien. «Kultur und Ornithologie» steht in der Regel als Titel über der Reise. Ihre Motivation besteht heute wie damals darin, nicht Hilfsgüter ins Land zu bringen, sondern Arbeit, touristische Arbeit genauer gesagt.

So stellt Negri das Reiseprogramm nach den Bedürfnissen der jeweiligen Reisegruppe zusammen und organisiert mit ihren langjährigen rumänischen Partnern die Details. Deutsch- und englischsprechende Einheimische begleiten und betreuen die Reisegruppen vor Ort. Und überzeugen als freundliche und zuvorkommende Menschen und als eigentliche Experten für Flora und Fauna, Kultur und Geschichte ihres Landes.

In unserem Fall sind wir von Zürich nach Bukarest geflogen, und retour. Die Zeitverschiebung in Rumänien beträgt plus eine Stunde.

 

Lesen Sie nachfolgende eine Art Reiseblog mit folgenden Themen:

Erste Eindrücke

Walachei und Siebenbürgen

Rumänische Gastfreundschaft

Schlammvulkane

Babadagwald, der «Wald des Vaters»

Schmelztiegel Tulcea

Nachtruhestörung

Windenergie

Unterwegs auf dem Donaudelta

Die Donau und das Donau-Delta

Schutzbestrebungen und das «Delta-Gesetz»

Küstenstadt Sfântu Gheorghe mit Überraschungen

Sulina und die Donaukommission

Multikulti-Friedhof

Kontakt zur Bevölkerung – Valentin Lavric

Ausflug zu Dudu und dem Ursprung des Deltas

Problem Abfall

Land der Pelikane

Im Gebiet der alten Donau

Im Seerosenteich

Grillfest mit den Angestellten von Ibis Tours

Rumänien, ein wahres Vogelparadies

 

Erste Eindrücke

In der rumänischen Hauptstadt Bukarest erwartet uns der junge Einheimische Umweltökologe Mihai David aus Sibiu in Siebenbürgen, Transsilvanien. Der 31jährige Angestellte von Ibis Tours wird in der ersten Woche unser Begleiter sein. George Letcu ist der wortkarge Fahrer des Kleintransporters  mit welchem wir in der Folge das Landesinnere erkunden werden.

Schon aus dem Flugzeug fällt die sehr flache Gegend um Bukarest auf.  Entlang der Strassen sind auf beiden Seiten einzelne Häuser mit dazugehörigem Garten angesiedelt. Haus an Haus wachsen so die Siedlungen kilometerweit in die Länge. Dorfähnliche Siedlungen wie wir sie bei uns kennen, sind hier eher selten.   

Die vierspurige Expressstrasse welche von Bukarest aus, oft schnurgerade ins Landesinnere führt, hat auch schon mehr Schlaglöcher gesehen. Immer wieder fahren einspännige Pferdewagen eng an den Strassenrand gedrängt auf diesen Strassen. Vor den Häusern sitzen oft Kinder oder ältere Bewohner und verkaufen Kirschen oder Erdbeeren aus Eigenproduktion. Mihai David sagt dazu: «In Rumänien leben noch viele Analphabeten. Viele Bauern sind Selbstversorger, denen nützen die Kinder auf den Feldern mehr als in der Schule.»

Immer wieder stehen Menschen am Strassenrand und warten auf den Bus oder eine andere Fahrgelegenheit. Mihai David erzählt von zunehmender Bürokratie in Rumänien. So soll der Staat neuerdings sogar eine Steuer auf Trinkgelder eingeführt haben. «Wehe, wer keine Quittung für das Trinkgeld vorweisen kann, dem drohen hohe Bussen.»

Reiseführer für die Walachei und Siebenbürgen: Mihai David

 

Die Strasse in Richtung Brasov im südlichen Karpatenraum führt durch ein Gebiet mit Ölvorkommen. Hie und da stehen sogenannte Esel, kleinere Ölpumpen in den Feldern. Später fahren wir an einer grossen Ölraffinerie vorbei. Diese Gegend wurde im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten zerstört, weil Rumänien anfänglich mit der Deutschen Wehrmacht kooperiert hatte. Das Öl wurde früher zu Petrol raffiniert und für die Strassenbeleuchtung verwendet.

 

Walachei und Siebenbürgen

Die weite Ebene macht allmählich den Subkarpaten Platz. Dahinter erheben sich die  Mittelkarpaten. Die gerade Strasse gleicht plötzlich einem dicht bewaldeten, grünen Pass, wir haben die Hügel der Walachei und Siebenbürgens erreicht, dem ehemaligen ungarischen Reich.

Hier bestehen Skigebiete mit entsprechender touristischer Nutzung. Statt einfacher Verkaufsstände mit Früchte und Gemüse reihen sich nun grosse Souvenirläden aneinander. Mihai David sagt lachend: «Alle verkaufen hier die gleichen Produkte und erst noch zum  gleichen Preis.»

Hier in diesen riesigen, bewaldeten Hügeln der Karpaten machen rund 27 Prozent der Waldfläche Rumäniens aus. Hier leben laut offiziellen Angaben rund 6300 Braunbären, 3000 Wölfe und 1000 Luchse. Hiesige Jäger sprechen gerne auch von 12‘000 Bären und hoffen dadurch mehr Abschusslizenzen zu erhalten. Diese gibt es, obwohl auch in Rumänien die Bären grundsätzlich geschützt sind. Weil hier früher oft Giftköder für Bären und Wölfe ausgelegt wurden, sind hier die Geier fast gänzlich ausgestorben.  Kurz vor der Kleinstadt Zărnești, unserem ersten Aufenthaltsort im Kreis Brasov, befindet sich ein grosses, eingezäuntes Bärenreservat. Hier leben 73, aus Zirkusmanegen und Tierpärken befreite Bären. Mihai David erzählt, dass bis vor wenigen Jahren Bären oft vor Hotels und anderen touristischen Einrichtungen in kleinen, unwürdigen Käfigen gehalten und zur Belustigung der Gäste vorgezeigt wurden.

