Beim Thema "Feuerwerk scheiden sich die Geister: Nicht mehr zeitgemäss oder eine Tradition, die es fortzuführen gilt? Foto: Daniel Zaugg

Beim Thema "Feuerwerk scheiden sich die Geister: Nicht mehr zeitgemäss oder eine Tradition, die es fortzuführen gilt? Foto: Daniel Zaugg

«Feuerwerke sind einfach nicht mehr zeitgemäss»

Verspätet abgefeuerte Silvesterraketen haben bei der St. Moritzerin Martina Gorfer für einen Start mit Schock ins neue Jahr geführt. Schon vor dem einschneidenden Ereignis stellte die Gemeinderätin traditionelle Feuerwerke ganz generell in Frage.

Am Abend des 2. Januar führte Martina Gorfer ihren Hirtenhund-Mischling Nina zum Auslauf auf den St. Moritzersee. Die Hündin durfte von der Leine, und just in dem Augenblick wurden in der Nähe Silvesterraketen in den Abendhimmel gefeuert und explodier-ten mit lautem Knall. Der Vierbeiner hat sich ob der Detonation derart erschrocken, dass er in der Folge in den nahen Wald geflüchtet ist. «Ich konnte meine Hündin danach nicht mehr finden und hab mir natürlich sehr grosse Sorgen gemacht», sagt die Hundehalterin. Die Suche nach der ausgebüxten Hündin war mit grossem Aufwand und nach zwei langen Tagen endlich von Erfolg gekrönt. 

Viel Unterstützung

«Ich habe auf den sozialen Medien gepostet, dass mein Hund vor dem Feuerwerk geflohen ist und vermisst wird», sagt die Juristin. Dabei habe sie sehr viel Unterstützung erfahren, aber auch viele Meldungen von Tierbesitzern, die mit ihren Vierbeinern an den Tagen rund um Silvester und den 1. August grosse Probleme haben. «Es waren nicht nur Hundebesitzer darunter, auch Halter von Katzen und Pferden haben immer wieder Probleme durch die grossen Knallereien, die schon während des Tages losgehen und noch Tage nach dem eigentlichen Ereignis andauern.» Aufgefallen ist ihr bei all den Reaktionen, dass die meisten die traditionellen Feuerwerke als unsinnig und nicht mehr vertretbar erachten.«Für die meisten überwiegen die zahlreichen negativen Auswirkungen.» Sie störten sich an der hohen Feinstaubbelastung durch Feuerwerke und seien auch um das Wohl wilder Tiere wegen der Lärmemissionen besorgt, so die Rechtsanwältin. Gorfer teilt diese Sorgen und verweist dabei auf Stellungnahmen des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) im Rahmen eines Bundesgerichtsentscheides von 2019. Das Bafu führt dabei unter anderem aus, dass «das Gehör und das Wohlbe-finden von Tieren durch Knallgeräu-sche gefährdet werden könnte. Feuerwerke können bei Tieren insbesondere zu einer Erhöhung der Herzfrequenz führen und Ausweichbewegungen, Flucht und Aborte zur Folge haben.» Dies decke sich auch mit Untersuchungen des Schweizer Tierschutzes, wonach die Knalleffekte zum Beispiel bei Hunden zu Stress und Angst führen, mit Symptomen wie Hecheln, Zittern, Fluchtversuchen, Aufreissen der Pupillen, erhöhter Herz- und Atemfrequenz und bei der oft panikartigen Flucht Verletzungs- und Unfallgefahr bestehe, so Gorfer.Nicht nur das Tierwohl beschäftigt die FDP-Gemeinderätin. Auch die Feinstaubbelastung durch Feuerwerke und der dazugehörende Abfall sind Thema: «In einer Zeit, in der Umweltschutz und Klimaveränderungen im Bewusstsein der Menschen angekommen sind, ist es einfach nicht mehr zeitgemäss, dass zum Beispiel der St. Moritzersee bei grossen Feuerwerken regelrecht mit Feinstaub, Russ und ausgebrannten Raketen zugedeckt wird.» 


