Caffè sospeso

| So, 04. Mär. 2018

Aus Italien stammt die Idee, einem Unbekannten, der später mal die Bar betritt, eine Tasse Kaffee zu spendieren. Eine schöne Geste der Solidarität, aufgegriffen im PS der EP vom 3. März.

Es ist gar nicht so lange her, dass an dieser Stelle unsere südlichen Nachbarn aufgrund verwegener Überholmanöver in einem schlechten Licht dastanden. Fairerweise soll jetzt eine überaus liebens- und achtenswerte Seite ihres Handelns hervorgehoben werden: Ihr Mitgefühl und ihre Solidarität. Sie zeigt sich in Italien exemplarisch am so genannten «Caffè sospeso», am «aufgeschobenen Kaffee». Das ist nichts anderes als eine Tasse Gratiskaffee für einen unbekannten Bedürftigen. Wer in einer italienischen Bar also einen caffè konsumiert, kann beim Verlassen des Lokals noch einen zusätzlichen bezahlen, der aufgelistet und einem nachfolgenden Gast, der danach fragt, anstandslos serviert wird. Früher machte der Kassier für dieses zusätzliche Getränk einen Kreidestrich auf einer Schiefertafel, heute ist es ein Vermerk auf einem Stück Papier oder im Computerprogramm. Die Idee des Gratis-Kaffees kommt aus Süditalien und hat sich nach dem Ersten Weltkrieg, als sich nur noch Wohlhabende dieses Getränk leisten konnten, ausgebreitet. Populär wurde sie speziell in Neapel, wo der caffè sospeso auch «o caffè do Professor» genannt wird. Das hat für die Bittsteller den Vorteil, dass sie relativ diskret nach einen Gratiskaffee verlangen können, in dem sie einfach an der Bar nachfragen, ob der Herr Professor schon da ist. Beim Stichwort Professor wird der Barista einen Blick auf seine Kaffeliste tun und handeln. Mit steigendem Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Tradition des caffè sospeso etwas verloren, hat dann aber 2008, mit Einsetzen der Wirtschaftskrise, wieder an Bedeutung gewonnen. Inzwischen hat diese geniale italienische Erfindung die Landesgrenzen überschritten. Weltweit gibt es Bars und Kaffeehäuser, die den Gratis-Kaffee promoten. Auch in Schweizer Städten hat sie ihre Anhänger gefunden. Vermag der caffè sospeso soziale Unterschiede nicht auszugleichen: Er ist zumindest eine Geste der Solidarität, die es Randständigen ermöglicht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und Gemeinschaft zu fühlen. Sei es nur einen Schluck lang.

Marie-Claire Jur

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Kommentare

Dann machen du cafè suspenso auch hier in die Schweiz
In Portugal oder Italien zahlt man für einen Kaffee 1.10 Euro und im Engadin ?
wieviel verdient unser Servicepersonal und dieses in Italien bzw. in Portugal?
Im Portugal machen café suspenso über 20 Jahre Ist nicht neu

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