Ausgehend von der Pensiunea Elena in Zărnești unternimmt die Reisegruppe in den nächsten Tagen verschiedene Ausflüge. Bereits am zweiten Tag folgt mit dem Ausflug in die Valea Strâmbei  und auf den Bärenbeobachtungsposten von Ranger Adi Ciocan ein erster Höhepunkt der Reise. Siehe dazu die separate Reportage «Auch die scheuen rumänischen Bären lieben Süssigkeiten». Diese erschien in der «Engadiner Post» vom 21. Mai. (Siehe Link am Schluss dieses Berichts).  

 

 

Während Schaf- und Ziegenherden in der Regel von Hirten begleitet und bewacht werden, weiden Kühe und Pferde überall frei auf den Weiden. Ohne Zäune und oft bis haarscharf an den Strassenrand. Manchmal ist mitten auf einer Wiese ein Pferd oder ein Stier mit einem langen Seil an einen in die Erde gerammten Pfahl gebunden. Einfallsreich und clever.

 

 

Hirtenhunden wird oft ein Holzstock um den Hals gebunden. Wenn sie versuchen wegzurennen, so schlägt ihnen dieser an die Vorderläufe und schmerzt. So bleiben sie stehen und beginnen – so die Idee dahinter – zu bellen. Der Gastwirt der Pensiunea Elena, Gigi Popa, lädt die Reisegruppe zum Grillfest auf sein Maiensäss ein. Auf dem Weg dorthin wird eine rumänische Weisheit offensichtlich: Wer in Rumänien auf Landstrassen unterwegs ist, der muss Geduld mitbringen. Nicht wegen dem übermässigen Verkehr, sondern vielmehr wegen den teils desolaten Naturstrassen oder Sandpisten. Ein Beispiel gefällig?

 

 

 

Rumänische Gastfreundschaft

Gigi Popa ist nicht nur ein umtriebiger Gastgeber. Nach dem üppigen Essen zeigt er auch, dass er singen kann. Er war früher Mitglied einer Unterhaltungsband. Eine gute Gelegenheit der rumänischen Sprache zu lauschen. Und auch wenn sich einzelne Wörter sehr gut von unserem Romanischen ableiten lassen, so ist das noch lange keine Garantie, eine rumänische Konversation auch zu verstehen. Beileibe nicht. Im Hintergrund taucht irgendwann mal Gigi’s Tochter Beatrice auf. Dessen sechsjähriger Sohn Brian singt und spielt übrigens schon fast so gut wie sein Grossvater.

 

Gigi Popa singt ein rumänisches Volkslied

 

Weitere Ausflüge führen nach Bran und ins gleichnamige, sagenumwobene Draculaschloss. Vor lauter touristischer Vermarktung scheint sich hier Graf Dracula aber wohlweislich  gut versteckt zu halten. Auch die 276‘000 Einwohner zählende Stadt Brașov steht auf dem Reiseplan. Hier steht die Schwarze Kirche, der bedeutendste gotische Kirchenbau Siebenbürgens und sogar Südosteuropas.

 

Im Innern der Schwarzen Kirche

 

Schlammvulkane

Weiter geht es in Richtung Tulcea. Auf dem Weg dorthin machen wir einen Abstecher zu den Schlammvulkane Vulcanii Noroiosi in Pâclete Mari im Bezirk Judetal Buzàu. Hier drängen Methangasdampf und Petroldampf aus 3000 Metern Tiefe nach oben. Dabei durchdringen die Dämpfe Wasser- und Salzschichten und verwandeln die Erde bei ihrem Austritt in kleine Schlammvulkane.

 

 

Babadagwald, der «Wald des Vaters»

Mit dem Botaniker Mihail Petrescu verbringen wir einen Tag im Babadagwald, auch «Wald des Vaters» genannt, nahe der türkisch beeinflussten Kleinstadt Babadag. Mit Petrescu könnte man wochenlang Wälder und Wiesen durchkämmen. Jeden Strauch, jeden Grashalm und jede Blume kennt er bis ins kleinste Detail. 

 

Mihai Petrescu

 

Hier liegen auch die beiden Babadag-Seen. Das sind zwei mit Brachwasser (Süsswasser) gefüllte Lagunen des Schwarzen Meeres, welche künstlich vom Meer getrennt wurden. Babadag stammt aus dem byzantinischen Reich und heisst übersetzt «Berg des Vaters». Es ist eine spannende Gegend mit zwölf verschiedenen Wald- und Steppenarten auf gerade einmal zehn Quadratkilometer. Rund 72'000 Hektaren Silberwald mit vielen Silberlinden, Eichen und Eschen beherrschen das Bild dieses sogenannten «Gardens of  Sultan». Die Biodiversität ist im Vergleich zu den zwar üppig grünen, aber auch eintönigeren Karpatenwäldern, riesig.

 

Schmelztiegel Tulcea

 

Tulcea ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks und liegt am Rande des Donaudeltas angeschmiegt an einem Flussbogen der Donau. Tulcea hat gegen 80‘000 Einwohner und gilt als Schmelztiegel der Kulturen und Ethnien. Hier lebten und leben Griechen, Russen, russischstämmige Lippovaren, Bulgaren, Italiener, Juden, Türken, Tataren und tatarische Minderheiten, Rumänen, Deutsche, Mazedonier und Zigeuner friedlich beisammen. Fast alle Ethnien haben ihre eigenen Kirchen und auch ihren Teil am Friedhof. Einmal im Jahr findet in Tulcea ein grosses Fest der Ethnien statt, bei welchem die verschiedenen Kulturen gelebt und ausgetauscht werden.  

Ähnliche Bilder und Situationen werden wir später in den Küstenstädten Sfântu Gheorghe und Sulina wieder antreffen.

