Die St. Moritzer Reithalle mit dem charakteristischen Dach. Die Zukunft des 1910 erstellten Bauwerkes dürfte sich bis spätestens Ende des kommenden Jahres entscheiden. 
Foto: Reto Stifel

Die St. Moritzer Reithalle mit dem charakteristischen Dach. Die Zukunft des 1910 erstellten Bauwerkes dürfte sich bis spätestens Ende des kommenden Jahres entscheiden. Foto: Reto Stifel

Kehrt in die alte Reithalle neues Leben ein?

Die 1910 erbaute St. Moritzer Reithalle befindet sich in einem baulich schlechten Zustand. Was machen? Um diese Frage zu klären, soll die Sanierung und Neunutzung vertieft abgeklärt werden. Der Kredit ist umstritten.

Eines muss gleich zu Beginn klargestellt werden: Die im Titel gestellte Frage kann in diesem Text nicht beantwortet werden. Damit tatsächlich neues Leben in die alten Mauern einkehren kann, müssen zwei Hürden genommen werden. Die erste: Wenn am 26. September der St. Moritzer Souverän über einen Kredit von 1,5 Millionen Franken für das Projekt der Sanierung und Neunutzung der Reithalle abstimmt, muss ein Ja fallen. Damit in gut einem Jahr wiederum die St. Moritzer Stimmbürgerin-nen und Stimmbürger über den Baukredit befinden können – die zweite Hürde. 

Über eine umfassende Sanierung und eine neue Nutzung wird bereits seit 2013 diskutiert. Damals musste die Halle über Nacht geschlossen werden – wegen akuter Einsturzgefahr. Dass sich die Reithalle heute, acht Jahre später, in einem sehr schlechten baulichen Zustand befindet, erstaunt wenig. Das ist auch nicht umstritten. Nur, was machen? Sanieren und wieder nutzen oder das unter kommunalem Schutz stehende Gebäude zerfallen lassen respektive in letzter Konsequenz abreissen? Dieser Grundsatzentscheid spaltet die Gemüter. Das hat die Diskussion im Gemeinderat gezeigt, und das zeigen die Diskussionen im Leserforum dieser Zeitung und in den sozialen Medien.

 

Kosten und Priorisierung in der Kritik 

Im Gemeinderat kam die Kritik vor allem aus den Reihen der CVP und der SVP. Moniert wurde, dass es in St. Moritz dringendere Projekte gebe als die Reithalle, beispielsweise das neue Schulhaus. Auch die Kosten waren ein Thema: 1,5 Millionen Franken alleine für die Projektierung, dazu Investitionskosten von 15,5 Millionen (inklusive dem Projektierungskredit). Bauchweh bereitet den Gegnern auch, dass das Nutzungskonzept noch nicht vorliegt, dieses aber einen grossen Einfluss auf die später jährlich anfallenden Betriebskosten hat. 

 

«Identifikationsobjekt am See»

Gemeindepräsident Christian Jott Jenny kennt diese und andere Kritikpunkte. Wenn er Stellung nimmt, will er das ausdrücklich im Namen des Gemeindevorstandes machen. «Mit dem Projektierungskredit können die Möglichkeiten der Reithalle sowohl räumlich, statisch als auch architektonisch aufgezeigt werden», sagt er. Auch würden die Möglichkeiten der künftigen Nutzungen geklärt und die dafür notwendigen Investitions- und Betriebskosten eruiert. «Nicht Betreiber und Betriebskonzept geben vor, was das Gebäude zu leisten hat. Die Möglichkeiten des Gebäudes geben vor, welche Nutzungen umsetzbar sind.» Er sieht die Reithalle als ein Identifikationsobjekt am See mit einer prädestinierten Lage für einen Ort der Begegnung. «Wir sollten diesen Diamanten nutzen, wenn wir ihn schon vor der Tür haben», fügt er an. Auch das Argument der nicht nachvollziehbaren Priorisierung will er nicht gelten lassen. Die Diskussionen des Gemeinderates zur Infrastrukturplanung der letzten zehn Jahre hätten gezeigt, dass die Ertüchtigung der Reithalle immer oberste Priorität genossen habe. «Der schlechte Zustand macht ein Handeln jetzt aber absolut zwingend.»

 

Fehlt ganzheitliche Betrachtung?

Die Reithalle am See steht heute längst nicht mehr alleine. Sie ist von verschiedenen Liegenschaften umgeben, deren Zukunft teilweise offen ist. Beispielsweise die Eisarena Ludains. Braucht es die noch, wenn allenfalls mal eine regionale Eishalle an einem anderen Standort gebaut wird? Oder die Postgarage, an deren Stelle ein neues Einkaufszentrum zu stehen kommen soll. Fehlt also die ganzheitliche Betrachtung? 

