Die Herausgeber des Buches: Rolf Zollinger, Andrea Kühbacher, Lois Hechenblaikner (von links). 		Foto: z. Vfg

Die Herausgeber des Buches: Rolf Zollinger, Andrea Kühbacher, Lois Hechenblaikner (von links). Foto: z. Vfg

Simple Karteikarten machen Zeitgeschichte erlebbar

«Keine Ostergrüsse mehr!» Hinter diesen drei Worten steckt ein Stück Tourismusgeschichte aus dem Grand Hotel Waldhaus. Das Hotel gibt es nicht mehr. Dafür 20 000 Karteikarten mit Notizen über Gäste. Lustige, verstörende und verletzende Einträge.

Das Buch «Keine Ostergrüsse mehr! Die geheime Gästekartei des Grand Hotel Waldhaus in Vulpera» scheint einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Es wurde in verschiedenen grossen deutschen Medien wie dem «Spiegel» besprochen, und Radio SRF widmete dem Thema in der Sendung Kontext eine ganze Stunde. Kurz nach Erscheinen ist die erste Auflage bereits vergriffen, die Neuauflage soll ab Mitte Mai erhältlich sein. Was aber macht den Erfolg dieses Buches aus, welches man, einmal zur Hand genommen, nicht mehr weglegen will? Es ist eine spannende Reise durch ein Stück Schweizer Tourismusgeschichte, welche im Unterengadin geschrieben worden ist. Die Vorstellung, dass die kleine, bäuerlich geprägte Siedlung Vulpera dank den Heilquellen und dem Pioniergeist ihrer Bewohner auf die Weltkarte des Bädertourismus katapultiert wurde, fasziniert. Ebenso die von vielen Höhen und Tiefen geprägte Geschichte des Grand Hotel Waldhaus, welche mit der Zerstörung durch einen Brand innerhalb von wenigen Stunden ein trauriges Ende nahm.
Aber es sind gerade auch die vielen Karteikarten, die Rolf Zollinger gehütet und Lois Hechenblaikner in einer hartnäckigen Art aufgespürt hat. Karteikarten, welche ein «Psychogramm» eines Hotellebens skizzieren und aufzeigen, von welchen Vorlieben, von welchen Eigenheiten oder Geheimnissen der Gäste das Personal wusste. Rund 20 000 Karten umfasst die Gästekartei. Annähernd 500 sind im Buch abgebildet, unterteilt in 17 Kapitel. «Hat einen kleinen oiseau, aber sonst ganz nett», heisst es zum Beispiel auf der Karte eines Hans Rothschild aus Stockholm. Oder bei Olga von Daragan aus Genf: «Hat dieses Jahr ebenfalls ein Konzert im Waldhaus gegeben. Hoffentlich das letzte. Verschiedene Gäste waren über ihr unterdurchschnittliches Spiel entsetzt.» Die Karten widerspiegeln die Zeitgeschichte. Die Wirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre führte zum überstürzten Abreisen deutscher Gäste, was auf den Karten vermerkt ist. Ab den 1920er-Jahren wurde der Ton immer schärfer, und es finden sich zunehmend antisemitische Botschaften auf den Karten (mehr dazu in anderen Artikeln dieser Ausgabe). Und was hat es mit der Bemerkung «Keine Ostergrüsse mehr!» auf sich? Das Waldhaus verschickte am Ende des Winters Ostergrüsse, um Gästen einen Aufenthalt im kommenden Sommer schmackhaft zu machen. Wer diese Grüsse nicht mehr erhielt, stand also auf der «Black List» des Hotels.
Das Buch besticht aber auch durch die analogen, grossformatigen Fotografien aus der Fundaziun Fotografia Feuerstein, welche anschaulich zeigen, welche Stimmung im damaligen Grand Hotel geherrscht haben muss. Die Kurzbio‧gra‧fien zu einzelnen, auf den Karteikarten erwähnten Personen geben diesen ein Gesicht. Viele Hintergrundtexte vermitteln zusätzliche Informationen, und zwei Essays von Martin Suter und Bettina Spoerri runden dieses spannende Werk ab.
«Keine Ostergrüsse mehr!», Edition Patrick Frey, Zürich, Lois Hechenblaikner, Andrea Kühbacher, Rolf Zollinger, ISBN 978-3-907236-19-2, 1. Auflage vergriffen, Neuauflage ab Mitte Mai.

Autor: Reto Stifel

Foto: z. Vfg


Noch keine Kommentare