 

Nachtruhestörung

Zugegeben, der Schreibende leidet unter einem leichten Schlaf. Zu Hause ist es der Verkehr der Ofenpassstrasse, der ihn oftmals vom Einschlafen oder Weiterschlafen hindert. In den Ferien aber, da ist alles anders. Denkste! Schon die erste Nacht im Hotel Ibis in Tulcea, dem Hauptsitz des Reiseveranstalters Ibis Tours, gleicht einem Höllenritt. Es ist schon spät und dunkel. Vis a vis des Hotels sucht ein, der Stimme nach betrunkener  Mann, Einlass in ein Haus. Dessen Fensterläden sind schon die ganze Zeit unseres Aufenthalts geschlossen. Der Mann ruft immer wieder laut und hämmert seine Faust auf das laut hallende Metalltor. Mehrere Male. Selbstverständlich beginnt der kleine Hund der im Vorgarten des Hotels umherirrt zu bellen. Sofort stimmt der grosse, schwarze Schäferhund von nebenan laut bellend in sein spitzes Gekläffe ein. Innert Minuten bellt ein ganzes Quartier um die Wette. Ausdauernd.

Dann plötzlich wieder Ruhe, nur von ein paar weit entfernt vorbeifahrenden Autos durchbrochen. Jugendliche schlendern, laut sprechend und vermutlich vom Ausgang herkommend, in der Nähe vorbei. Sie ahnen es. Aus dem erstbesten Vorgarten, an dem die Jugendlichen vorbeikommen, ertönt schon das erste Warngebell. Was dann folgt, wird sich die halbe Nacht, irgendwo in Hörweite zu meinem Zimmer, wiederholen.  Ein Konzertreigen der rumänischen Hundestaffel, frei Haus. Komponist unbekannt.

Und liegt man dann, ein paar Tage später, endlich auf dem idyllischen Lacul Rosu im schmalen Bett des Hotelbootes, dann kann die Welt dem Schlafgestörten sicher kein Leid mehr antun. Denkste zum zweiten Mal. Vor dem Fenster nichts als Natur pur, Wasser und riesige Schilfvorkommen. Und darin verborgen, geschätzte 350‘000 Frösche die um die Wette quaken.  

 

Wenn wir schon bei Geräuschen sind. Der wohl treuste Begleiter während der Reise war der Brutschmarotzer Namens Kuckuck.

  

 

Windenergie

In Rumänien sind in den letzten Jahren zahlreiche Windkraftwerke entstanden. In den  weiten Gegenden stehen die grossen Windräder in dichten Gruppen und beherrschen, langsam ihre Flügel rotierend, die Landschaft. Naturschützern und Ornithologen sind sie ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt wegen den zahlreichen Vögeln, die in die Propeller prallen und verenden. Mihai David weiss, dass vielerorts aus Kostengründen Second-Hand-Windkrafträder eingesetzt wurden. Die rumänische Bevölkerung bezahlt eine im Strompreis integrierte Taxe für die Subvention der Windkraft. Ähnlich also wie bei uns. Laut David scheinen viele Betreiber solcher Anlagen aber mehr an den Subventionen selbst interessiert zu sein, als an der erneuerbaren Energie die sie produzieren sollten oder dem Thema der Energieeffizienz.

 

 

Unterwegs auf dem Donaudelta

Hotelboot der Firma Ibis Tours mit Schleppboot

 

In Tulcea startet die zweite Hälfte der Reise. Für acht Tage bezieht die Reisegruppe Unterkunft auf dem Hotelboot «Dragonul TL 24». Begleitet wird sie auf ihrer Erkundungsreise auf den Donaukanälen und den unzähligen Wasserstrassen des Donaudeltas von Florin Palade. Er ist studierter Geologe, genauer gesagt Geomorphologe, und hat sich sein schier unerschöpfliches Wissen über Vögel, Flora und Fauna selbst beigebracht. Palade ist der Geschäftsführer von Ibis Tours, ist verheiratet und Vater von zwei Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Tulcea. Er erkennt und bestimmt in Sekundenschnelle Vögel in einer Entfernung, in der Laien erst einmal den Baum ausmachen müssen, auf dem der vermeintliche Vogel sitzt. Auf die deutsche Bezeichnung folgt sogleich die ornithologisch korrekte, lateinische Fassung, manchmal gefolgt von der rumänischen Version.  Und oft auch gleich ergänzt durch wertvolle Zusatzinformationen. Im Verlauf der Reise fragen wir uns zunehmend woher zum Geier  dieser Mann sein ornithologisches Wissen hat?      

Ibis Tours besitzt zwei eigene Schiffskonvois, bei Bedarf mieten sie ein drittes zu. Ein Konvoi besteht aus dem rund 80 Tonnen schweren Hotelboot mit zehn Doppelkajüten, Küche, Ess- und Aufenthaltsraum. Das Hotelboot wird nicht gesteuert und hat auch keinen eigenen Antrieb. Es wird von einem 160-PS-starken Schleppboot gezogen. Auf dem Hotelboot leben auch die sechs einheimischen Angestellten. In unserem Fall sind das Dani, der Steuermann des Stuhlboots und Ehemann von Lenuta, der Kellnerin und Servietten-Falt-Künstlerin. Dann Aurel. Er ist Seilmann auf dem Hotelboot und inoffizieller Chef. Er arbeitet bereits seit 12 Jahren bei Ibis Tours. Schliesslich gehören noch der sehr wortkarge Kapitän Senea und der nur unwesentlich gesprächigere Schiffsmechaniker Gabi zur Crew. Stop, nicht zu vergessen natürlich Oriza, die stets im Hintergrund agierende Köchin und Meisterin von Suppen und Kuchengebäck. Besonders angetan war ich vom Mohnkuchen. Hier das Originalrezept von Oriza:  

Also, das Hotelboot wird vom Schleppboot gezogen. Hinten am Hotelboot sind ein kleines Fischerboot mit Aussenbordmotor und ein Ausflugsschiff, das sogenannte Stuhlboot festgemacht. Letzteres besteht aus einer Steuerkabine, einem kleinen Raum mit Liege, Toilette und den obligaten Fischerruten sowie vorne, einer überdachten Plattform auf der die Reiseteilnehmer auf Campingstühlen die Aussicht geniessen.

