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Die Ausstellung «Vom Glück vergessen» erzählt unter anderem die tragische Geschichte von Uschi Waser, Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse». Foto: Jon Duschletta

Die Ausstellung «Vom Glück vergessen» erzählt unter anderem die tragische Geschichte von Uschi Waser, Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse». Foto: Jon Duschletta

Vom Glück vergessen

Wenn Uschi Waser an öffentlichen Veranstaltungen über die Geschichte der Jenischen in der Schweiz spricht, dann klingt immer auch ihre eigene Lebens- und Leidensgeschichte mit. Der Kampf einer mutigen Frau für die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels Schweizer Geschichte. 

Es passiert um das Jahr 1970 herum. Die 18-jährige Ursula schreibt sich an der Gewerbeschule im St. Gallischen Altstätten die Seele aus dem Leib. Ihr Aufsatz trägt den Titel «Mein Spiegelbild – so wie ich mich sehe». Der Aufwand lohnt sich. Die angehende Damenschneiderin bekommt dafür von ihrem Deutschlehrer die Bestnote, eine glatte Sechs.
Wenn Uschi Waser heute an diese Episode aus ihrer Jugend zurückdenkt, wird ihr Gesichtsausdruck hart und ihre Augen feucht. Sie kommt 1952 in Rüti ZH zur Welt. Ihre jenische Mutter gibt ihre aussereheliche Tochter schon kurz nach der Geburt in Pflegefamilien und Kinderheime ab, unter anderem nach Samedan. Alfred Siegfried, damals Leiter des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute, wird Ursulas Vormund und veranlasst, dass sie, gerade mal sieben Monate alt, der Samedner Pflegefamilie Mürsett entrissen und «zur Überführung in stabile, sesshafte Verhältnisse» erneut in ein Kinderheim gebracht wird.
Drei Mal wird Ursula später im Kinderheim «La Margna» in Celerina untergebracht, wohin ihre Mutter sie auf ärztlichen Rat hin zur Linderung von Asthma und Bronchitis schickt. Im Herbst 1959 tritt sie in Celerina in die erste Primarklasse ein, wird aber schon im nachfolgenden Januar dort wieder herausgerissen und an einen neuen Pflegeplatz am Zürichsee umplatziert. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr wird ihr dieses Prozedere unglaubliche 22 Mal zugemutet.

«Aus Distanz betrachtet»
Uschi Waser sitzt in ihrer Wohnung an einem schweren Eichentisch und erzählt freimütig ihre Geschichte. Sagt, dass sie damals in Celerina sogar etwas Romanisch gekonnt hätte, sich an eine gewisse Schwester Maria Krallenbach erinnert und wohl auch das dortige Kinderheim wieder erkennen würde – wenn dieses noch stehen würde und nicht irgendwann einer Wohnüberbauung zum Opfer gefallen wäre.
«Ich habe meine Geschichte immer nur aus Distanz betrachtet», sagt sie, «die Konfrontation mit Schauplätzen ist deshalb nicht so schlimm wie die Erinnerungen daran, die Erfahrungen ...». Sie fährt auch mal nach Scuol in die Skiferien, glaubt aber, Celerina liege viel zu weit weg von Scuol, um einen Besuch einzuplanen. Heiratet später einen Jenischen, macht eine «schlimme Scheidung durch» und muss in dieser Zeit miterleben, wie sich ihre Mutter mit ihrem Vater verbündet, «Jenische halten nun mal zusammen, ob schlecht oder recht ...».

