Die Mauritiusquelle und die Bronzezeit

Vor über 100 Jahren wurde in St.Moritz die fast 3500 Jahre alte Fassung einer Mineralquelle gefunden. Weshalb Menschen schon in der Bronzezeit ins Engadin kamen, legte der neue Leiter des Archäologischen Dienstes Graubünden Thomas Reitmaier dar.

Eintauchen ins gefasste St.Moritzer Mineralwasser war wohl in der Bronzezeit vor 3500 Jahren nicht vorgesehen. Eintauchen in die damalige Welt in der engeren und weiteren Umgebung des Ortes, wo einer der wichtigsten archäologischen Funde der Schweiz gemacht worden ist, aber schon. Durch die Bronzezeit geführt wurde das zahlreich im Engadiner Museum erschienene Publikum vom neuen Leiter des Archäologischen Dienstes Thomas Reitmaier, der so das Oberengadin bereits an seinem zweiten offiziellen Arbeitstag besuchte.

Die Pfahlbauer beidseits der Alpen
Als 1853 die antike Fassung der Mauritiusquelle gefunden wurde, ahnte man im Engadin noch nicht, dass damit ein Bindeglied zwischen den ebenfalls um die Mitte des 19. Jahrhunderts an den Mittelland-Seen entdeckten Pfahlbausiedlungen und den ihnen entsprechenden ebensolchen an den norditalienischen Seen entdeckt worden war. Als aber die Quellfassung um 1907 in St.Moritz ausgegraben wurde und darin zwei Bronzeschwerter, ein Schwertfragment, ein Dolch und eine Nadel gefunden wurden, konnten diese mit ähnlichen Funden verglichen werden. Die Fundstücke stammten aus der Bronzezeit, und so wurde klar, dass die Menschen damals nicht nur in den Pfahlbauten an den Schweizer Seen lebten, sondern auch in den und über die Alpen verkehrten. Inzwischen wurde auch das Holz der beiden ausgehöhlten Lärchenstämme untersucht und datiert: die Bäume wurden vor etwa 3500 Jahren geschlagen.

Heilige Wasser
Ohne Wasser kein Leben. Quellen waren deshalb schon immer wichtige Orte, wo Menschen Opfer darbrachten und Gegenstände deponierten – in vielen Kulturen und auf der ganzen Welt, auch heute noch. Welchen Gottheiten diese Opfer in der Engadiner  Bronzezeit galten, ist unbekannt. Erst viel später wurde die Mineralquelle in St.Moritz dem heiligen Mauritius gewidmet. Hierhin fanden Pilgerfahrten statt, und der Naturheilarzt Paracelsus hat Mitte des 16. Jahrhunderts für grosse Bekanntheit und regen Besuch der Quelle gesorgt. Das historische Kurgebäude trägt seinen Namen.

Warum kamen die Menschen?
Die Winter waren im Engadin auch zur Bronzezeit länger als am Fusse der Alpen im Norden und im Süden. Warum also kamen die Leute in die Alpen? In der Kupferzeit begannen die Menschen im Orient, Kupfer zu bearbeiten und daraus Werkzeuge, Waffen und Schmuck zu fertigen. Dafür brauchte es Kupfervorkommen, und die suchten und fanden sie auch in den Alpen, beispielsweise ob Madulain und im Oberhalbstein. Im zweiten Jahrtausend vor Christus begann ein massiver Ausbau von Siedlungen in den Alpen. Gesiedelt wurde vor allem auf Hügelplateaus an günstigen Verkehrslagen. Das Schutzbedürfnis stand bei der Standortwahl oft im Vordergrund. Im Mittelalter wurden an solchen Stellen oft Kirchen oder Burgen gebaut.

Bronzezeit im Engadin
Während aus dem Unter- und unteren Oberengadin und aus dem Bergell mehrere bronzezeitliche Siedlungen bekannt sind, fehlen solche Funde bisher im oberen Oberengadin. Die Quellfassung deutet aber darauf hin, dass auch im oberen Oberengadin Menschen gelebt haben. So wurde bei Isola ein Lappenbeil gefunden, bei Silvaplana ein Bronzebeil, bei St.Moritz Beile, ein Dolch und eine Lanzenspitze. Heute weiss man dank kürzlicher kleiner Grabungen im Val Languard auf 2415 m ü. M. und bei Plan Canin im Val Forno auf 1980 m ü. M., dass auch dort oben in der Bronzezeit Menschen verkehrten. Da im Oberengadin noch nicht wirklich nach Siedlungen gesucht worden ist, wurden bisher auch noch keine gefunden.

Handel in der Bronzezeit
Schon Ötzi, der vor 20 Jahren entdeckte «Mann aus dem Eis», der vor 5300 Jahren im nahen Südtirol einen gewaltsamen Tod fand, hatte ein Kupferbeil bei sich. Damit war er eingebunden in das damalige europäische Tausch- und Handelsnetzwerk. Dieses umfasste auch den seit altersher bergmännisch abgebauten Silex, welcher vor der Nutzung von Kupfer für die Herstellung aller notwendigen Werkzeuge benötigt wurde. Bekannt ist auch ein Bernstein-Collier, das bei Savognin gefunden wurde – der Bernstein stammte aus Nordeuropa. Salz wurde bergmännisch in Hallstatt abgebaut und weit herum gehandelt.
Wenn man die Verbreitungskarte von bronzezeitlichen Pfahlbausiedlungen nördlich und südlich der Alpen betrachtet, wirkt logisch, dass die Menschen auch damals schon die Alpen querten. Vielleicht auch Menschen, die um das heutige Zürich oder beim Seedamm von Rapperswil lebten. Dort wurden bei Brücken und entlang von Verkehrswegen Opfergaben gefunden, teils ähnliche wie bei der St.Moritzer Mineralquelle. Ein Eichenstamm wurde auf 1500 v. Chr. datiert. Man kann sich also vorstellen, dass ein Enkel des Mannes, der diesen Baum für den Seedamm schlug und verarbeitete, 40 Jahre später eine Nadel oder ein Schwert in der Mineralquelle von St.Moritz deponierte. Reiste er dann weiter zum Gardasee, um mit den Menschen in der dortigen Pfahlbausiedlung Handel zu treiben?

Ein Welterbe
2011 ist eine Auswahl von 111 Pfahlbaustationen in sechs Ländern um die Alpen in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen worden. Diese Stationen erlauben eine gute Einsicht in die Entstehung und Entwicklung früher Agrargesellschaften um die Alpen. Wenn die Mineralquelle von St.Moritz nicht schon zum Kerngebiet des UNESCO-Welterbes der Albula/-Berninabahn gehören würde – man könnte sie als hochalpinen Teil des UNESCO-Pfahlbauwelterbes begreifen.

Autorin: Katharina von Salis
 

Kommentare

Ich kann noch sehr gut erinnern wie wir aus Champfer die Sauerwasser qwelle besuchten waerend den Kiegsjahren um Flachen mit "ova cotscna" zu fuellen. Auf dem Heimweg mit gefuelten Flaschen im Handwagen mit eisernen Refen flug ab und zu ein Flaschenkork in die Luft. Damals hatte dieses Wasser viel Kohlensaeure, was heute nicht der fall ist. Ja, das eninzige Standige im leben is der Wechsel. Bdgers giavueschs al la Posta Ladina / Engadiner Post.

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