Zeitgenössische Kunst von Not Vital bis Vik Muniz

| Sa, 18. Aug. 2012

Die Galerie Sperone in Sent gibt es zwar schon seit fünf Jahren, doch nicht allen ist bewusst, welch ein Kunstschatz sich inmitten des Unterengadiner Dorfes befindet.

 

Galerien gibt es im Oberengadin viele. Im Unterengadin hingegen sind sie selten. Fernab von der sich mondän gebenden St. Moritzer Kunstszene hat sich in Sent die Galerie Sperone etabliert; mitten im Dorfkern, in den Räumlichkeiten der historischen «Chasa dal guvernatur», einem herrschaftlichen Engadiner Haus, das Jon Andrea Stupan 1709 erbauen liess. Dessen Sohn Andrea Stupan war Landeshauptmann im Untertanenland Veltlin, daher der Name «Statthalterhaus».
 Der gebürtige Turiner Gian Enzo Sperone hat das Haus 2006 gekauft. Er tat dies aufgrund seiner Freundschaft mit dem Senter Künstler Not Vital und liess die Liegenschaft durch Not Vitals Bruder Duri Vital fachgerecht restaurieren. Auf diesem Weg kamen Sent und das Engadin zu einer Kunstadresse mit internationaler Ausstrahlung. Der Name «Sperone» ist in der Kunstwelt nämlich ein Begriff. Der Kunstsammler und Galerist Sperone führt in New York als Partner die «Sperone Westwater Gallery», eine der führenden Galerien für zeitgenössische Kunst, wo auch Werke von Not Vital zu sehen sind. In Sent im Erdgeschoss der Chasa dal Guvernatur hat Sperone seine eigene Künstlergalerie eingerichtet, wo er seit fünf Jahren sommers wie winters Werke moderner zeitgenössischer Künstler zeigt. Auf den darüberliegenden, teils privaten Geschossen, die im Rahmen einer Führung zu besichtigen sind, findet sich ebenfalls zeitgenössische Kunst – vor allem im Talvò, der in erster Linie dem Schaffen von Not Vital eine Plattform bietet.
 
Inspirierte Abfallkunst
Diesen Sommer präsentiert Sperone Werke von Wolfgang Laib, Peter Shelton und Fabio Viale – und vor allem von Vik Muniz und Tom Sachs. Die beiden Letzteren sind auch während des Kunstfestivals St. Moritz Art Masters 2012, das nächste Woche beginnt, in St. Moritz mit vereinzelten Werken präsent. Doch die Galerie Sperone hat Muniz und Sachs diesen Sommer viel Platz eingeräumt. Was die dort ausgestellten Werke thematisch verbindet, ist das Oberthema, nämlich «waste»/«Abfall». Vik Muniz, 1961 in Sao Paolo geboren, beschäftigt sich in seinem künstlerischen Schaffen vorwiegend mit der Rekonstruktion von bekannten Kunstwerken oder Fotografien. Für seine Arbeit experimentiert er mit den unterschiedlichsten Materialien: von der Erdnussbutter bis zur Erde. In der Galerie Sperone sind fünf Arbeiten aus einem vor wenigen Jahren in Brasilien entstandenen Zyklus zu sehen: Die grossformatigen Digitalfotos bilden beispielsweise Sisiphus dar, wie ihn Tizian gemalt hat oder Narziss nach einem Bild von Caravaggio. Je näher sich der Betrachter den Fotos nähert, desto mehr Details offenbaren sie: Die Figuren setzen sich aus einer Unmenge von Dingen zusammen, die von Müllhalden her stammen: Schrauben, Stofffetzen, Plastik- und Blechteile… Unter der Hand (und Anleitung) von Muniz fügten sich diese Abertausend fortgeworfener Abfallteilchen zu einer Komposition, bekamen eine neue Funktion innerhalb eines Kunstwerks. Das auf dem Steinboden entstandene «Puzzle» hat Muniz schliesslich aus mehreren Metern Höhe von oben herab fotografiert. Fasziniert bleibt man vor diesen Kunstwerken stehen.
Auch Tom Sachs macht «aus nichts etwas», nimmt wertlose Alltagsgegenstände als Ausgangspunkt für seine Kunst. Der in New York lebende Amerikaner (geboren 1966) bedient sich allerdings anderer Materialien. Vom Bildhauer sind in der Galerie unter anderem ein grösserer weisser Eimer zu sehen. Beinahe wäre man versucht, dem fast Meter grossen Ding, das da in einer Ecke des Tablà liegt statt zu stehen, einen Schubs mit dem Fuss zu geben oder es wieder aufzurichten. Doch Achtung: was da so einen leichten und billigen Eindruck erweckt, ist schwergewichtig und aus weissem Marmor geschaffen. Substanz hat auch das Werk «Interstate», eine Säule von mehreren aufgetürmten Autobatterien. Was wie schwarze Tünche anmutet, ist in Tat und Wahrheit eine Bronzeskulptur. Auch die daneben liegenden abgefahrenen Autopneus sind – selbst wenn es den Anschein hat – kein Entsorgungsgut, sondern eine täuschend echt aussehende Marmorskulptur von Fabio Viale.
 
Permanente Ausstellung
Wunderschön ist auch ein Werk von Wolfgang Laib. Der deutsche Kunstschaffende arbeitet mit natürlichen Materialien wie Reis und gesellt diese in seinem Werk «Rice House» zu einem rechteckigen Granitblock: Aus einfachen, farblich kontrastierenden Werkstoffen entsteht so eine Komposition, die unter dem hohen Gewölbe des Kellerraums ihre Wirkung auf die Betrachter nicht verfehlt. Von Laib permanent in der Galerie zu sehen (und wortwörtlich zu erriechen) ist die ebenfalls im Kellergeschoss mit 800 Kilogramm Bienenwachs ausgekleidete Zelle. Zudem lockt im Heustall eine Sammlung von mehreren Werken von Not Vital sowie Werke von Andy Warhol und Richard Long.
 
Öffnungszeiten bis 2. September: Dienstag bis Samstag, 15.00 bis 18.00 Uhr oder nach Vereinbarung.
 
Autorin: Marie-Claire Jur

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