Hilfswerk-Skandal als Auslöser
Und dann deckt der «Beobachter» Anfang der 1990er-Jahre den Pro-Juventute-Skandal «Kinder der Landstrasse» auf und auch die unmenschlichen Machenschaften des Leiters des vermeintlichen Hilfswerks, Alfred Siegfried. Dies weckt in Uschi Waser den Wunsch, zu erfahren, ob es auch über sie, über ein einfaches, unbescholtenes «Kind der Landstrasse» Aufzeichnungen gibt.
Uschi Waser ist 37, geschieden und Mutter zweier Töchter. Es geht ihr gut, sie arbeitet als Nachtwächterin und dann und wann liegen sogar einfache Ferien drin. Listig und nur dank Zufall kann sie sich Einsicht in ihre Akten verschaffen – und fällt buchstäblich vom Stuhl. Rund 3500 Aktenseiten hatten sich im Bundesarchiv Bern über sie angesammelt. Darunter auch ihr Schulaufsatz «Mein Spiegelbild – so wie ich mich sehe».
Das, und erst das wirft sie aus der Bahn. «Abgesehen davon, dass es ein absoluter Horror ist, seine eigenen Gerichtsakten zu lesen, hat mir dieser Vorfall arg zugesetzt, zumal dem Aufsatz der Vermerk ‹...damit dieser der Wahrheitsfindung dienen möge› angefügt war.» Sie sieht, was sie damals geschrieben hatte, liest Gedanken wie, «... ich muss lernen meine Fantasie zu zügeln, lernen mit der Wahrheit umzugehen, ich neige zum Übertreiben ...». Sie fragt sich, wer damals wohl veranlasst habe, sie diesen Aufsatz schreiben zu lassen, die Schule, die Klosterfrauen oder gar das Gericht? «Ich könnte akzeptieren, wenn jemand käme und sagen würde, Uschi, da ist ein Fehler passiert, dieser Aufsatz hätte nie in den Akten landen dürfen. Das hat mir bisher aber noch niemand so sagen können.» Sie senkt den Blick und fügt an, «es wäre so einfach».

«Begrab deine Träume»
«Dabei», sagt sie heute zurückblickend, «hat mich meine Fantasie durchs ganze Leben begleitet und mich getragen. Ich habe lange nur in Träumen gelebt, meine Träume haben mir das Leben gerettet.» Und das schon früh: «Als ich gemerkt habe, dass mir der Herrgott kein anderes Mami und keinen Papi mehr gibt, habe ich mir diese erträumen müssen.» Sie fügt sich ihrem Schicksal und befolgt den mütterlichen Rat: «Begrab deine Träume und lern etwas Rechtes.» – «Ich habe Damenschneiderin lernen müssen. Ich habe danach nie mehr einen Lumpen zur Hand genommen.»
Nach der Akteneinsicht fällt Uschi Waser in ein tiefes Loch, sinnt auf Rache, denkt an Selbstmord. Aus der Krise helfen ihr ihre beiden Töchter und Gedichte die sie zu schreiben beginnt und die, wie sie heute sagt, mitgeholfen haben zu überleben. Gedichte wie «Mutterliebe was ist das» mit Zeilen wie «Oft rinnen Tränen über mein Gesicht, ich kenne Mutterliebe nicht» oder «Zigeuner», «Zigeuner – was fühlt deine Seele? ... dass ich nicht ein Kind, sondern Dreck der Landstrasse war!»
Uschi Waser hat in ihrem Leben viel durchgemacht, hat viel davon hinter sich lassen können und ist als Jenische trotzdem weiterhin Tag für Tag mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Sie hat 1971 wieder geheiratet, keinen Jenischen diesmal, hat aber ihren jenischen Namen der Töchter willen behalten und lebt seit 1975 ihrem heutigen Mann geschuldet in der Deutschschweiz. «Aber eigentlich gehöre ich nicht hierher, ich gehöre in die Berge», sagt die Heimatberechtigte Obervazerin. Und seit sie wegen einem Neubau in der Nachbarschaft ihre Lamas weggeben musste, träumt Uschi Waser immer häufiger auch vom Bündnerland.