Die Frage danach, ob dieser exponierte Standort mit verschiedenen Nutzungen mit dem Reithallen-Projekt isoliert angegangen wird, verneint Jenny. Er verweist auf die Vision und Raumstrategie «St. Moritz 2030», welche mit der Bevölkerung zusammen erarbeitet und als strategische Grundlage im kommunalen räumlichen Leitbild konkretisiert worden sei. In diesem sei die Reithalle eines von sieben Schlüsselthemen. Wie auch die Seeuferaufwertung. Darum habe der Gemeindevorstand die Erarbeitung einer Nutzungs- und Gestaltungsstudie für den ganzen Seeuferraum in Auftrag gegeben. Ebenfalls verweist er auf die parallel verlaufende Bearbeitung eines Gesamtverkehrskonzeptes. Mit diesen beiden Projekten könnten die Anlie‧gen des Verkehrs und der Landschaft mit dem Bauprojekt Reithalle abgeglichen werden. «Der Raum Ludains wird vom Gemeindevorstand absolut als Ganzes betrachtet», betont er. 

 

Zwei unterschiedliche Projekte

In den Diskussionen ist ebenfalls ein gewisser Unmut darüber zu spüren, dass das regionale Eishallenprojekt auch fünf Jahre nach der deutlichen Zustimmung nach wie vor auf sich warten lässt – St. Moritz klärt zurzeit ab, ob eine Halle am Standort Signal zu realisieren wäre – während die Reithalle nun prioritär umgesetzt werden soll. «Eishalle und Reithalle sind zwei unterschiedliche Projekte», sagt Jenny. Beide würden in den strategischen Überlegungen der Gemeinde eine hohe Priorität einnehmen. Aber: «Die Ausarbeitung eines Vor- und Bauprojektes für die Reithalle kann nicht abhängig gemacht werden vom Standort einer Eishalle.» 

Am kommenden Dienstag findet eine Informationsveranstaltung zur Reithalle statt. Ab 14.30 Uhr kann die Reithalle besichtigt werden, um 18.15 Uhr gibt es einen Apéro und um 19.00 Uhr wird zu den bisher getätigten Abklärungen und den geplanten Nutzungsmöglichkeiten informiert, danach folgt eine Diskussion. Für den öffentlichen Anlass besteht eine Covid-Zertifikatspflicht.

 

Die bewegte Geschichte der St. Moritzer Reithalle

Die vom St. Moritzer Architekten Nicolaus Hartmann jun. entworfene Reithalle in St. Moritz hat eine nur kurze bauliche Entstehungsgeschichte. Ende Juli 1910 wurde das Baugesuch bewilligt und in den Monaten Oktober und November des gleichen Jahres für knapp 16 000 Franken erbaut und der Reitsektion des Rennvereins zur Nutzung übergeben. Die Halle wurde mit gebogenen, in Schichten verleimten Holzträgern nach der Idee von Otto Hetzer gebaut. Eine damals neuartige Konstruktion, welche die grossen Spannweiten der stützfreien Halle überhaupt erst ermöglichte. Doch die Holzkonstruktion vermochte die statischen Anforderungen von Beginn an nicht zu erfüllen, es folgten mehrere Renovationen. 

1990 übernahm die Gemeinde die Reithalle vom Kurverein St. Moritz. Mit Auslaufen des Pachtvertrages wurde der Reitbetrieb eingestellt. Hätte er sowieso müssen, denn im November 2013 musste die Halle aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Bereits 2012 ist untersucht worden, ob eine Gesamtplanung über das Areal mit dem Bau von Pferdestallungen möglich wäre. Im gleichen Jahr wurde auf private Initiative ein Erweiterungsbau mit einem Kino geprüft. 2016 ging die Gemeinde auf Projekt- und Investorensuche. Das Projekt «Reithalle Futuro» wurde weiterverfolgt, im Sommer 2018 aber aufgegeben. 

2020 hat die Gemeinde ein Planungsteam beauftragt, eine Lösung für die Sanierung und die Neunutzung der Reithalle auszuarbeiten. Dieses wurde präsentiert und ist Basis der Abstimmungsbotschaft am 26. September. Sofern der Souverän den Projektierungskredit von 1,5 Mio Franken genehmigt, wird in einem nächsten Schritt das Vor- und dann das Bauprojekt ausgearbeitet. 

Autor und Fotos: Reto Stifel


1 Kommentar

Fortunat am 13.09.2021, 21:10

Baut ein Altersheim! Die Zukunft sind die Alten