Foto: Reto Stifel

Foto: Reto Stifel

Stille Schafferin und Brückenbauerin mit Ambitionen

Am Mittwoch, 25. August, wählt der Grosse Rat Aita Zanetti aus Sent zur Standespräsidentin. Damit ist sie ein Jahr lang die höchste Bündner Politikerin. Ein Porträt einer Bäuerin, die in kurzer Zeit eine sehr steile politische Karriere hingelegt hat. Zu lesen in der EP/PL vom 24. August. 

20 Minuten des Gesprächs sind vorbei. Die Kaffeetasse steht unberührt vor Aita Zanetti, als sie in schallendes Gelächter ausbricht. Grund dafür ist die Frage, ob angesichts ihrer rasanten Politkarriere nicht die Gefahr besteht, dass sie die Bodenhaftung verlieren könnte. «Nicht mit dieser Familie im Rücken. Die würde mich rasch wieder zurückholen.» Eigentlich war die Frage auch eher rhetorischer Art. Aita Zanetti ist keine, die sich in den Vordergrund drängt, die mit geschliffenen rhetorischen Voten die Aufmerksamkeit auf sich zieht, die ihre Arbeit im Parlament an der Anzahl eingereichter Vorstösse beweisen will. Doch wenn sie spricht, dann hat sie etwas zu sagen. Und was sie sagt, wird wahrgenommen von ihren Ratskolleginnen und Ratskollegen. 

Zeit, Interesse, Können?

Herzlich, bodenständig, bescheiden. Adjektive, die immer wieder zu hören sind über Aita Zanetti. Eine auch, die unermüdlich im Hintergrund arbeitet, und doch nicht ohne Ambitionen ist. «Das stimmt», sagt sie. «Man darf nicht immer warten, bis jemand auf einen zukommt und fragt, ob man bereit wäre, ein Amt zu übernehmen. Wenn mich etwas interessiert, ich Zeit habe und mir das zutraue, darf ich meine Ambitionen auch anmelden.» Vor gut einem Jahr war dies der Fall. Als die damalige BDP-Fraktion Kandidaten für das Standesvizepräsidium aufforderte, sich zu melden, stellte sich Aita Zanetti zur Verfügung. «Ich wollte ein Zeichen setzen, dass es auch Frauen gibt, die Interesse haben und dass man auch neue Wege einschlagen kann.» Häufig fällt diese Ehre nämlich langjährigen Mitgliedern des Grossen Rates zu. Solche Gedanken hat sie sich aber nicht gemacht. Sie war interessiert, hatte Zeit und hat es sich zugetraut. Weil sie sich in der fraktionsinternen Ausmarchung durchsetzen konnte, wird sie morgen Mittwoch vom Grossen Rat gewählt – eine reine Formsache.

Grosses Engagement im Kleinen

Nach ersten politischen Erfahrungen im Gemeindevorstand von Sent folgte eine Kinderpause. 2018 wird Aita Zanetti im Kreis Suot Tasna für die BDP in den Grossen Rat gewählt – als Neue und gegen vier Männer mit dem mit Abstand besten Resultat. Dass sie als einzige Frau angetreten ist, mag geholfen haben, auch der Umstand, dass der Kreis Suot Tasna damals aufgrund der Fusion einen zusätzlichen Sitz erhalten hat. Doch Aita Zanettis Stärken liegen auch im Vermitteln, sie bezeichnet sich selbst als Brückenbauerin. Eigen‧schaften, die sie in ihren vielen nicht politischen Ämtern gebrauchen kann. Als Präsidentin des gemeinnützigen Vereins von Sent beispielsweise oder bei ihrer Arbeit in der Regionalgruppe Unterengadin der Pro Juventute Graubünden. Dieses grosse Engagement für die Dorfgemeinschaft in Ämtern, die mit viel Arbeit und kaum Prestige verbunden sind, dürfte ebenfalls zur glanzvollen Wahl beigetragen haben. Im gleichen Jahr schaffte sie auch die Wahl in den Gemeindevorstand von Scuol und wurde Vizepräsidentin der BDP Graubünden. Seit Juni dieses Jahres ist sie Co-Präsidentin der Mitte Graubünden. 