 

Aussicht vom Stuhlboot

 

Die Donau und das Donau-Delta

Mit 2857 Kilometern Länge ist die Donau der zweitlängste Fluss Europas. Nach der russischen Wolga. Die Donau entspringt bei Donaueschingen (D) im Schwarzwald und durchquert auf ihrem Weg ins Schwarze Meer zehn Länder. Einer der zahlreichen Zuflüsse der Donau heisst Inn oder En, entspringt im Oberengadin oberhalb von Maloja und hat selbst eine Länge von 538 Kilometern. Der Inn fliesst mit bis 738 Kubikmeter Zufluss bei Passau in die Donau. Für mehr Informationen zur Donau klicken Sie hier.

Der Bootskonvoi befährt ab Tulcea den Sf. Gheorghe Branch. Das ist einer von drei Hauptarmen des Deltas. Unterwegs fahren wir mit dem Stuhlboot mehrere Stunden durch kleinere Kanäle und treffen später wieder auf das Hotelboot, welches sich in der Zwischenzeit auf dem Donaukanal weiter Richtung Donaumündung bewegte.  Die Wassermassen sind enorm. Rund 60 Prozent des gesamten Donauwassers fliessen durch den Chilia Branch im Westen und entlang der Grenze zur Ukraine. Je rund 20 Prozent der Wassermenge fliesst durch den Sf. Gheorghe Branch und den schiffbaren Sulina Branch. Sogar der kleinere Sf. Gheorghe Branch ist stellenweise geschätzte 130 Meter breit. 

Auf den letzten Kilometern vor Sfântu Gheorghe sind wir umgeben vom grössten zusammenhängenden Schilfgebiet der Welt. Auf der Karte sind ehemalige Fischteiche  aus der kommunistischen Ära Nicolae Ceaușescus. Der Despot und Diktator wollte in dieser Gegend nur noch Fischzuchten und Landwirtschaft zulassen. Dafür plante er sogar das gesamte Delta trocken zu legen. Im Norden ist ihm dies in den sogenannten Poldern auch gelungen. Dort erstrecken sich heute grosse, mit Deichen vom Delta abgetrennte Trockengebiete.

Das 5800 Quadratkilometer grosse Donau-Delta ist seit 1991 ein anerkanntes Unesco-Biosphärenreservat. Zusätzlich sind verschiedene Gebiete innerhalb des Reservats streng geschützte Naturschutzzonen. Anders als in unseren Breitengraden wurde der Schutz ohne die Mitbestimmung der einheimischen Bevölkerung eingeführt. Diese haben laut Florin Palade aber mittlerweile sehr wohl erkannt, dass sich aus dem Biosphärenreservat durchaus Kapital schlagen lässt. Nicht zuletzt Palade selber, der zusammen mit seinen rund 35 Mitarbeitern und den beiden Organisationen Ibis Tours und Ato Tours einen naturnahen Tourismus mit Birdwatching, Delta-Erkundungen oder Biketouren anbietet. 

Das Reservat wird politisch von einem einzelnen Biosphären-Gouvernator verwaltet. Dieser untersteht direkt dem Ersten staatlichen Ministerium. Für Florin Palade ist dies eine schlechte Lösung weil die Politik immer nur zeitlich befristete Projekte genehmigt.  Langzeitprojekte, wie die Forschung oder die etwas erweiterte, touristische Nutzung sind so nur selten möglich.

 

Florin Palade

 

Schutzbestrebungen und das «Delta-Gesetz»

Während Naturschutzorganisationen wie der WWF in Rumänien eher in den Wäldern der Karpaten aktiv sind, versuchen hier drei unabhängige Gruppierungen schärfere Schutzbestimmungen für das Donau-Delta zu erwirken. Es sind dies die Societatea Ornitologicà Românà (Rumänische Ornithologische Gesellschaft), die Eco Pontica (Florin Palade und Konsorten) sowie die Salzati Delta. Sie haben gemeinsam einen Managementplan erarbeitet und niedergeschrieben. Dieser müsste jetzt von der Politik lediglich noch genehmigt werden. Palade befürchtet eine Verwässerung ihrer Anliegen durch die Einflussnahme der Politik. Der Managementplan soll zum Delta-Gesetz werden. So soll in Zukunft Schnellbooten verboten werden, in den kleineren Kanälen zu verkehren. Mit ihrer oft rücksichtslosen Fahrt durch die kleinen Wasserkanäle werden Tiere und Vögel unnötig aufgeschreckt und durch die Bugwellen werden die Flussufer ausgespült und zerstört.

 

Solchem, rücksichtslosen Treiben will das Donau-Gesetz einen Riegel schieben

 

Auch die oft praktizierte Brandrodung von Schilf soll mit dem Gesetz nur noch im Winter und nur noch eingeschränkt möglich sein.  Vor allem in der Nähe von Sfântu Gheorghe kommt eine Schilfart vor, die von den einheimischen Schilfbauern geschnitten,  aufbereitet und für den Bau von Schilfdächern verkauft wird. Oft werden alte Schilfbestände brandgerodet.

 

Für mehr Informationen zum Biosphärenreservat Donaudelta klicken Sie hier.

 

Küstenstadt Sfântu Gheorghe mit Überraschungen

Das Hotelboot ankert vor Sfântu Gheorghe an einem, bis zum Horizont reichenden  Schilfmeer. Zu Fuss geht es durch eine langgezogene Quartierstrasse bis zum Strand des Schwarzen Meeres. Hier ist es zum Glück sehr trocken, denn die Strassen bestehen aus festgefahrenem Sand. An der Küste dann ungewohnte, überraschende Bilder: Am muschelübersäten Strand geniessen vereinzelte Einheimische und noch weniger Touristen die Sonne, verschiedene Möven- und Seeschwalbenarten tummeln sich, aber auch Kühe und Pferde suchen in den Dünen nach etwas Fressbarem. Die ausgemergelten Kühe trauen sich an und ins Wasser, sonnen sich am Strand oder lecken am Salzwasser.

