Hannes Gruber (Oktober 1928 – April 2016)

Do, 02. Jun. 2016

«Von Maler zu Maler und froh Maler zu sein»
Der Engadiner Kunstmaler Hannes Gruber legte 87-jährig den Farbpinsel für immer zur Seite gelegt. Am 4. Mai wurde der «einsame Wolf» der Bündner Kunstszene in der reformierten Kirche San Lurench in Sils-Baselgia beigesetzt.

Wahrscheinlich im Sommer 1983 besuchte mich Hannes Gruber mit seiner Frau Piccola in meinem Bergdorf Canete, zwei Kilometer nach der Grenze, im Valchiavenna. In meiner bescheidenen Hütte, bei Käse und Wein, entstand dieser erste Kontakt, der sofort klärte, wie einschneidend das Leben die Arbeit motiviert.
Die 20 Jahre Altersunterschied, der Wunsch zur Malerei, sein «Vorsprung», mein «Start», machten das Gespräch zäh und tief, nie einfach. Es blieb der Respekt.
Das Licht im Engadin, welches den Fremden (Nietzsche) in den Wahnsinn begleitete, war Hauptmotiv in der Malerei von Hannes Gruber. Zu Beginn, diese grossen Bewegungen der Farbe, der Schatten, das Gleissen, welches die klare Form ausbrannte. Im Spätwerk das geschädigte Auge, das die Formen überstrahlte und nur noch partiell fassbar machte. Keine abstrakte Malerei also, sondern erlebte, sichtbar gemachte Lichtbrechung.
In seinen Äusserungen stand das physische Argument im Vordergrund. Keine Transzendenz im Motiv, sondern reines Erleben von Gesehenem, genauem Hin-Sehen. Hier trafen wir uns, von Maler zu Maler, überzeugt und froh, Maler zu sein.
Die solide Arbeit von Hannes beeindruckt durch Konstanz und Intension, sie berührt. Sie zeigt die Irrtümer, die Unsicherheiten, die Bewegtheit und stellt Behauptungen auf. Sie ist direkt am Leben, an seinem Leben und Erleben im Engadin, in Sils, verbunden, fernab von einer importierten, touristischen Künstlersicht, wie sie propagiert wird vom Fünf-Sterne-Hotel bis zum Kurverein. Es ist eine positive Malerei, die von Freude und vom Kampf ums Bild erzählt.
Künstler sein, bedeutet, den Spagat üben in dieser Superlativen-Gegend, den Spagat zwischen Smoking, Sport-Socken, transzendentalem Hokuspokus und bäuerlicher Einfachheit.
Ja, ich habe ihn beneidet für seine Naturbegeisterung, seine Aktivität als Skifahrer, beflissenen Wanderer und, und, und. Er meinte es ernst mit sich und seinem Tal.
Malerei ist Einsamkeit. Malerei ist nonverbal. Malerei ist Handarbeit. Malerei ist Schreiben. Malerei führt zu einer Bildwelt, die entrückt, sich dem direkten Verstehen entzieht, aber DA ist. Seine Malerei ist und hat Präsenz.
Ganze Zyklen hat Hannes verarbeitet, datiert und numeriert. Immer ist seine Bildwelt seiner Landschaft nahe. Lichtreflexe, Blendungen sind Idee, die zu seinem abstrakt-gestischen Bild führten. Es sind Bilder, die überzeugt und sicher gesetzt sind, die beeindrucken.
Unsere sporadischen Begegnungen waren intensiv. Beim gemeinsamen Essen, in den Ateliers, teils spontan, teils geplant, wurde «die Arbeit» zum spannenden Gespräch. Nicht «das Bild» war Thema, nur der Schritt zum Bild war wichtig. Dieses gemeinsame Schreiten führte zu gegenseitiger Achtung und Respekt, zu einer guten Freundschaft. Anmerkungen zur eigenen Sehweise, Analysen zum Bild, die zu einer Verbundenheit führten, die mir lieb und teuer ist und bleibt. Es sind gute Erinnerungen. Es ist ein gutes Bild von dir.

In Verbundenheit Bruno Ritter.

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