360 Tonnen Feinstaub

Gemäss Bafu werden in der Schweiz jährlich rund 2000 Tonnen Feuerwerkskörper verbraucht und dadurch 360 Tonnen Feinstaub emittiert. Das entspreche knapp zwei Prozent der jährlichen Feinstaubemissionen. Und durch den Abbrand von Feuerwerken würden auch Metalle wie Kalium, Aluminium, Barium und Magnesium freigesetzt sowie geringe Mengen an kanzerogenen und persistenten, also schwer abbaubaren organischen Schadstoffen. Martina Gorfer will in nächster Zeit den Puls der Bevölkerung in St. Moritz zum Thema Feuerwerk fühlen und bei genügend Rückhalt politisch aktiv gegen das Abbrennen von Feuerwerk werden. «Kein Gast wird deswegen St. Moritz den Rücken kehren – im Gegenteil.» St. Moritz habe schliesslich mit der Drohnenshow vom letzten Neujahrstag bewiesen, dass der Tourismusort innovativ und mutig genug ist, neue Wege zu beschreiten.Zumindest was die offiziellen Neujahrsfeiern angeht, dürfte künftig in St. Moritz kaum mehr in den Himmel geballert werden. Auf Anfrage sagt Adrian Ehrbar, Direktor St. Moritz Tourismus: «St. Moritz Tourismus plant auch in Zukunft eine nachhaltige Neujahrsfeier. Wir hatten nach der sehr erfolgreichen Drohnenshow am 1. Januar 2020 auch für 2021 eine geplant. Aufgrund der aktuellen Situation mussten wir aber auf eine Durchführung verzichten.» Damals hätten sich über 4000 Leute vor Ort eingefunden. Auch sei das mediale Interesse ebenfalls sehr gross gewesen – auch international. «Das nächste Mal findet am 1. Januar 2022 in St. Moritz eine Drohnenshow statt», verspricht Ehrbar, und: «nicht ausgeschlossen ist auch, dass wir an einem anderen Termin zu einer passenden Gelegenheit die neue Technik einsetzen werden.»St. Moritz Tourismus habe sehr viele positive Rückmeldungen erhalten – von Gästen, von Einheimischen wie auch aus der ganzen Welt. «Dies hat uns sehr gefreut und uns bestätigt. Vereinzelt gab es auch kritische Stimmen, die sich ein Feuerwerk zurückwünschen. Diese Stimmen sind aber ganz klar in der Minderheit», so Ehrbar.Von einem generellen Feuerwerksverbot hält der Touristiker nicht viel, denn: «Von Verboten sehen wir in St. Moritz generell und wenn immer möglich, ab. St. Moritz zeichnet sich seit vielen Jahrzehnten genau aus dem Grund aus. In St. Moritz kann jeder so sein, wie er möchte. Deshalb verzeichnen wir eine grosse Dichte an Künstlern und Querdenkern, die St. Moritz besuchen und hier teilweise sogar sesshaft sind.‧»

St. Moritz setzt auf Zeitgeist

Ausserdem sei St. Moritz Tourismus überzeugt, den Zeitgeist getroffen zu haben. Eine Drohnenshow verursache keinen Feinstaub, und die Tierwelt werde nicht durch Knaller erschreckt. Wenn in der Gesellschaft Feuerwerksveranstaltungen plötzlich nicht mehr «in» seien, würden sie von selbst abnehmen und ganz verschwinden. «Eine Tendenz in diese Richtung ist nicht nur bei uns klar erkennbar, sondern auch international. Und wir sind überzeugt, dass es in diese Richtung geht. Denn die ökologischen Themen, die wir weltweit haben, nehmen eine immer grössere Rolle in der Wahrnehmung unserer Gäste und der nächsten Generationen ein», hat Ehrbar gute Nachrichten für Martina Gorfers Hund Nina und all die anderen vom Lärm gepeinigten Vierbeiner.

