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Uni-Professor Bruno Baur im Gespräch mit Hans Lozza (SNP). Foto: Jon Duschletta

Uni-Professor Bruno Baur im Gespräch mit Hans Lozza (SNP). Foto: Jon Duschletta

Blick auf und unter den Boden

Gut die Hälfte der Fläche des Schweizerischen Nationalparks besteht aus vermeintlich vegetationslosen Fels- und Schotterflächen. Sie sind das bevorzugte Forschungsfeld des Basler Uni-Professors Bruno Baur. Am Mittwoch hat er erste Ergebnisse präsentiert.

Was machen wirbellose Tiere, Herbivoren, Zersetzer, Prädatoren und Parasitoide in den unwirtlichen Geröllhalden und Blockgletschern auf über 2000 Metern? Und wie wirken sich die Veränderungen des Klimas auf diese Tiere aus? Solchen Fragen geht Bruno Baur, Professor und Abteilungsleiter für Naturschutzbiologie an der Universität Basel mit seinem Team nach. Abschliessende Antworten konnte Bruno Baur in seinem Referat «Versteckte Vielfalt im Nationalpark», welchen er am Mittwoch im Rahmen der Naturama-Reihe des Schweizerischen Nationalparks in Zernez hielt, nicht geben. «Wir stehen erst am Anfang», sagte er, «bis vor ein paar Jahren wusste ich noch gar nicht, dass es sie dort gibt.» Seit er es aber weiss, lässt ihm sein Forschergeist keine Ruhe mehr. Die beiden letzten Sommer über wiederholten die Forscher, allen voran der Spanier José D. Gilgado, Untersuchungen über das Vorkommen von Tausendfüsslern auf der Basis historischer Aufnahmen von Walter Bigler von vor 100 Jahren. Und an den beiden Blockgletschern Val Sassa und Valletta unterhalb des Piz Quattervals untersuchten sie, wo welche Arten von wirbellosen Tieren vorkommen.

200 Meter höher in 100 Jahren
Spannende Untersuchungen, weil im Gebiet des Nationalparks die Gewissheit besteht, dass die Entwicklung der letzten 100 Jahre ohne den Einfluss des Menschen – ausser im Bereich Klimawandel – vonstatten ging. So haben die Forscher nachweisen können, dass sich der Lebensraum diverser Lebewesen während des letzten Jahrhunderts um durchschnittlich 200 Meter nach oben verschoben hat. «Nicht bei allen gleichermassen», präzisierte Baur, «aber der Peak hat sich um bis zu 400 Höhenmeter verschoben.» Wo früher Arten auf 2100 Metern über Meer vorkamen, findet man heute klimabedingt Exemplare auf bis zu 2500 Metern. Der höchste Fundort eines wirbellosen Tieres – Tausendfüssler Trimerophorella rhaetica, ein klassischer Zersetzer – war laut Baur der Munt Baselgia oberhalb Zernez auf 2945 Metern.
Veränderungen im Vorkommen wirbelloser Tiere wurden sowohl in phänologischer Hinsicht, also im Jahresablauf der natürlichen, periodisch wiederkehrenden Entwicklung von Tieren und Pflanzen als auch in der räumlichen Verbreitung festgestellt. Bei den Untersuchungen an insgesamt 91 ober- und unterirdischen Sammelstellen wurde das Forscherteam von der angesichts der unwirtlichen Lebensräume unerwartet hohen Artenvielfalt überrascht. Es gelang sogar, zwei Arten des Hundertfüsslers und eine Käferart erstmals überhaupt in der Schweiz nachzuweisen.
Bei der Auswertung der auf den Blockgletschern gefangenen Tiere fiel auf, dass neben den pflanzenfressenden Herbivoren, den Zersetzern, die sich von totem Pflanzenmaterial und toten Tieren ernähren, überdurchschnittlich viele fleischfressende Prädatoren vorkommen. Als mögliche Erklärung für deren Überlebensfähigkeit in dieser Höhe nannte Baur durch Wind verfrachtete Gliedertiere, welche in dieser, für sie nicht geschaffenen Umgebung, leichte Beute für Spinnen oder andere Prädatoren werden. Für den 2540 Meter hohen Munt la Schera errechnete er, dass auf diesem Weg pro Jahr bis 100 Kilogramm tierische Biomasse pro Quadratkilometer verfrachtet werden können.

Temperaturflucht bis zum Ende
An insgesamt neun Standorten untersuchte Bruno Baur zusammen mit seiner Frau Anette zudem die Veränderung der Höhenverbreitung der Gefleckten Schnirkelschnecke (Arianta arbustorum) über die letzten 95 Jahre. Dank der historischen Aufnahmen des Berner Forschers Ernst Bütikofer konnten Baurs nachweisen, dass diese Schneckenart heute im Durchschnitt 146 Meter weiter oben vorkommt. Das Perfide am natürlichen System ist laut Baur, dass die Eiablage der Schnirkelschnecke ab 23° Grad nicht mehr funktioniert. Und weil es Schnecken angeboren ist, immer nur aufwärts zu wandern, erreicht die Schnirkelschnecke auf ihrer Temperaturflucht immer öfters die Grenze ihres Lebensraums, hoch oben an den Felsen, wo sie kaum mehr Nahrung findet.

Im Rahmen der letztjährigen Schwerpunktwoche «Klimawandel» erschien am 15. Oktober 2019 der Artikel «Forschung im Reich der unterirdischen Zersetzer» über die Arbeit von Bruno Baur und seinem Forschungsteam im Schweizerischen Nationalpark. Zu finden im PDF-Archiv unter www.engadinerpost.ch

Autor und Foto: Jon Duschletta


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