Die Letzten werden die Besten sein

| Sa, 16. Dez. 2017

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Und Umfragen, auch dass weiss man, zeigen immer das Resultat des Auftraggebers. Deshalb: Nehmen Sie weder das PS von Redaktionskollege Reto Stifel allzu Ernst noch seine Umfrage zu den beliebtesten Guetzli.

Redaktionskollege Reto Stifel outet sich im letzten PS in Sachen Weihnachtsguetzli als Verfechter überzuckerter «Konfi-Sandwiches». Spitzbuben, dass ich nicht lache!
Wenn vom Guetzliteller gleich zu Beginn die Spitzbuben wegstibizt und fremdgegessen werden, ist das perfekt und gibt Platz für die wahren Leckereien. Und davon gibt es aus Mutters Backküche Jahr für Jahr eine reiche Auswahl. So gesehen, hätte ich Stifels abschätzige Bemerkung über die nebennierenförmigen, nach Lakritze schmeckenden Loser-Guetzli, die Anis-Chräbeli, mit dem Argument, «Er-weiss-es-halt-nicht-besser» abschmettern und souverän wegstecken können. Hab ich aber nicht.

Mutter buk in diesem Jahr weniger Sorten als auch schon, liess aber ausgerechnet die Anis-Chräbeli weg. Also, sagte ich mir, dann mach ich sie halt selber. Jetzt müssen Sie wissen, ich koche gerne, kann mich aber nicht lange an ein Rezept halten. Und Weihnachtsguetzli hatte ich bis anhin gar noch nie gebacken, weshalb auch? Anissamen fand ich im Tee-Kistli, Mehl und Eier in meiner und Puderzucker in Mutters Küche. Und auch Rezepte waren dank Internet schnell zur Hand.
Kurze Zeit später, in der Küche duftete es noch herrlich nach leicht angeröstetem Anis – und rezeptwidrig – auch nach Fenchelsamen, hätte ich das Experiment fast abgebrochen. Der würzige, leicht nach Kirsch riechende Teig klebte zäh und unnachgiebig an allen zehn Fingern meiner Hände. Ja, ich habe leise geflucht, und nein, ich habe davon kein Filmli gedreht und online gestellt - wie auch?
Entstanden sind – zwei Tage vor Stifels Kolumne – die fast schon perfekten Anis-Chräbeli. Ehrenwort! Aussen knusprig, innen angenehm weich – Weihnachtsguetzli für echte Kerle und taffe Mädels. Nicht umsonst gilt Anis als Kulturpflanze und findet in Brot und Backwaren Verwendung, sorgt in Spirituosen wie Ouzo und Absinth für Wirkung oder hallt in Düften nach. Anis gilt als Aphrodisiakum und soll Schutz vor schlechten Träumen und bösen Blicken gewähren. Sicher auch gegen die der dämlich grinsenden Spitzbuben?
jon.duschletta@engadinerpost.ch

Bild unten: Die ersten und wer weiss, vielleicht nicht die letzten Anis-Cräbeli des Autors. 

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