 

Kühe am Strand und im Schwarzen Meer, ein wahrlich ungewohntes Bild

 

 

Nach einem Ausflug ins Naturschutzgebiet von I. Sacalinu Mare wo wir die ersten Krauskopfpelikane und Rosa Pelikane zu Gesicht bekommen, fahren wir wieder mit dem Hotelboot durch den Kanal Cordon Literal. Dieser verläuft zwischen Sfântu Gheorghe und Sulina parallel zur Küste und wurde noch vor der Herrschaft Ceaușescus künstlich angelegt. Die Fahrt durch den engen Kanal bis zum Lacul Rosu dauert circa dreieinhalb Stunden und führt in gemächlicher Fahrt vorbei an einer herrlichen Landschaft mit riesigen Schilffeldern gegen das Delta hin und Sanddünen und steppenartiger Vegetation in Richtung Küste. Ein Naturparadies, nicht nur für die Vogelbeobachter aus der Reisegruppe.

 

Sulina und die Donau-Kommission

Durch den Kanal Rosu-Imputita erreichen wir die zweite Küstenstadt, Sulina. Wieder geniessen wir festen Boden unter den Füssen. Beobachten am Strand einen Schwarm Sichelstrandläufer und besuchen den ehemaligen Leuchtturm. Dieser steht heute rund drei Kilometer im Landesinnern und zeigt eindrücklich wie schnell sich das Donaudelta ausgedehnt hat.

Florin Palade erklärt uns, dass im Jahre 1856 die Donau Kommission mit dem Ziel gegründet wurde, den Sulina Branch schiffbar zu machen und damit den Orient über den Bosporus und die Donau mit Wien zu verbinden. Dafür war die Zusammenarbeit von Rumänen, Engländern, Niederländern, Italienern, Ungarn, Bulgaren, Russen, Türken, Griechen und Österreichern nötig. Sie alle hatten ein wirtschaftliches Interesse an dieser Route. 1895 schliesslich wurde der von Sulina mehrere Kilometer ins Schwarze Meer hinausführende Schiffskanal eröffnet. Hier, am Übergang zum offenen Meer liegen zwei gestrandete Frachtschiffe im Wasser. Ein neuer Leuchtturm signalisiert hier den östlichsten Punkt Rumäniens, ja sogar Europas.

 

Multikulti-Friedhof

Auf dem Weg an die Schwarzmeerküste besuchen wir den Friedhof von Sulina, ein eigentliches Spiegelbild der Gesellschaft die hier lebt und lebte. Jede Ethnie hat ihren angestammten, eigenen Friedhofsteil. Verstorbene Juden liegen neben Türken, Russengräber, mit den markanten Doppelkreuzen, liegen neben den alten Gräbern der Engländer, und die Griechen und Rumänen teilen sich den Boden in griechisch-orthodoxer Verbundenheit.

 

 

Kontakt zur Bevölkerung – Treffen mit Valentin Lavric

Wir übernachten im Hafen von Sulina. Wenn man so will, an der Mündung des Inns ins Schwarze Meer. Eigentlich wollte ich hier in Erfahrung bringen, ob den Menschen der Inn überhaupt bekannt ist und ob sie die Quellen «ihres» Wassers kennen. Um es gleich vorwegzunehmen, das Resultat war äusserst dürftig und die Recherche scheiterte nicht zuletzt an der Sprache. Fazit: Mit Romanisch kommt man in Rumänien nicht wirklich weit.

Im Hafen treffe Marius Tiby. Er arbeitet in der Bar Cafe Dark, einem einfachen, heruntergekommenen Schuppen mit billiger Holzveranda,  kaputten, schmutzigen Holztischen und, passend zum Namen, opaken Fenstern. Innen ist die geräumige Bar mit kanarienvogelgelben Sofas ausgekleidet. Der penetrante Gestank nach kaltem Zigarettenrauch lässt mich schnell wieder ins Freie treten. Der hagere Tiby spricht Deutsch, er hat sechs Monate in der Nähe von Düsseldorf in einer BMW-Fabrik gearbeitet.  Ich hatte ihn schon am Vorabend beobachtet, wie er seinen kleinen Sohn auf dessen  Dreirad die Strasse rauf und runter schob. Währenddessen seine Frau servierte. Dem Kleinen scheint’s gut zu gefallen, er strahlt übers ganze Gesicht. Der Vater aber schläft schier ein im Gehen. Marius Tiby möchte wieder nach Deutschland zurück und sich Arbeit suchen. Seine zwei Brüder leben und arbeiten auch dort. Hier in Sulina sieht er für sich und seine Familie keinerlei Zukunft.

Bevor das Hotelboot um Neun wieder ausläuft, will ich noch jemanden finden der einen Bezug zum Inn hat. Scheitere aber an der Sprache, niemand will am frühen Morgen sprechen oder entschuldigt sich mit dem typischen Schulterzucken dafür, dass er oder sie weder Deutsch, Englisch noch Romanisch kann.

Folge dann ein paar Schulkindern zu ihrer Schule. Aber sogar dort das gleiche Bild. Weder die Hauswartin noch die Primarlehrerin sprechen eine andere Sprache als Rumänisch. Draussen bekomme ich von einem Lehrer den Tipp, mich nach Acht im gegenüberliegenden Gebäude nach jemandem zu erkundigen. Hier ist das Liceul Teoretic «Jean Bart» angesiedelt.    

