Jugendliche aus Zernez und Scuol genossen 2015 das temporäre Angebot des «JugendMobils». Das Projekt von jugend.gr bezweckte die Schaffung entsprechender Angebote in den Gemeinden Graubündens. Archivfoto: Jon Duschletta

Jugendliche aus Zernez und Scuol genossen 2015 das temporäre Angebot des «JugendMobils». Das Projekt von jugend.gr bezweckte die Schaffung entsprechender Angebote in den Gemeinden Graubündens. Archivfoto: Jon Duschletta

Umsetzung Projekt «JugendMobil»: Es harzt im Engadin

Nach drei Jahren und 24 Standorten wurde das Projekt «JugendMobil» 2018 in Tamins abgeschlossen. Gesamthaft gesehen, zieht Samuel Gilgen von jugend.gr ein sehr positives Fazit. Im Engadin hat die Jugendförderung indes noch gehörig Luft nach oben. 

2015 wurde das Projekt «JugendMobil» in den Pilotgemeinden Zernez und Scuol lanciert. Die Idee, durch Graubünden mit einem temporären und mobilen Treffpunkt für Jugendliche im Oberstufenalter zu touren, war auf Gemeinden ohne ein bestehendes Jugendangebot zugeschnitten. Nicht zuletzt, um in diesen politische Prozesse anzuregen, Kinder- und Jugendförderung ernster zu nehmen und entsprechende Angebote zu initiieren und aufzubauen (die EP/PL hat seither regelmässig über die Projekte und deren Stand berichtet).
Nicht überall ist dies gleichermassen gut gelungen. Samuel Gilgen ist Fachstellenleiter des Dachverbands Kinder- und Jugendförderung Graubünden, jugend.gr. Er zieht über das gesamte Projekt «JugendMobil» gesehen, ein sehr positives Fazit: «Von den rund 100 Gemeinden im Kanton haben über 60 ein professionelles Jugendangebot.» Konkret seien bei rund einem Drittel der Projektgemeinden Angebote entstanden und auch Stellen geschaffen worden. «Wobei das Projekt so noch nicht abgeschlossen ist. In diversen Gemeinden sind Prozesse am laufen, und ich gehe davon aus, dass gerade in Scuol, Valsot oder auch in Samnaun noch weitere Schritte passieren werden.»

Zuoz sucht nach neuen Wegen
«Jugendtreff als Übungsfeld für Jugendliche» titelte die EP/PL vor zwei Jahren, als in der Zuozer Zivilschutzanlage Purtum ein neuer betreuter Treffpunkt für Jugendliche der Plaivgemeinden eröffnet wurde. Die Freude war allerdings von kurzer Dauer. Laut Samuel Gilgen läuft die Pilotphase diesen Sommer aus und wird nicht verlängert. Der Zuozer Gemeinderat und Verantwortlicher für die Belange Schule und Bildung, Romeo Cusini, bestätigt den Sachverhalt: «Man ist zum Schluss gekommen, das Projekt in dieser Form nicht weiterzuführen, da diese Form nicht zum gewünschten Ziel geführt hat.»
Was 2013 mit einer Bevölkerungsumfrage begann und im Aktionsplan «Zuoz 2020» festgeschrieben wurde, steht nun also vor dem Aus. «Wie im Bereich Schulsozialarbeit sind wir auch bei der Jugendarbeit zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Lösung mit verschiedenen, individuell einsetzbaren Leistungsträgern aus einem Fachkräfte-Pool unsere Bedürfnisse besser abdeckt, als eine einzelne Person in einer Festanstellung», so Romeo Cusini.
Während die restlichen Plaivgemeinden S-chanf, Madulain und La Punt Chamues-ch aus dem Projekt ausgestiegen sind, soll sich in Zuoz bis Ende des laufenden Schuljahres entscheiden, in welcher Form die Jugendförderung weitergeführt wird.