Macht nehmen oder bekommen?

Wie aber geht die bald 51-jährige Mutter von vier Kindern und Bäuerin mit diesem steilen politischen Aufstieg um, wie mit dem Umstand, dass sie innerhalb von kurzer Zeit in den politischen Machtzirkel des Kantons katapultiert worden ist? Sie, die Un‧schein‧bare, die oft im Hintergrund wirkt, hat selber gemerkt, wie mit der Erfahrung und den neuen politischen Ämtern ihr Wort plötzlich mehr Gewicht erhalten hat und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit an ihrer Person gestiegen ist. Für Aita Zanetti ist die zentrale Frage die, ob sich jemand Macht nimmt oder ob sie einem von anderen gegeben wird, durch die Wahl in Kommissionen oder Ämter. Lieber spricht sie von Verantwortung als von Macht – schliesslich habe in der Schweiz zum Glück immer das Volk das letzte Wort. «Wir Politiker tragen Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen, in welchem Ton wir debattieren.» Das Buhlen um Aufmerksamkeit mit Schlagworten, zugespitzte Formulierungen auf Abstimmungsplakaten oder gehässige Schlagabtausche in den Sozialen Medien mag sie nicht. «Wichtig ist mir, dass die gemässigteren Töne ebenfalls gehört werden, auch wenn das für die Medien nicht immer attraktiv ist.»

Heuen macht den Kopf frei

Aufgewachsen ist Aita Zanetti in Sent. Nach der Handelsschule am Hochalpinen Institut (HIF) in Ftan und mit dem Handelsdiplom im Sack, arbeitete sie vier Jahre ausserhalb des Tals, bevor sie mit ihrem Mann ins Engadin zurückkehrte, sie gemeinsam mit ihrem Ehemann einen Bauernbetrieb aufbaute und sie Eltern wurden. Die Aufgaben auf dem Hof sind auf den ersten Blick nach dem klassischen Rollenverständnis aufgeteilt. Ihr Mann Jachen erledigt den Hauptteil der bäuerlichen Arbeiten. Aita Zanetti erklärt es so: «Wir haben die Arbeit nach Talenten aufgeteilt. Maschinenfahren beispielsweise kann ich nicht und ich mache es nicht gerne.» Eine ihrer Lieblingsbe‧schäf‧tigungen ist das Heuen. «Da werde ich immer sehr demütig. Die Arbeit macht den Kopf frei, sie erdet mich.» Häufig gingen ihr in solchen Momenten ungelöste Fragen und Probleme durch den Kopf und sie suche nach Lösungen. Sie ist überzeugt, dass sie von der Arbeit auf dem Bauernhof auch einiges in die Politik mitnehmen kann. «Wie der Bauer, der den Jahreszyklus in seine Planung miteinbeziehen und das Ganze sehen muss, ist es auch in der Politik wichtig, Herausforderungen ganzheitlich anzugehen und sich nicht in den Details zu verlieren.»

Diskussionen am Küchentisch

Politisiert wurde auch am Küchentisch im Elternhaus. Ihre zwei älteren Schwestern erzählten aus der Schule vom zweiten Weltkrieg, von Staatsformen wie der Diktatur oder der Demokratie. «Ich lancierte meinen ersten Vorstoss, in dem ich verlangte, dass Papa ab sofort abwaschen muss. Ich bin kläglich gescheitert – heute macht er es freiwillig», erinnert sie sich lachend. Auch am Küchentisch der Familie Zanetti wurde und wird politisiert, auch wenn dieser immer kleiner wird – nur noch der Jüngste ist regelmässig zu Hause. «Gerade die Corona-Pandemie hat zu hitzigen Diskussionen geführt. Die Jungen konnten die für sie einschneidenden Massnahmen zuerst nicht verstehen. Mir aber war es wichtig, auch ihre Argumente nachvollziehen zu können.» Darum habe sie zuerst gut zugehört, bevor sie die Notwendigkeit der Massnahmen aus ihrer Sicht erklärt habe. «Man muss nicht immer gleicher Meinung sein, wichtig ist mir aber der gegenseitige Respekt», sagt Zanetti.