Verzichte also auf das Frühstück und besuche mit Verena Thommen noch schnell das Lyceum. Verena gehört zur Reisegruppe, war bis zu ihrem Ruhestand selber Lehrerin und ist sofort Feuer und Flamme für diese Idee. Unangemeldet und schon unter Zeitdruck suchen wir im Lyceum nach einem Gesprächspartner.   Nach anfänglichem Zögern gibt uns der Lehrer für Rumänisch, Valentin Lavric auf Englisch Auskunft. Kurze Zeit später stürmt ein offensichtlich gestresster Schuldirektor ins Zimmer. Heute steht eine grosse Inspektion aus Bukarest bevor. Wie wir aus der Gestik der beiden herauslesen, delegiert der Direktor das Problem der beiden neugierigen Schweizer zurück an Lavric. Dieser blüht sichtlich auf und zeigt uns verschiedene Schulzimmer, stellt uns seinem Kollegium vor und erklärt uns verschiedene Projekte im Zusammenhang mit ethnischen Minderheiten. Er ist auch erfreut, als er hört, dass wir den Friedhof von Sulina besucht haben. Er arbeitet dort nämlich auf freiwilliger Basis und sorgt sich um die Gräber.  Es ist schon Neun, und wir werden etwas ungeduldig. Valentin Lavric begleitet uns noch durch den Schulhof und über die ganze Schulstrasse bis hinunter zur Hafenstrasse.

 

Lehrer Valentin Lavric

 

Erst später habe ich Zeit, das auf dem Handy aufgezeichnete Gespräch abzuhören. Hier das Gespräch:  

Valentin Lavric, wie weit ist der Inn (Una) ein Thema in den hiesigen Schulen?

Valentin Lavric: Im normalen Unterricht wird erst einmal die Geografie rund um die Donau vermittelt. Dabei beschränkt sich der Lehrplan aber auf das Territorium Rumäniens. In einer folgenden Stufe kommt die Europäische Geografie hinzu, die  Nachbarländer Rumäniens und selbstverständlich auch die anderen Länder. So bekommen die Kinder eine generelle Schulung in Bezug auf die Donau.

Wir zelebrieren jeweils am 29. Juni den Donautag. Dieses Jahr zusammen mit der Organisation Save Danube Delta aus Bukarest  unter der Leitung von Iviu Michaiu. Diesen Tag nützen wir heuer, um die Ufer des Deltas von Abfall zu reinigen. Mit Postern versuchen die Kinder zudem die Bevölkerung auf die Wasserverschmutzung aufmerksam zu machen: Habt und trägt Sorge zum Delta, so lautet ihre Botschaft. Ähnliche Aktionen finden auch in anderen Gegenden statt. Damit wollen wir auch aufzeigen, dass viel Schmutz auch durch die zahlreichen Zuflüsse in die Donau getragen wird und hier schlussendlich das Delta verschmutzt.

Welche Sprachen werden in Sulina unterrichtet?

Lavric: An dieser Schule wird als Hauptsprache Rumänisch und im Nebenfach Englisch und Französisch unterrichtet. Zusätzlich werden hier in diesem Schmelztiegel der Kulturen auch die Muttersprachen der verschiedenen ethnischen Gruppen unterrichtet. Allen voran Russisch und Griechisch. In der Grundschule unterrichten wir in Rumänisch.

Wie viele Kinder gehen hier zur Schule?

Lavric: Suliva hat aktuell 480 Schulkinder und zwar von Kindergarten über die Grundschule bis zur Hochschule.

 

Weshalb tragen vereinzelte Kinder Schuluniformen?

Lavric: Früher war das normal. Heute sind Schuluniformen nicht mehr zwingend nötig. Ob die Kinder eine Uniform tragen, liegt alleine im Ermessen des jeweiligen Lehrers.

Auf dem Weg zur Hafenstrasse erwähnt Valentin Lavric noch, dass er als zehnjähriger Junge einmal in Suliva in einem Ferienlager weilte. Heute ist er hier Lehrer. Eine schöne Geschichte. Vielen Dank Valentin.

 

Ausflug zu Dudu und dem Ursprung des Deltas

Mit dem Stuhlboot fahren wir durch einen idyllischen Kanal der parallel zum Gulful Musura bei Sulina verläuft. Bei Rosetti am Rande des Naturschutzgebietes von Grindul Letea werden wir von Dudu und seinem abenteuerlichen Safari-VW-Bus erwartet. Über holprige und staubige Strassen fährt er uns auf einem Deich bis zu seinem Haus in  Rosetti, wo wir auf seiner Veranda unser Picknick verspeisen. Danach fährt er uns, meistens mit beiden Händen wild gestikulierend,  weiter durch die Ebene. Die Strasse besteht aus vielen ausgefahrenen Spuren. Von hinten braust plötzlich ein Polizeiauto heran. Dudu fährt unbeeindruckt weiter. Kurz darauf überholt uns der Streifenwagen in  halsbrecherischer Fahrt, halb in den Spuren, halb auf der Wiese. Wenig später folgt von hinten ein gelber Schulbus. Auch dieser überholt uns rumpelnd und hinterlässt eine grosse Staubwolke.

 

 

Dudu bringt uns an den Rand des Urwalds von Rosetti. In diesem, kilometerlang eingezäunten  Waldstreifen, wächst ein uralter, eigentümlicher und mystischer Eichenwald, der zum Teil überschwemmt ist. Der Zugang zum Gelände erfolgt über ein  Gittertor und im Wald führt ein Holzsteg über das Wasser. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und die Vögel sorgen für ein lautes Konzert.

 

Der überschwemmte Urwald von Letea

 

Kaum hat man den schmalen Waldgürtel durchquert, steht man plötzlich in einer weitläufigen Dünenlandschaft. Gebildet aus feinem, weissen Sand. Hier erstreckte sich vor über 7000 Jahren der Strand des Schwarzen Meeres. Die eine mit feinen Gräsern bewachsene Sanddüne ist zwölf Meter hoch und damit der höchste Punkt des Deltas. Im Osten liegt das Schwarze Meer, im Westen das Donau Delta. Hier kommen verschiedenste Vegetations- und Landschaftsformen auf  nur wenigen 100 Metern vor: Steppe, Weide, Urwald und  Sanddünen. Trotz des überschwemmten Waldes ist dies eine sehr trockene Gegend, welche alleine vom Grundwasser lebt. Ein faszinierendes wie gefährdetes Gebiet.

