Achtzig Jahre Jacques Guidon

| Do, 21. Jul. 2011

Er ist Maler und Karrikaturist, Theaterschriftsteller und Lyriker. Vor allem aber ist Jacques Guidon eines: ein kreativer Nonkonformist. Morgen feiert der unermüdliche Querdenker seinen Achtzigsten.

«An diesem habe ich zu lange gearbeitet, das ist furchtbar langweilig. Und schau hier: dieses Gewurstel.» Maler Jacques  Guidon steht in seinem Atelier und beäugt mit kritischem Geist seine neusten Gemälde. Ungegenständliche Kompositionen, grossflächig aufgetragen, mit schwungvollem Pinselstrich und vitalen Farben. Rot- und Gelbtöne dominieren bei diesem Bild, Gelb und Orange bei einem anderen. Dunkelblau dort, dann wieder ein Bild mit viel Rot und einem erdbraunen Rechteck, mit dem er nicht zufrieden ist. «Ein Bild muss frisch wirken, frisch bleiben, auch wenn man es überarbeiteten muss.» Eine wahre Kunst, die nicht immer gelingt. «Bis ich zufrieden bin, geht es lange», meint der Künstler inmitten seiner  kraftvollen Action Paintings, die seinen Werkraum bevölkern. An Selbstkritik mangelt es ihm nicht. Aber auch nicht an einem kritischen Geist gegenüber seinem Umfeld.

 

 

Von wegen altersmild!

 

Als sensiblen und gleichzeitig aggressiven Typ schätzt sich Guidon ein, der am 22. Juli 1931 in eine Zernezer Bauernfamilie geboren wurde. Von der mütterlichen Seite habe er das Zeichentalent bekommen, von der väterlichen, geflüchtete Hugenotten, ein Familienwappen mit einer Taube drauf. Eine Friedenstaube als Sinnbild für jemanden, der als kreativer Querdenker und streitbarer Kämpfer durch das Leben ging? - «Und immer noch durchs Leben geht», meint Guidon. Denn richtig altersmild will er auch mit achtzig Jahren nicht werden. Noch immer greift er zur Feder, wenn es darum geht, gegen die Übel unserer Zeit anzuschreiben oder anzuzeichnen: Gegen die Bauerei im Engadin, gegen zu viel Verkehr, gegen die Zerschandelung der Natur und für die romanische Sprache, die ihm sehr am Herzen liegt. In Karrikaturen, Leserbriefen, Kurzgedichten kann er seiner Häme freien Lauf lassen gegen alles, was seiner Meinung nach nicht gut funktioniert.

 

 

Die Gegner reagierten mit Gift

 

Schon damals, Mitte der Siebziger Jahre, als in Zuoz der Zweitwohnungsbauboom anfing, war er unter den streitbaren Gegnern dieser für ihn unheilvollen Entwicklung. Kämpfte mit Worten in der selbstgegründeten Satirezeitschrift «Il chardun», Seite an Seite mit anderen Intellektuellen: Rico und Jost Falett, Göri Klainguti und Armon Planta. «Zuoz erschien mir damals wie ein Bild in einem hässlichen Rahmen, das sagte und schrieb ich auch und machte mir damit nicht nur Freunde», erzählt er. Die Antwort auf dieses warnende Aufrührertum liess nicht lange auf sich warten; eine Vergiftungswelle erfasste das Dorf. Die Progressisten hatten Fleischköder mit Meta-Tabletten ausgelegt und somit 17 Hunde vergiftet. Auch Guidons Katze musste sterben. Der Maler und Sekundarlehrer verlegte sein Atelier von Zuoz nach S-chanf. 1975 folgte der Bau des eigenen Wohnateliers in Zernez. Aber auch dort konnte der Nonkonformist seinen kritischen Geist nicht zügeln. Kaum wieder in seinem Heimatort, stellte er an einer Gemeindeversammlung erfolgreich den Antrag auf Einführung einer Null-Quote für den Landerwerb und Wohneigentum durch Ausländer. «Und diese Bestimmung hat immerhin fast 20 Jahre gehalten», meint der grossgewachsene, eher bescheiden und zurückhaltend wirkende  Mann mit einer gewissen Genugtuung.

