Wegen einem Bär nicht alles auf den Kopf stellen

Letzte Woche ist das Oberengadin zum Bärenterritorium mutiert. Besondere Schutzmassnahmen drängen sich deswegen aber generell noch keine auf.

Was halten Sie von Braunbären im Oberengadin?

Lange ist es her, seit ein Braunbär im Oberengadin gesichtet wurde. Doch letzte Woche wurde die Präsenz dieses Grossraubtiers in der Region gleich zweimal festgestellt: Bei S-chanf und Bever. Noch ist gemäss dem Bündner Jagdinspektor Georg Brosi die Identität des «Beverser Bären» nicht geklärt, der über das Val Bever und die Fuorcla d’Agnel in Richtung Bivio entschwunden ist. Die auf Kotfunden basierende DNA-Analyse wird wohl noch einige Wochen dauern. Doch für Brosi ist es wahrscheinlich, dass man es neben «M13» und «M12» bereits mit einem dritten Braunbärexemplar zu tun hat, das diesen Frühling durch Südbündner Territorium streift. Was ihn nicht erstaunt: «Die wachsende Bärenpopulation im Trentiner Nationalpark Adamello führt zu einer Ausbreitung der Tiere in Richtung Norden, also zu uns», sagt Brosi.
Nicht nur der Hunger treibt die Tiere an, auf Wanderschaft zu gehen. Da sie den Rummel meiden, suchen sie bevorzugt abgelegene Gebiete auf. Die Ruhe finden sie – gerade in der touristischen Zwischensaison – auch im Oberengadin. Und Futter dazu, obwohl noch vielerorts Schnee liegt.

 

Jetzt noch genügsam

«Ein Bär braucht momentan gar nicht so viel Futter», erklärt Brosi. Als Allesfresser kann sich der Braunbär von verwesenden Tierkadavern ernähren. Aber auch Ameisenhaufen, wilde Wespennester und Bienenstöcke stehen auf seinem Frühsommer-Menüplan. Erst im Spätsommer stellt er seine Speisekarte um von eiweissreicher auf kohlehydrathaltige Kost und legt sich die Fettreserven für den Winter an. «In der Regel durchstreift ein Bär auf der Futtersuche ein Territorium mit einem Rayon von 150 Kilometern», umschreibt Brosi den relativ grossen Platzbedarf dieser Grossraubtiere. Gemäss Brosi ist nicht auszuschliessen, dass sich auch in den kommenden Wochen Bären im Oberengadin aufhalten werden. Dass sie für längere Zeit in der Region bleiben, ist für den Bündner Jagdinspektor aber «unwahrscheinlich». Das besiedelte Haupttal ist nicht ihr bevorzugtes Habitat, ebenso wenig sind es die engen Seitentäler mit den steilen Bergflanken.
Das Auftauchen des Bären im Oberengadin beflügelt Stammtischgespräche, wirft aber auch die Frage nach Schutzmassnahmen auf. Für den Oberengadiner Landammann Gian Duri Ratti sind diese nicht Sache des Kreises, sondern viel eher der Gemeinden und Privaten – in Absprache mit der Wildhut und wenn es die Lage erfordere. Als Privatmann und Bauer hat sich Ratti schon jetzt einige Gedanken zum Umgang mit dem Bären gemacht. Da er sein Vieh in einem offenen Stall hält, dieses sich also frei zwischen Gatterbereich und Innenraum bewegen kann, schliesst er nicht aus, es nachts zum Schutz wieder einzusperren. Wenn in einem Monat seine Rinder auf die Alp ziehen, wird er sich – je nach Gefährdungslage – Herdenschutzmassnahmen überlegen.

 

Noch kein Handlungsbedarf

Bär und Herdenschutz waren auch Thema an der letzten GV des Oberengadiner Bauernvereins Alpina von Mitte April. «Jeder von uns soll selber schauen, was er tun oder lassen will», skizziert Gian Sutter, Landwirt und Vereinspräsident, die Haltung im Verein. «Wegen eines Bären, der einmal hier vorbeikam, werden wir jetzt nicht alles auf den Kopf stellen. Aber wenn er sich häufiger zeigen sollte, dann werden wir Empfehlungen abgeben», sagt Sutter.
«Es ist verfrüht, jetzt im Oberengadin alles Erdenkliche in die Wege zu leiten, das vielleicht gar nicht nötig ist», sagt Jagdinspektor Georg Brosi. Jedenfalls was das Talgebiet von Zuoz an aufwärts betreffe. Schliesslich handle es sich beim «Beverser Bären» um ein scheues Tier und es sei unklar, ob es wieder zurückkehre. Schutzmassnahmen seien eine kostspielige Sache, gibt Brosi zu bedenken. Ein einziger bärensicherer Abfallkübel koste gegen 2000 Franken. «Da ist es besser abzuwarten und von Fall zu Fall zu entscheiden», sagt Brosi.

 

Autorin: Marie-Claire Jur

Kommentare

Der Bär stellt m.E. kein Problem für die Zukunft mehr dar. Das Engadin und die Dörfer mutieren infolge ausbleibender Touristen und Wanderer zur "Geistergegend und Geisterstadt", die "Langzeitler" sterben so langsam infolge natürlicher Alterung aus, Nachfolger können und wollen sich das Angebot nicht mehr leisten. Nur noch Kurzaufenthalte in einer der schönsten Umgebungen der Welt werden die Realität sein! Und das passt der Bär wohl immer dazu!
Wir von der Bergsteigerschule haben schon überlegt ob man den Bär nicht im Val Languard in einem Freigehege unterbringen könnte. So als Attraktion, kann er dann mit den Murmeltieren tanzen.
Wenn man bedenkt - und was auch bewiesen ist - wie viele Schafe durch Krankheit, Blitzschlag etc. getötet werden, ist das Geschrei der Schafzüchter-Laien lächerlich, zumal sie den Riss vollumfänglich ersetzt bekommen. Warum werden fast keine Herdenhunde gehalten?? Weil es Arbeit verspricht - es ist dabei wohl einfacher, die Schafe einfach unbeaufsichtigt auf einer Alp zu halten und anschliessend Geld zu kassieren.....
Leider scheinen Sie nicht richtig informiert zu sein über die Entschädigung für die Tiere. Viele Schafe die gerissen wurden, waren trächtig, dieser Schaden wird von keinem ersetzt.Und es geht gar nicht immer ums Geld, zu jedem Tier hat der Bauer eine persönliche Beziehung!!
Der Bär hat genau so ein Recht hier zu sein und zu Leben wie wir auch. Das zeigt wie Intollerant die Menschheit ist. In Kanada sterben auch nicht alle Menschen wegen den Bären!!! Ich meine WIR Schweizer sind einfach ein Hosenscheisser Volk dass alles eliminiert was nicht im Konzept passt...Da gäbe es wichtigeres zu Eliminieren und dass ist NICHT der arme Bär!
Warum den Bären nicht gleich erschiessen? Früher oder später wird man doch zu dieser 'Notlösung' kommen. Schade wie sehr der Mensch in die Natur eingreift. Wieso funktioniert ein zusammenleben von Bären und Menschen in z.B. Nordamerika? Sind wir hier in der Schwiez denn so ignorant?

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