Sowohl als auch

| So, 25. Feb. 2018

Die Sprachenlandschaft ist vielschichtig und facettenfreich. Doch welches ist der richtige Umgang mit Sprache? Davon handelt das PS, das in der EP vom 24. Februar erschienen ist.

Die Woche 8 war eine wahrlich sprachenlastige. Zuerst der 80. Geburtstag des Romanischen als vierte Landessprache, tags darauf der Unesco-Tag der Muttersprache. Die Medien waren voller Einschätzungen zu dem, was uns Menschen an Lauten so über die Lippen kommt. Unter den Linguisten meldeten sich Sprachpuristen zu Wort, aber auch Anything-goes-Anhänger, die meinen, man solle sich so artikulieren, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Die Diskussion rief Erinnerungen an meine Gymnasialzeit wach: Unser Deutschlehrer trimmte uns darauf hin, in unseren Aufsätzen keine Fremdwörter einzusetzen. Wohl mussten wir deren Bedeutung kennen und imstande sein, ihm etliche Synonyme zu nennen, doch wirklich gebrauchen durften wir sie nicht. Wie schon sein grosses literarisches Vorbild vertrat Dr. Brügger die Ansicht, ein gesitteter Mensch solle zuallererst seine Muttersprache gut beherrschen – das war zwar für uns Deutschschweizer Schüler genau genommen das Schweizerdeutsche, aber lassen wir mal diesen Nebenaspekt. Ich respektierte zwar meines Deutschlehrers und Gevatter Goethes Einschätzungen, lebte aber zu Hause einen ganz anderen Sprachenalltag, der durch den Gebrauch des Französischen, des Hochdeutschen und des Englischen geprägt und alles andere als puristisch war. Bei Familienfeiern wurde bei Tisch auch noch Italienisch, Spanisch und Polnisch gesprochen. Niemandem von uns wäre dabei in den Sinn gekommen, nur eine einzige Sprache möglichst frei von Fremdwörtern zu sprechen. Es war selbstverständlich, spontan von einem Idiom ins andere zu wechseln, oftmals mitten im Satz. Das Sprachengewirr kannte keine Grenzen und war amüsant. Ein Meister in diesem Spiel war ein Grossonkel, der auch des Griechischen und des Lateinischen mächtig war und das Switchen auf die Spitze trieb. «Kallistä, cara mia, könntest Du mir, s'il te plaît, das sal maris reachen?»
Welches ist die richtige Linie: Sprachlicher Purismus oder linguistisches Potpourri? Für mich war schnell klar: Das eine tun und das andere nicht lassen.

Autor: Marie-Claire Jur
mcjur@engadinerpost.ch

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