«Habe immer nur in Angst gelebt»
«Mir geht es heute, bis auf die Geschichten die nicht in Ordnung sind, so weit gut», sagt die Präsidentin der Stiftung «Naschet Jenische», welcher sie beitrat, nachdem die Stiftung in einen schweren Finanzskandal verwickelt war und kurz vor der Auflösung stand. «Man kann uns Kindern der Landstrasse die gestohlenen Jahre nicht zurückgeben, Geschehenes nicht rückgängig und vergessen machen.» Manchmal kommt Uschi Waser ins Grübeln, überlegt, was es den Staat damals wohl gekostet hätte, wenn sie zu «uns Kinder, die dem Teufel vom Karren gefallen waren, hätten anständig schauen müssen». Stattdessen beansprucht sie ihr Leben lang keinen einzigen Franken Sozialhilfe und sagt stolz, aber mit traurigen Augen: «Ich habe immer nur gekrüppelt und gekrampft, aus Angst, man könnte mir meine Kinder wegnehmen oder mir wieder einen Vormund geben.»

Auf der Internetseite www.naschet-jenische.ch gibt Uschi Waser selbst einen kurzen Einblick in ihre leidvolle Geschichte und die Stationen ihrer Kindheit.

Infobox: Auch Uschi Waser ist eine «vom Glück Vergessene»
Bis in die 1970er-Jahre wurden in der Schweiz Zehntausende von Kindern, Jugendlichen aber auch Erwachsenen unter dem Begriff der «Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» in Anstalten oder Familien fremdplatziert, verdingt, entmündigt, eingesperrt, zwangsadoptiert oder zwangssterilisiert und nicht selten auch sexuell ausgenutzt. In Graubünden waren mehrere Tausend Personen davon betroffen.
Das Rätische Museum zeigt noch bis Ende Februar die eindrücklich gestaltete Sonderausstellung «Vom Glück vergessen – Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Graubünden». Dabei werden Betroffene die zwischen 1881 und 1957 geboren wurden ins Zentrum gerückt. Besucherinnen und Besucher können in die mit Wabenkarton nachgebauten Schauplätze, ausgestattet mit originalen Archivdokumenten und beklemmenden Audio-Beiträgen, eintauchen und erleben so die meist unverschuldeten Schicksale der Betroffenen hautnah. Zur Ausstellung ist eine 85-seitige Broschüre erschienen.
Eine der Betroffenen und Opfer des Pro Juventute «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» ist die heute 67-jährige Uschi Waser aus Holderbank. Als aussereheliches Kind einer Jenischen wird sie in ihren ersten 14 Lebensjahren 22 Mal umplatziert, unter anderem auch in Samedan und Celerina. Wiederholt wird sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht und, in der Nacht vor ihrem 14. Geburtstag, von einem Onkel vergewaltigt, worauf ihre Mutter sie in eine geschlossene Erziehungsanstalt in Altstätten (SG) einweist.
Über 20 Jahre später kann sie durch Zufall ihre Akten einsehen. Diese Akteneinsicht und die damit verbundene Erkenntnis, dass sie jahrelang von vertrauten Personen hintergangen und verraten worden war, stürzt sie, mehr als alles zuvor, in eine lebensbedrohliche Krise. Uschi Waser ist heute Präsidentin der Stiftung «Naschet Jenische», berät selber Opfer administrativer Zwangsmassnahmen und kämpft seit Jahren dafür, dass vorab die Rolle der Justiz im Umgang mit Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen untersucht und aufgearbeitet wird. 

Die Ausstellung «Vom Glück vergessen» im Rätischen Museum in Chur ist offen bis am 28. Februar 2021, jeweils dienstags bis sonntags, 10.00 bis 17.00 Uhr. Weitere Informationen, Rahmenprogramm und öffentliche Führungen unter: www.rm.gr.ch.
Am Dienstag, 26. Januar, hält Uschi Waser im Rätischen Museum einen Vortrag mit dem Titel: «Solche Akten sind ein Verbrechen».

Autor und Foto: Jon Duschletta


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