Aber auch in Zernez kann man sich Feinde machen, wenn man sich mit der Obrigkeit und dem bürgerlichen Establishment anlegt. «Zum Gemeindevorstand wählen wollten sie mich jedenfalls nicht. Haben auf meine parteilose Kandidatur hin sofort einen Gegenkandidaten aufgestellt - einen Nicht-Romanen», betont Guidon. Das Aufwachsen und Mithelfen auf dem elterlichen Bauernhof hat ihm nicht nur eine ausgprägte  Liebe zur Natur, zur Landschaft, zu Tieren und Menschen eingepflanzt, sondern auch den Sinn für die Gemeinschaft und die Muttersprache. «Zuzüger sollten ihren Integrationswillen dadurch zeigen, dass sie das Romanische mindestens passiv verstehen», bringt Guidon seine Minimalanforderung in dieser Sache auf den Punkt.

 

 

Neues Freilufttheater für 2012

 

In Aphorismen, Gedichten und Theaterstücken hat der eingefleischte Romane seine heimatliche Kultur und Geschichte aufleben lassen. In verschiedenen viel beachteten Freiluftspielen, die in Südbünden aufgeführt wurden, darunter «La Svouta» in Zuoz. Auch jetzt, in hohem Alter kann er es nicht lassen und will nächstes Jahr ein Freiluftspiel mitten im Dorf aufführen, mitsamt der Zernezer Bevölkerung, unter denen sich «exzellente Laienschauspieler» befänden. Der Titel des Stücks soll «Burkhart» lauten. Zum Inhalt will sich Guidon nicht äussern. Man darf annehmen, dass auch dieses Werk einen politischen Inhalt haben wird. «Die Politik lässt mich nicht in Ruhe, kann mich nicht in Ruhe lassen, schliesslich betrifft sie mich und alle um mich herum sehr direkt», meint Guidon und schiebt gleich ein Zitat von Otto Bismarck nach, der sinngemäss gesagt haben soll, dass die Politik zu wichtig sei, um sie den Politikern zu überlassen.

 

 

Bruch in malerischer Enwicklung

 

Dieser ganze politische Kampf habe sich natürlich in seinem malerischen Werk niedergeschlagen, erzählt Guidon. Es war die Zeit der düsteren Bilder, wo die Farben schwarz, weiss und grau dominierten. «Bis ich mir plötzlich bewusst wurde, dass mich diese Reibereien innerlich vergifteten.» Schlagartig habe er dann zu anderen bunten, vitalen Farben gegriffen und begonnen, eine Gegenwelt zu schaffen. Ein Bruch, der etwa vor gut zehn Jahren erfolgte, ähnlich abrupt wie die Zäsur, die ihn von der figürlichen Darstellung in die ungegenständliche Malerei katapultierte. Jetzt, in seiner malerischen Welt, fühlt er sich wie im Paradies. «Wenn ich male, bin ich ein glücklicher Mensch.» Und dies tut er von Mai bis Oktober in seinem Sommeratelier jeden Vormittag. «Es gibt sehr viel Abfall, aber das macht nichts. Der Malvorgang ist ja das Wichtigste. Dank ihm kommt etwas in Fluss. Du kannst nicht auf die Inspiration warten. Die Muse küsst Dich nur, wenn Du am Arbeiten bist.» Hie und da tut sie das und es entsteht ein sehr gutes Bild, oft auf Anhieb. Doch ansonsten heisst es malen - übermalen - nochmals übermalen. Kunst dürfe aber nicht nach Schweiss schmecken, auch nicht nach Parfum. «Vital muss sie sein», befindet Guidon. Und manchmal auch etwas frech.

Ausstellung «Amo adün - noch immer», bis 13. Oktober in der Chasa Jaura, Valchava. Am Samstag, 23. Juli, 17 Uhr ebendort: Fest zu Ehren von Jacques Guidon.

 

Autorin: Marie-Claire Jur

 

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