Foto und Autor: Daniel Zaugg


18 Kommentare

Iris Caprez Jerg, Celerina am 26.01.2021, 12:23

Wir sind genau gleicher Meinung, wie Frau Gorfer. Feuerwerke gehören der Vergangenheit an. Es ist zwar schön anzusehen aber der Lärm ist alles andere als toll. Unsere Hunde sind danach ziemlich gestört und auch für die Wildtiere bedeutet das Stress pur. Wir würden einen ruhigen Silvester und 1. August sehr begrüssen.

Christa Hedinger am 26.01.2021, 12:36

Viele Menschen freuen sich an den Feuerwerken am Silvester und zum Nationalfeiertag, ich zähle mich dazu! Da man diese Freude nur 2 x pro Jahr geniessen darf, sehe ich keinen Grund, wieder einmal etwas zu verbieten. Einige Leute stören sich daran, viele Leute geniessen es... warum immer sofort ein Verbot fordern???

Hans am 26.01.2021, 15:10

Sehe ich genau gleich, Frau Hedinger. Wegen den zwei Tagen im Jahr braucht es nun wirklich nicht noch ein weiteres Verbot!

Ursula Picenoni am 27.01.2021, 05:01

vielleicht sollte man für einmal etwas mehr an Tiere und Umwelt denken und nicht egoistisch an sich selbst! Ich bin auch dagegen

Edith Schmid am 27.01.2021, 17:45

Wäre das nur 2 x pro Jahr zu vorbestimmten Zeiten könnte man noch damit umgehen aber es muss an Silvester und 1. August jeweils bis zu einer Woche damit gerechnet werden dass irgenwo ein Knall abgeht und das ist unkotrollierbar und sehr mühsam für jegliche Tiere. Denken sie mal an die Wildtiere bei über einem Meter Schnee wohin sollen sie fliehen?? wäre toll wenn sich die "hegende und pflegende" Jägerschaft mal für ein solches Knallverbot stark machen würde und zwar nicht nur in St. Moritz sondern in der ganzen Region! Zu erwähnen wäre auch noch der ganze Abfall der bei Schneeschmelze ans Tageslicht kommt. Eine schöne Drohnenshow wäre schön entspannt zu geniessen, wauw!

Monica Wagner am 28.01.2021, 10:23

Es ist ja nicht nur die Knallerei am Silvester, auch am ersten 1. August (leider auch vorher und nachher) wird sinnlos Feuerwerk gezündet, ebenfalls an den zahlreichen privaten Feiern, für die ja St. Moritz mit Ihren Reichen eine Hochburg ist. Sind also also einige Anlässe im Jahr. Die Tiere müssen da sehr leiden, nur weil egoistische Menschen wie Sie, ihr Vergnügen haben wollen. Feuerwerke gehören abgeschafft!

Heidy Puorger am 28.01.2021, 12:26

Sehe ich auch so ich mag Feuerwerke 2x im Jahr, Tierbesitzer müssen halt Ihre Tiere in dieser Zeit zu Hause betreuen und nicht feiern gehn, oder die Hunde mitnehmen (war auch Hundebesitzerin)

Judith Frommelt am 26.01.2021, 12:52

Ich bin der selben Meinung wie Iris Caprez Jerg. Für unsere Hunde und Wildtiere ist es Stress pur. Dazu kommt, dass die Knallerei schon Tage davor beginnen und erst Tage danach endet. Bitte kein Feuerwerk mehr!!