Laut Florin Palade war das Donau-Delta vor 12'000 Jahren, zum Ende der Eiszeit, noch eine Meeresbucht. Die heutigen Naturschutzgebiete von Letea und Caraorman waren damals Inseln im Meer. Die Strömung in der Bucht verlief in Uhrzeigerrichtung und die Sedimentseinlagerungen der Zuflüsse, vor allem jener aus der Ukraine, haben das heutige Delta geformt. Letea gilt deshalb als eigentliche Ursprungsgegend des Deltas.

 

Und die alten Sanddünen gleich dahinter

 

Problem Abfall

Mit Florin Palade (Ibis Tours) unterhalten wir uns immer wieder auch über den Abfall. Dieser liegt oft am Strassenrand, in den Kanälen des Deltas oder in der Landschaft. Gleich ausserhalb der Dörfer sind oft einfache, muldenartige Kehrichtdeponien angelegt. Was nicht in den Mulden liegt, liegt darum herum. Oft weiden Kühe, Schafe und Pferde zwischen Abfall. Auch Florin stört sich als Organisator von naturnahen Ferien an dieser Situation. Er sagt aber: «Oftmals können sich die armen Leute auf dem Land die Kehrichtentsorgung schlicht nicht leisten.»  In verschiedenen, grösseren Orten gibt es sie aber, die Müllmänner die mit einem Traktor Abfall einsammeln oder sogar Behälter aus rostigem Metallgitter die als Pet-Sammelstelle dienen.

 

Müllabfuhr in Sfântu Ghehorge

 

Rumänien, Land der Pelikane

Die nächsten Tage verbringen wir eher im Norden und Nord-Westen des Deltas. Auf der alten Donau geht die Reise durch den Kanal Bogdaproste bis zum Lacul Bogdaproste und dem Lacul Trei Izere. Durch verschiedene kleinere Kanäle erreichen wir den Rand einer riesigen, von Menschenhand errichteten, trockenen Fläche, den Polder an der Grenze zur Ukraine. Eine von künstlichen Deichen umgebene Landfläche welche damals abgepumpt und zu Weide- und Ackerland umfunktioniert wurde. Entstanden sind neue Dörfer und Agrarflächen nach Nicolae Ceaușescus Denkmuster.

Das Hotelboot nimmt Quartier bei Lopatna an der Flussgabelung von Canale Eracle und Lopatna. Wegen des nahen Dorfes Mila 23 herrscht hier relativ viel Verkehr kleiner Motorboote, welcher die herrliche Umgebung aber gleich wieder wett macht. Hinten Schilf, vorne ein kleines Flussdelta mit zwei abgestorbenen Bäumen mitten im Wasser. Meistens schwimmen und fischen zwei oder drei Pelikane in Sichtweite. Am Abend fliegen sie zum Greifen nah am Hotelboot vorbei. Kein Wunder sagt jemand beim Abendessen: «Das ist hier wie ein grosses Naturkino.»

 

 

Krauskopf-Pelikan

 

Von hier aus starten wir einen Nachmittagsausflug in Richtung Norden zu den grossen, aber nur zwei bis drei Meter tiefen Seen Lacul Matita und Lacul Babina. Von hier sehen wir in weiter Ferne den Urwaldstreifen von Letea. Kaum sind wir um die ersten zwei Flusswindungen, sehen wir einen Seeadler. Dieser fliegt auf und fängt kurze Zeit später einen Wels. Sofort wird er von Krähen verfolgt und angegriffen. Mutig, mutig.

Am Himmel fliegen hunderte Pelikane. Dahinter, gegen die Ukraine hin, liegt das wohl grösste Pelikan-Brutgebiet Europas. Wenig später versperren unzählige Rosa Pelikane den Kanal. Das Stuhlboot kommt ihnen langsam näher und nach und nach fliegen die Pelikane auf, um sich wenige Meter weiter, bereits wieder im Wasser niederzulassen. Auch hier, ein Naturspektakel sondergleichen.  

 

Rosa Pelikane

 

Im Seerosenteich

In dieser Gegend werden auch die Wasserstrassen schmäler. Die Äste hängen tief und das Stuhlboot muss diesen und im Wasser liegenden Baumstämmen immer wieder ausweichen. In den Kanälen wächst viel Seegras, welches oft auch die Wasseroberfläche erreicht. Immer wieder verhängt sich dieses im Propeller des Motorbootes. Stoppen, ein paar Meter rückwärts fahren um den Propeller wieder zu befreien und weiter.

Ein Wildschwein durchquert einen vielleicht 15 Meter breiten Kanal direkt vor dem Stuhlboot und flüchtet am anderen Ufer ins Unterholz. Bei Mila 23 durchschwimmt ein Hund den, an dieser Stelle sicher über 100 Meter breiten Kanal der alten Donau. Auch eine ältere Frau rudert von einem Flussufer ans andere obschon ihr langes Schiff einen Aussenbordmotor hätte. Sie transportiert Schilf.  Wir halten kurz an einer schwimmenden Tankstelle. Florin Palade kauft Zigaretten für Kapitän Senea. Auch hier fliegen Pelikanschwärme in stetig wechselnden Formationen über uns hinweg.

 

 

Besonders intensiv wird die – leider einmalige – Ausfahrt mit dem kleinen Motorboot. In kleinen Gruppen erkunden wir die überschwemmten Wälder in dieser Gegend, halten mitten in riesigen Seerosen- und Teichrosenteppichen und erreichen so Orte, die mit dem Stuhlboot nicht zu erreichen wären. Hier reicht die Hand dann auch mal bis ins Wasser. Immer trüb, aber hier angenehm warm die Donau, wirklich angenehm.

