Der Engadiner ist halt so ...

| Sa, 15. Jul. 2017

Das Engadin ist mindestens zweisprachig, und die Wurzeln liegen in der romanischen Kultur. Im Rahmen der Schwerpunktwoche der «Engadiner Post/Posta Ladina» zum Thema «Mehrsprachigkeit» wurden einige Baustellen aufgezeigt. Unter anderem sind die romanischen Engadiner zu anpassungsfähig.

Wie gerne würde ich diese Zeilen auf Romanisch schreiben. Romanisch ist meine Muttersprache, in dieser Sprache träume ich in der Nacht und denke am Tag. Aber dann würden nicht alle verstehen, was ich hier zu sagen habe. Puchà! Also werde ich mich natürlich anpassen. Und da sind wir bereits bei der wichtigsten Eigenschaft der (Romanisch sprechenden) Engadiner. Sie mögen zwar ab und zu etwas dickköpfig sein, zurückhaltend und verschlossen, aber sprachlich anpassen können sie sich jederzeit und überall. Vielleicht sind die romanischen Engadiner sogar zu anpassungsfähig? Das zeigt auch die Schwerpunktwoche der «Engadiner Post/Posta Ladina». Wieso soll der Italiener in der Glatscharia in Scuol Deutsch lernen, wenn fast jeder auch auf Italienisch kommunizieren kann? Warum sprechen romanische Kinder im Oberengadin auf dem Pausenplatz Deutsch? Und wieso soll sich der Unterländer um die romanische Sprache bemühen, wenn die Romanisch sprechenden sofort in die deutsche Sprache wechseln und sich an die Minderheit am Stammtisch anpassen? Flexibilität ist zwar gut und recht. Und eine Tatsache ist, dass alle Engadiner Gemeinden längst mindestens zweisprachig und nicht mehr rein Romanisch sind. Aber trotzdem: Sind wir stolz auf unsere romanischen Wurzeln und zeigen wir das auch öffentlich! Die romanische Sprache hat nämlich unsere Kultur geprägt, unsere romanische Identität ist auch die Basis für unsere vielfältige Sprachkompetenz. Unsere Identität darf mehr als nur ein Werbe-Gag sein, sie ist ein einmaliges und wichtiges Alleinstellungsmerkmal (USP) der gesamten touristischen Region.

Die Schwerpunktwoche hat aber auch einige Baustellen aufgezeigt: Zum Beispiel endet die romanische Sprachkompetenz vieler Jugendlicher auf dem Niveau der sechsten Primarschulklasse. Es fehlt an romanischen Primar- und hauptsächlich an romanischen Oberstufenlehrern. Die eigentlich erfolgreichen zweisprachigen Schulmodelle im Oberengadin scheitern in der Oberstufe am Mangel von Romanischlehrern. Zudem gefährdet die Fremdspracheninitiative, welche nur eine einzige Fremdsprache auf Primarstufe verlangt, die romanische Sprache als Schul- und Unterrichtssprache bzw. die zusätzliche Kompetenz auch in der englischen Sprache. An Romanisch sprechende Schüler werden sonst eigentlich die gleichen Anforderungen wie an deutschsprachige Schüler gestellt. Mit der Annahme der Fremdspracheninitiative wäre dies nicht mehr möglich. Ernst zu nehmen ist aber die Angst der Eltern vor der Überforderung ihrer Kinder. Während der Schwerpunktwoche haben Experten und Sprachheilpädagogen aufgezeigt, dass Kinder, welche im jungen Alter mit mehreren Sprachen konfrontiert werden, damit nicht überfordert sind. Auch das Resultat der Online-Umfrage der «Engadiner Post/Posta Ladina» geht in diese Richtung. Bis zum Redaktionsschluss waren 77 Prozent der Teilnehmenden der Meinung, dass Kinder im Primarschulalter mit zwei Fremdsprachen nicht überfordert werden.

Der Kanton Graubünden lässt sich die Mehrsprachigkeit auch etwas kosten: Rund 4,5 Millionen werden jährlich für die Förderung der italienischen und romanischen Sprache in Graubünden investiert. Für viele ist dieser Beitrag zu hoch, für andere ist das Kostenverhältnis im Vergleich mit anderen Kantonsausgaben immer noch zu klein. Eine Tatsache ist aber, dass sich die romanische Sprache nicht unbedingt per Gesetz retten lässt. Viel wichtiger ist die Akzeptanz und das Verständnis in der Bevölkerung. Akzeptiert ist auch die zweisprachige «Engadiner Post/Posta Ladina» im Engadin. Sie ist eine von lediglich zwei zweisprachige Zeitungen in der gesamten Schweiz. Die einheimische Regionalzeitung ist ein Spiegelbild der offiziellen Sprachsituation im Engadin. Die Zweisprachigkeit in der Zeitung hat sich in den letzten 20 Jahren bewährt, und die kleine romanische Schwester in zu einer starken, stolzen Jugendlichen herangewachsen. Genauso selbstbewusst sollten sich alle romanischen Engadiner zur Sprache bekennen.

Text: Nicolo Bass

Kommentare

Eu stun daspö divers ons a Turich meis uffants discuorran Rumantsch, Tudas-ch ed Arab. Puchà esa cha blers genituors chi nu stan in Engiadina nu`s dan la fadia da muossar a lur uffants nossa bella lingua Rumantscha.

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