Engadiner am 26.01.2021, 14:01

Feuerwerk ja, aber nur an Silvester von 24:00 bis 01:00, 1. August von 09:30 bis 23:00. Und nicht bereits am 27. Dezember bis 4. Januar oder 3. August zu jeder Tages- und Nachtzeit. Alle anderen möglichen Feuerwerke müssen von der Gemeinde bewilligt werden. Entsorgungsgebühr für jeden verkauften Feuerwerkskörper erheben. St. Moritzer See sowie Zirkuswiese gleicht am 1. Januar einem Schlachtfeld und muss mühsam vom Bauamt gereinigt werden.

Anna, Celerina am 26.01.2021, 15:47

Ich finde auch dass Feuerwerke für alle Tiere Stress bedeuten. Meine Katze versteckt sich aus lauter Panik stundenlang unter der Couch.

Wyss Arno am 26.01.2021, 15:51

Ich würde ein Verbot sehr unterstützen! Ich hatte Pferde und Hunde und ich konnte diese Feste nie geniessen, weil ich bei den Tieren bleiben musste! Habe diese sinnlose Knallerei sehr gehasst!

Doris Stocker am 26.01.2021, 17:39

Ich bin auch der Meinung, Feuerwerk gehört der Vergangenheit an!

Elisabeth Danuser am 26.01.2021, 19:27

Auch ich bin der Meinung mit dieser unnötiger Knallerei aufzuhören.

Hansjörg Hosch am 27.01.2021, 14:33

Mich stören diese Feuerwerke schon seit Jahren. Ich finde es auch gar nicht schön. Man schaue sich den Irrsinn des Feuerwerkes in Tokyo an, der neulich zur Ankündigung der Olympischen Spiele abgefeuert wurde! "Triumph des Willens". Die Dominanz der Menschheit über die Natur darf nicht so weitergehen.

Martin am 27.01.2021, 17:39

Bitte kein Totalverbot von traditionellen Aktivitäten! An 363 Tagen verbieten und an zwei Tagen erlauben, das wäre ein fairer Kompromiss!

Silvia Nicol-Jourdan am 27.01.2021, 20:48

Endlich! Diese Frage hätte längst gestellt werden müssen. Ohne Feuerwerke lässt sich bestens leben, aber weniger gut mit den Schäden den sie anrichten! Die gedankenlos in die Luft geschleuderten Geldmengen fühlten sich wohler dort, wo sie dringend benötigt werden . Gefragt ist Vernunft nicht Unsinn.

Mathilde Kaiser am 28.01.2021, 10:11

Seit über 40 Jahren denke ich, wie unsinnig das Abbrennen von Knallkörpern ist. Mein Mann hat auf die Feinstaubkonzentration mit Asthma reagiert. Für unsere Söhne war dadurch klar, dass wir kein "Knallzeug" kauften. Unser Hund litt auch erbärmlich. Das Argument, was ich entgegen nehmen musste, war, mein Denken sei geschäftsschädigend und gefährde Arbeitsplätze !

Flurina Caviezel am 30.01.2021, 09:06

Endlich handelt Frau Gorfer!! Leider bin ich immer auf taube Ohren gestossen! Unsere Wildtiere, Haustiere und die Natur leiden unter diesem Krach und Abfall. Der Gestank danach im Tal mit dem Nebel schrecklich. Die Feinstaubbelastung sowie die Schwermetallbelastung durch Feuerwerk sind anschliessend in der Umwelt gut nachweisbar und nicht gesund für Mensch und Tier. Vom Abfall, welcher nach 72 Std. immer noch auf dem See auffindbar war (!!!!) nach den verschiedenen grossen Festen die letzten 3 Jahre ganz zu schweigen! Da es ja nicht normal geht und nur 2x im Jahr vorkommt für ein paar Std, bin ich dafür, dass wir es verbieten. Wieder einmal etwas verbieten was früher nicht so laut und gross war und dazu noch schön, ist schade aber wenn es die Leute nicht begreifen dann muss man handeln. Es gibt nichts schöneres als ein grosses 1. August Höhenfeuer auf den Bergen! Aber dazu braucht es keinen Krach und Gestank.