 

 

Grillfest mit den Ibis Tours Angestellten

Am zweitletzten Tag kommt dann erstmals ein starker Wind auf. grilliert Seilmann Aurel auf dem Dach des Hotelbootes Huhn, Fleisch, Fleischröllchen und frische Barsche.  Danach geht es in den warmen Speisesaal des Hotelbootes wo wir, zusammen mit dem Personal auf die perfekt organisierte, unfallfreie und höchst spannende und ereignisreiche Reise anstossen. Le länger der Abend dauert, desto leutseliger wird die Rosèwein-Stimmung. Die Reiseleiterin, Dorli Negri, nutzt die Gelegenheit und bedankt sich bei den Angestellten mit einem fürstlichen Trinkgeld. Dieses ist ein inoffizieller, aber wichtiger Teil ihres Lohnes. Florin Palade bietet mit seiner Firma Ibis Tours 35 Einheimischen Arbeit. Diese sind das ganze Jahr über fest angestellt, beziehen mit einem Monatsgehalt von rund 1500 Lei aber einen eher bescheidenen Lohn. (Rund 340 Euro) Zusätzlich geniessen sie freie Unterkunft und Verpflegung. Wann immer sie können, fischen die Männer. Die Einnahmen und die Fische der Sommersaison müssen auch für den Winter reichen.

Florin Palade sagt dazu: «Meine Leute verdienen hier vielleicht nicht so viel wie in einer Fabrik, dafür leben sie gut und immerzu in und mit der Natur. Das ist Freiheit.» Palade hat später noch die Firma Ato Tours gegründet. (Ato steht übrigens für die Spielkarte welche sticht). Mit diesem neuen Geschäftszweig sind neben den Vogelexkursionen im Donau-Delta vor allem die Exkursionen zu den Bären in den Karpaten hinzugekommen und auch Biketouren welche Florin und seine Mitarbeiter in Rumänien anbieten. Verschiedene seiner Angestellten haben mittlerweile auch eigene Privatfirmen gegründet. Mihai David seine «Tura in Natura» mit Schwergewicht Walachei und Siebenbürgen oder der Fotograf Daniel Petrescu mit spezifischen Fotoreisen. Es herrscht eine familiäre, offene Stimmung und Florin Palade sagt nur: «Es hat hier Platz für alle.»

 

Rumänien, ein wahres Vogelparadies

Ach ja, die Vögel. Über die haben Sie noch nicht viel erfahren. Mit gutem Grund, dass müssen Sie nämlich vor Ort erleben können. Ornithologen und Vogelliebhaber kommen in Rumänien in besonderem Masse auf ihre Kosten. Vogelparadies reiht sich an Vogelparadies. Noch nie in meinem Leben habe ich in so kurzer Zeit so viele und so viele verschiedene Vögel gesehen. Fünf verschiedene Reiherarten, Pelikane, Kormorane, Greifvögel und vieles mehr. Während den Bootsfahrten flogen fast ununterbrochen Vögel vom nahen Ufer auf - wo immer man hinsah: Vögel, Vögel, Vögel.

 

Nicht scharf aber wunderschön, die Blaurake

 

Kleine und unscheinbare die vor allem die Gemüter der Ornithologen erhitzten. Grosse, elegante Flieger und die unzähligen schillernden Farbwunder: Bienenfresser, Blauraken, Eisvögel, Sichler und, und, und. Von den rund 700 Vogelarten die in Europa leben, kommen in Rumänien deren 375 vor. Davon leben alleine im Delta deren 325 Spezies. Begegnungen sind da garantiert – garantiert! Jene der Reisegruppe, welche ihre Vogelbeobachtungen jeweils akribisch notierten, hatten am Ende der Reise 122 verschiedene Vogelarten auf ihren Beobachtungstabellen stehen. Immerhin.

 

Silberreiher

Purpurreiher

Graugänse

Der Rallenreiher, ein ständiger Begleiter im Donau-Delta

 

Dann heisst es schon wieder: «Zurück nach Tulcea.» Während wir auf der alten Donau in Richtung unseres Ausgangspunktes zusteuern, begleiten uns Möwen und, etwas weiter weg, auch Pelikane. Kurz vor Tulcea bekommen wir dann endlich auch den Eisvogel zu Gesicht. Die Landschaft mit den tief ausgespülten Baumwurzeln und dem erodierten Flussufer wechselt abrupt über in die Ausläufer der Bucht von Tulcea. Unzählige Schiffsfracks säumen nun das Ufer, achtlos abgestellte ehemalige Hotelboote, rostige Frachtschiffe und Motorboote. Dann folgen erste, vor Anker liegende Hotelboote, eine rumänische Marineflotte und Frachter. Wir erreichen der Hafen von Tulcea - die Zivilisation hat uns wieder.

Ein letztes Mal übernachten wir auf dem Hotelboot. Florin Palade ist seit über einer Woche mit uns unterwegs. Gross ist die Freude, als er seine Frau und seinen Sohn Dennis wieder in die Arme schliessen kann. Zum Abendessen bekommt auch die Reisegruppe noch Besuch. Zwei Musiker spielen auf einem Akkordeon und vielen verschiedenen Blasinstrumenten, inklusive einem rumänischen Dudelsack einheimische Melodien.

 

Abschliessend noch drei Impressionen von Land und Leuten:

 

Texte, Fotos und Videos: Jon Duschletta

Ohne Gewähr für Ortsnamen und geschichtliche Zusammenhänge. Die Reisekosten des Schreibenden wurden zu einem grossen Teil von den Organisatoren der Reise übernommen.

Weitere Informationen und Links:

dorli.negri@gmail.comIbis Tours, Tulcea, Pensiunea Elena, Zărnești

jon.duschletta@engadinerpost.ch

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