«Romanisch ist mehr als nur eine Beilage»

| Mo, 10. Jul. 2017

Die Gemeindeschule Samedan ist seit 2001 offiziell zweisprachig. Ab dem Kindergartenalter lernen die Kinder in Samedan Romanisch und Deutsch. Für Andrea Urech überwiegen die Vorteile dieses Schulmodells. Er ist überzeugt, dass die Kinder davon profitieren und nicht überfordert sind.

Engadiner Post: Andrea Urech, Sie sind Beauftragter für die Zweisprachigkeit in Samedan. Was beinhaltet diese Aufgabe?
Andrea Urech: Der Zweck ist die Förderung der Zweisprachigkeit in Samedan. Wenn wir von Zweisprachigkeit reden, ist in Samedan damit vor allem die Förderung der romanischen Sprache als schwächere Sprache gemeint. Nachdem die gesetzliche Grundlage 2004 mit einem Sprachenartikel in der Verfassung vorhanden war, wurde diese Arbeitsstelle geschaffen, und ich wurde gewählt. Meine Aufgabe ist es, Romanisch in Samedan präsenter zu machen, zum Beispiel mit Zusammenfassungen oder Artikeln in der Lokalzeitung oder mit Übersetzungen und Korrekturen für die Gemeinde. In der Schule unterstütze ich die Schulleitung und Kollegen in Puter, gebe Sprachlektionen oder organisiere zusammen mit der Gruppe «Bilinguited» Weiterbildungskurse für das Kollegium. Es gibt noch einige andere Aufgaben, die ich als Beauftragter erledige.

Wie wird die Zweisprachigkeit in Samedan von der Bevölkerung aufgenommen?

 

Samedan hat offiziell seit 2001 eine zweisprachige Gemeindeschule. Seitdem ist das Verständnis der nicht romanischen Bevölkerung gewachsen. Die Einwohner haben gelernt, dass zweisprachiges Aufwachsen den Kindern wissenschaftlich bewiesene Vorteile bringt. Der Umstand, dass die deutsche Sprache bereits im Kindergarten auch Unterrichtssprache ist und die Erkenntnis, dass das Romanische den Deutschkompetenzen nicht schadet, konnte auch die Skeptiker überzeugen, sodass heute die Bevölkerung hinter diesem Modell steht.

Welche Sprache sprechen die Kinder auf dem Pausenplatz?
In diesem Bereich gibt es noch viel Potenzial für Verbesserungen. Die Universität in Fribourg und die Pädagogische Hochschule in Chur haben unabhängig voneinander unsere Schulen im Oberengadin analysiert. Beide Analysen kommen zum Ergebnis, dass sowohl die Romanisch- als auch die Deutschkompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler gut und vergleichbar mit denen einsprachiger Schulen sind. Aber auf dem Pausenplatz und innerhalb des Freundeskreises überwiegt die deutsche Sprache sehr stark. In der Oberstufe hat Romanisch im Umfeld der Freunde praktisch keine Bedeutung mehr. Und wir müssen auch zugeben, dass die Romanischkompetenz auf dieser Stufe nicht mehr zunimmt. Leider ist unser Zweisprachigkeitsmodell in der Oberstufe nicht vollständig umsetzbar.

Die vom Bundesgericht für gültig erklärte Fremdspracheninitiative verlangt, dass in der Primarstufe nur eine Fremdsprache gelehrt wird. Welche Konsequenzen hätte die Annahme dieser Initiative?

 

Für die romanisch (und italienisch) sprechenden Gebiete wäre die Annahme der Initiative schlecht. Dabei denke ich vor allem an die traditionellen romanischen Gemeindeschulen, wo Deutsch als erste Fremdsprache gilt. Englisch als zweite Fremdsprache könnte in diesen Gemeinden nicht mehr unterrichtet werden, was für die Schülerinnen und Schüler zu einer Chancenungleichheit in Bezug auf die immer wichtiger werdende Englischkompetenz führen würde. In Samedan und den anderen zweisprachigen Gemeindeschulen wäre die Situation wahrscheinlich nicht so schlimm. Ich gehe davon aus, dass bei zweisprachigen Gemeinden Romanisch und Deutsch als Erstsprachen betrachtet werden. Somit wäre Englisch als erste Fremdsprache weiterhin möglich. Das ist aber meine Interpretation, und ich hoffe, nicht falsch zu liegen, falls die Initiative angenommen würde.

Interview und Foto: Nicolo Bass

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