Zernez beginnt wieder bei Feld eins
Samuel Gilgen hat vor zwei Jahren zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Vertretern von Gemeinde und beiden Kirchgemeinden einen Projektbericht für Zernez verfasst. «Auf dieser Basis entstand ein umsetzungsreifes Projekt samt Finanzierungsschlüssel der drei Partner», so Gilgen. Ein spannendes Projekt, «zumal auch die beiden Kirchgemeinden die gleichen Jugendlichen in Beziehung und Dialog bringen wollten.»
Wechsel im Gemeindevorstand und auch in der Arbeitsgruppe haben laut Riet Denoth, Zernezer Gemeindevizepräsident und zuständig für das Departement Umwelt und Kultur, dazu geführt, dass das Zernezer Jugendprojekt neu aufgegleist werden musste. «Wir sind zurück auf Feld eins», so Denoth, «führen aber aktuell Gespräche mit Scuol für eine eventuelle Zusammenarbeit». Auch die Gemeinde Valsot stand als Partnergemeinde im Blick. Daraus wird aber wohl nichts. Valsot hat, so Samuel Gilgen, die Absicht, in kleinem Rahmen etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Riet Denoth konzentriert sich deshalb auf die Frage, ob sie «das Projekt alleine machen, oder, falls nein, mit wem zusammen?» Zwar liege mit dem erwähnten Projekt eine gute Basis vor, allerdings habe die Gemeinde Zernez gerade höhere Prioritäten als die Jugendarbeit, gibt Denoth zu verstehen.

Scuol und andere Gemeinden
Die Gemeinde Scuol hat laut Samuel Gilgen in Bezug auf Jugendliche bis 16 Jahren noch keinen Prozess gestartet, keine Bedürfnissabklärungen vorgenommen oder in die Wege geleitet. «Man plant ein neues Projekt für über 16-jährige, eventuell in Verbindung mit einer Neuausrichtung des Cult in Trü.» Noch bestehe eine Herausforderung in Bezug auf die Räumlichkeiten, so Gilgen, «man kann schlecht ein Konsumangebot für junge Erwachsene mit der konsumfreien Jugendarbeit kombinieren».
Und die anderen Gemeinden, in denen das «JugendMobil» halt machte? In Samnaun wurde die ehemalige Jugendkommission wieder aktiv, und es bestehe eine einfache und lokale Idee mit guten Chancen auf Umsetzung im Sommer, so Gilgen. In der Val Müstair wurde in Valchava ein Jugendraum eröffnet und in Betrieb genommen. Ferner haben sich die beiden Gemeinden Poschiavo und Brusio zusammengefunden und ein gemeinsam finanziertes Angebot beim Bahnhof Poschiavo geschaffen. Die Trägerschaft ist bei der regionale Familienverein Associazione Appoggio familiare Valposchiavo angesiedelt.

Lesen Sie mehr zum neuen Projekt von jugend.gr:
Neues kantonales Projekt zur Partizipation der Jugend
Der Dachverband der Kinder- und Jugendarbeit Graubünden, jugend.gr, hat ein neues, auf drei Jahre ausgerichtetes Projekt lanciert. Zehn Bündner Gemeinden sollen im Projekt «Kinder- und Jugendpartizipation in Bündner Gemeinden» Gelegenheit erhalten, eine Vorreiterrolle einzunehmen. Das Projekt wird von der Stiftung Mercator Schweiz mit rund einer halben Million Franken finanziell getragen und hat die Unicef Schweiz und Lichtenstein als Kooperationspartner mit an Bord.
Basierend auf entsprechenden Erfahrungswerten der Unicef Schweiz und Lichtenstein wollen die involvierten Gemeinden anhand einer Standortbestimmung herausfinden, wie es um die Beteiligung von Jugendlichen an gemeindeinternen Prozessen steht. Konkret füllen die beteiligten Gemeinden eine Standortbestimmung aus. Auf dieser Basis wird anschliessend geschaut, in welchen Bereichen welches Potential steckt. In einem zweiten Schritt werden Kinder und Jugendliche durch die Projektleiterin von «Partizipation», Chantal Bleiker, nach ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen befragt. Die Informationen aus der Standortbestimmung und der Umfrage unter den Kindern und Jugendlichen fliessen schliesslich in einem Aktionsplan der Gemeinde ein. Dieser Aktionsplan beinhaltet Massnahmen, welche die Gemeinde in den nächsten Jahren umsetzen möchte. Am Schluss des Prozesses steht eine Auswertung an. Die Gemeinden müssen Zeit und Ressourcen aufwenden und die gewählten Massnahmen aus dem Aktionsplan finanzieren.
Laut dem Fachstellenleiter jugend.gr, Samuel Gilgen, haben sich aktuell drei von zehn möglichen Bündner Gemeinden – Safiental, Landquart und Surses – für eine Teilnahme am Projekt «Partizipation» angemeldet. «Es wäre aus unserer Sicht absolut wünschenswert, dass Gemeinden aus allen Regionen, also auch aus Südbünden mitmachen. Es ist wichtig, dass Jugendliche in kommunalen Planungsprozessen nicht vergessen werden», mahnt Gilgen, «schliesslich sind es auch Kinder und Jugendliche, welche die Infrastruktur mitbenutzen». 
Weitere Informationen unter: www.jugend.gr/partizipation

