Trotzdem – wir verstehen uns

| So, 11. Feb. 2018

Mein Freund und ich, wir wissen manchmal nicht, was der andere sagt. Das liegt aber keinesfalls an den geschlechterspezifischen Unterschieden, sondern viel mehr an der Sprache. 

Er ist im «hohen Norden» von Deutschland in Rügen aufgewachsen und beherrscht die deutsche Sprache in Perfektion. Bisher dachte ich, dass auch ich darin sattelfest bin, musste aber feststellen, dass dem nicht so ist. Erst kürzlich haben wir neue Möbelstücke gekauft, die wir am gleichen Tag auch zusammensetzen wollten. Mein Freund begann hochmotiviert mit dem Sortieren der Einzelteile, nahm eine Holzplatte und Schrauben in die Hand und bat mich: «Kannst du mir bitte mal den Schraubendreher reichen?» Ich schaute ihn verdutzt an, denn sowas hatten wir nicht. Er nahm den Schraubenzieher aus der Werkzeugkaste und entgegnete verwirrt: «Aber das hier ist doch ein Schraubendreher?» War es für mich aber nicht. Nach seinen Ausführungen musste ich ihm jedoch Recht geben. «Du ziehst ja keine Schrauben raus, du drehst sie rein!» Vollkommen logisch, nur hatte ich bis zu jenem Tag immer nur den Ausdruck Schraubenzieher verwendet. 
Auf einmal kam er richtig in Fahrt – nicht mit dem Möbel zusammenschrauben, sondern rund um all die Begriffe, die wir Schweizer in sonderbarer Art und Weise tagtäglich verwenden, ohne uns näher Gedanken darüber zu machen – wie er meinte. «Ihr sagt auch zügeln, wenn ihr den Wohnort wechselt. Das heisst bei uns umziehen. Den Ausdruck zügeln verwenden wir im Umgang mit Pferden, wenn wir sie am Halfter führen.» Und er brachte ein weiteres Beispiel. «Auch die Anschrift an den Türen – Bitte eintreten – stimmt so nicht, schliesslich trete ich ja nicht mit einem Fuss die Türe ein, sondern gehe durch diese hindurch.» Auch da muss ich ihm lachend zustimmen. Und schon verloren wir uns in «hochschweizerischen» Begriffen, wie er sie nennt. 
Bei Einbruch der Dunkelheit waren die Möbel noch nicht zusammengesetzt. Dafür hatten wir eine angeregte sowie amüsante Diskussion und verstehen uns – sprachlich – nun etwas besser.
m.bruder@engadinerpost.ch

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