Auch das HIF hat sie politisiert

«Ich bin für mein Handeln verantwortlich – auch für mein Nicht-Handeln», hat sie einmal in einem Interview gesagt. «Wenn mich etwas beschäftigt und ich überzeugt bin, dass man das ändern kann, kann ich nicht einfach wegschauen», präzisiert sie. Nicht wegschauen konnte sie, als das HIF nach über 200 Jahren 2015 vor dem Aus stand und geschlossen werden sollte. Sie engagierte sich mit anderen im Verein «Pro HIF» und auch dank diesem gelang die Rettung der Schule. Dass «Pro HIF» bei den darauffolgenden, nicht immer einfachen Jahren, nur noch eine nicht für alle sichtbare Rolle spielte, war für Aita Zanetti rückblickend falsch. «Wir haben uns zurückgenommen und die Verantwortung für die Zukunft der Schule anderen übergeben, das würde ich heute anders machen», sagt sie. 

«Eine Standespräsidentin mit Herz»

Wenn sie morgen gewählt wird, vertritt sie den Kanton ein Jahr lang nach aussen. Denn nebst der Leitung der Ratssitzungen sind es vor allem Repräsen‧tationspflichten, die zur Aufgabe der höchsten Bündnerin gehören. «Ich werde eine Standespräsidentin mit Herz sein», sagt sie. Sprich die Ratssitzungen mit dem nötigen Fingerspitzengefühl leiten, Debatten ermöglichen und an den öffentlichen Auftritten sich selber sein und die Werte vertreten, die ihr wichtig sind: Solidarität, Rücksichtnahme, Achtung vor den Mitmenschen, Verantwortung übernehmen. 

Tief verwurzelt im Unterengadin

Und damit sind wir zurück beim Anfang des Gesprächs. Ohne den Rückhalt in ihrer Familie, wäre sie gar nicht erst in die kantonale Politik eingestiegen und hätte sich auch nicht als Standespräsidentin zur Verfügung gestellt. Denn sie wird häufig unterwegs sein, auf dem Bio-Betrieb mit Mutterkuhhaltung fehlen und die Aussicht hoch über dem Talboden auf die Gipfel von S-chalambert, Lischana oder Ajüz weniger oft geniessen können. Doch sie weiss, wo sie ihre Wurzeln hat: Im Unterengadin, in einer Landschaft, die sehr viel Kraft gibt, in einem Tal, welches stolz ist auf seine rätoromanische Kultur, welches sich aber auch vor Neuerungen nicht verschliesst und nicht selten vorangeht: Hier wurde das Projekt «mia Engadina» gegründet, welches sich der Digitalisierung verschrieben hat, hier sind die wichtigen Leistungsträger im Bereich des Gesundheitswesens schon lange unter einem Dach unterwegs. Das freut Aita Zanetti. Sie, die oft als stille Schafferin im Hintergrund daran arbeitet, dass diese Region eine Zukunft hat. Und sie, die nun ein Jahr lang im Scheinwerferlicht der Bündner Politik stehen wird. 

Die Wahlgeschäfte stehen am Anfang der Augustsession, die morgen Mittwoch Nachmittag in Chur beginnt. Das Standespräsidium wird unter den Parteien in einem festen Turnus vergeben, die Wahl ist eine reine Formsache. Die Frage, die jeweils am meisten interessiert ist, wie viele Stimmen die Kandidatin oder der Kandidat macht. Aita Zanetti (Mitte, Suot Tasna) wird Nachfolgerin von Martin Wieland (FDP, Trins). Das Fest zu Ehren der neuen Standespräsidentin findet im Anschluss an die Session ab Samstagmittag in Sent statt. 

Autor und Foto: Reto Stifel


Noch keine Kommentare