Lesen Sie mehr zum Instrument «Promo 35»:
Instrument politischer Nachwuchsförderung
Rund 70 Prozent aller Schweizer Gemeinden haben grundsätzlich Mühe, Jugendliche für politische Belange zu gewinnen. Das von der HTW Chur erarbeitete Online-Tool «Promo 35» zeigt Lösungsansätze auf und bietet Unterstützung.
Das politische Milizsystem, so wie es üblicherweise in der Schweiz auf kommunaler Ebene funktioniert, setzt die Bereitschaft der Bevölkerung voraus, aktiv an politischen Prozessen mitzuwirken. Mehr und mehr gerät dieses Prinzip der freiwilligen Mitwirkung aber unter Druck. Bereits heute hat rund die Hälfte aller Gemeinden Mühe ihre Behörden zu besetzen, und gut zwei Drittel der Gemeinden finden kaum junge Erwachsene, welche in die Kommunalpolitik einsteigen wollen. So ist heute nicht einmal jeder zwanzigste Gemeinderat unter 35.
Als idealer Einstieg in die Gemeindepolitik gelten Kommissionen, beispielsweise Kultur- und Jugendkommission oder Schulrat.
Auf dieser Basis hat die Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur unter der Leitung von Curdin Derungs und Dario Wellinger letztes Jahr das Forschungsprojekt «Promo 35» zur politischen Nachwuchsförderung für Gemeinden lanciert. Die daraus entstandenen Instrumente können die Gemeinden in ihrer Personalsuche unterstützen, Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen und helfen, Massnahmen umzusetzen .
Mit der Beantwortung von 17 Fragen kann eine interessierte Gemeinde so herausfinden, wie sie im Vergleich zu anderen Gemeinden steht und welche konkreten Massnahmen auf sie zugeschnitten wären. Rund 600 Gemeinden haben an einer vorgängigen Umfrage zum Thema «Junge Erwachsene in der Gemeindeexekutive» teilgenommen und damit das Fundament für den Massnahmenkatalog gebildet.
Hergeleitet aus einer weiteren Umfrage, bestehend aus 20 Interviews mit ausgewählten 25- bis 35-Jährigen und einem Online-Fragebogen mit 1000 Beteiligten, wurden total 84 Massnahmen in 18 Stossrichtungen entwickelt zur Verbesserung der Nachwuchsförderung und der Stärkung des Milizsystems. Neben konkreten, anwendungsorientierten Massnahmen beinhaltet diese Gesamtliste auch zahlreiche Praxisbeispiele von Gemeinden, Gemeindeverbänden, kantonalen Ämtern oder dem Schweizerischen Gemeindeverband. Das Instrument «Promo 35» richtet sich an Gemeinden und politisch interessierte Personen.
Weiterführende Informationen, 66-seitiger Leitfaden und Massnahmenübersicht unter: www.promo35.ch

Autor und Foto: Jon Duschletta


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