«Es geht operativ sehr viel auch ohne mich. An sich beruhigend», sagt Christian Jott Jenny, Gründer des Festival da Jazz.  Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo

«Es geht operativ sehr viel auch ohne mich. An sich beruhigend», sagt Christian Jott Jenny, Gründer des Festival da Jazz. Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo

«Die Leute brauchen Gesellschaft und das Live-Erlebnis»

Dass das Festival da Jazz stattfindet, ist seit diesem Frühjahr bekannt. Mit den Covid-Lockerungen fallen nun auch die Masken. Das freut Christian Jott Jenny. Der Gründer des Festivals im Interview mit der EP/PL über das Risiko, seine Rolle beim Festival und Geheimtipps.

Engadiner Post: Christian Jott Jenny, setzen wir Ihnen zuerst kurz den Hut des Politikers auf: Als Gemeindepräsident von St. Moritz waren Sie in Bezug auf die Entwicklung der Pandemie immer aktuell informiert. Hat Ihnen das bei der Planung des Festival da Jazz geholfen?

Christian Jott Jenny*: Nicht nur fürs Festival: Ich bin sowieso ein Informations-Junkie; ich verschlinge News aus aller Welt. Darüber hinaus pflege ich gute Kontakte in die Amtsstuben, in die Vor- und Hinterzimmer des Politbetriebes. Das ist hilfreich, auch für das Amt als Gemeindepräsident und damit für die Gemeinde. 

Erst am 23. Juni hat der Bundesrat Lockerungsschritte beschlossen, die sehr weit gehen, auch in Bezug auf die Veranstaltungen. Ändert das Ihre Pläne für das Festival da Jazz noch einmal?

Fast nicht: Wir haben ja bereits im Frühjahr gesagt, dass es stattfinden wird. Die Form war indes noch offen. Nun ist es noch besser gekommen, als wir geplant hatten. Da wir in einer Covid-Studie des Kantons Graubünden sind, arbeiten wir mit den drei G – getestet, geimpft, genesen. Dies ermöglicht uns, den Künstlerinnen und Künstlern, sowie dem Publikum Konzerte ohne Maske. Das finde ich sehr schön.

Während viele Veranstalter letztes Jahr das Handtuch warfen, haben Sie das Festival da Jazz mit Erfolg durchgeführt. In diesem Jahr planen Sie bereits wieder ein international ausgerichtetes Festival, obwohl noch nicht klar ist, von woher die Stars überhaupt anreisen können. Lieben Sie das Risiko?

Das kalkulierte Risiko birgt die grössten Chancen! Letztes Jahr haben wir ziemlich genau den Slot gefunden zwischen Lockdown und Lockdown, unser Sommer war damit gerettet. Optimismus ist die wichtigste Medizin. Wir hielten und halten uns ja stets an die geltenden Regeln. Und wir leisten uns das Risiko, auch eine Stunde vor Beginn des ersten Konzertes abzusagen. Aber bis dahin muss man doch daran glauben.

«Keeping Live Music Alive» lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Haben Sie Angst, dass sich die Menschen an Kultur über Livestream gewöhnen könnten?

Eine Zeit lang hatte ich tatsächlich diese Angst, als alle nur noch von Stream gesprochen haben. Netflix. I have a stream ... Unterdessen wird aber klar: Die Angst war unberechtigt, die Leute brauchen Gesellschaft, Menschen, das Live-Erlebnis. Wir bieten, unterstützen und fördern genau das. 

Geht man die Liste der auftretenden Künstlerinnen und Künstler durch, reibt man sich angesichts der prominenten Namen die Augen. Wie schaffen Sie es, konkret eine Angelique Kidjo oder einen Zucchero ins Engadin zu bringen?

Ich pflege persönliche Beziehungen, auch dann, wenn ich sie nicht gerade brauche. Ich mache das egal für welches «Amt» – ich liebe spannende Menschen, die bewegen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Zum Beispiel die von Ihnen genannten Künstler. Zudem weiss ich, was diese umtreibt und antreibt. Bei Zucchero spielte das «Wie», «Wo» und das «Spielerische» eine grosse Rolle. Und etwas Glück ist immer auch mit dabei. 

Ein Name fehlt, Othella Dallas, die «Königin und Godmother» des Festival da Jazz, wie Sie sie bezeichnen. Sie ist letztes Jahr 95-jährig gestorben. Braucht das Festival eine neue Königin oder vielleicht einen König?

Vielleicht. Aber das wäre dann eine Monarchie mit Volkswahl. Das Publikum bestimmt, wen es in dieser Rolle sehen will.

Neu ist in diesem Jahr der Wettbewerb und das Förderprogramm «JazzLAB.» Wäre es nach zwei schwierigen Jahren nicht einfacher gewesen, auf das Bewährte zu setzen und die Innovation für später aufzusparen?

Das Bewährte ist schön und gut, ich liebe es beim Essen genauso wie in der Musik. Aber das Neue hat halt den Reiz des Neuen. Wir dürfen nie aufhören, in die Zukunft zu investieren. Die heutige Zukunft ist das Bewährte von Morgen.

Sie haben die operative Leitung des von Ihnen gegründeten Festivals 2019 an Ihr Team delegiert. Jetzt aber sind Sie wieder an vorderster Front mit dabei. Geht es nicht ohne Christian Jott Jenny?

Die Pandemie hat wie viele andere Festivals auch unseres in seiner Existenz bedroht. Dass ich mich hier besonders einbringen musste, ist ja logisch. Nun konnten wir sicherstellen, dass das Festival da Jazz auch die nächsten Jahre besteht. Für diese Art Arbeit sind persönliche, langjährige Beziehungen unabdingbar. Man kann diese, gerade in Krisenzeiten, nicht einfach delegieren. Da muss man für das Team da sein. Aber ich muss Sie und mich enttäuschen: Es geht operativ sehr viel auch ohne mich! An sich beruhigend.

Auf welchen Act freuen Sie sich 2021 ganz besonders?

Auf das Frühmorgenkonzert am Lej da Staz um 08.08 Uhr früh mit Lee Ritenour und Dave Grusin. Aber natürlich auf das neue JazzLAB – da bin ich extrem gespannt.

Und verraten Sie uns zum Schluss noch Ihren Geheimtipp für die diesjährige Ausgabe?

Zum ersten Mal führen wir ein Konzert in meiner Lieblingskirche «Au Bois» durch. Diese Kirche ist ein Kraftort für mich und schreit nach mehr. Ich habe dafür bereits ein paar Ideen.

Christian Jott Jenny ist Gründer und künstlerischer Leiter des Festival da Jazz. 

Autor: Reto Stifel

Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo

 


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