Lois Hechenblaikner ist Co-Autor des Buches «Keine Ostergrüsse mehr!» über die geheime Gästekartei des Grandhotels Waldhaus in Vulpera (Foto: Markus Korn).

Lois Hechenblaikner ist Co-Autor des Buches «Keine Ostergrüsse mehr!» über die geheime Gästekartei des Grandhotels Waldhaus in Vulpera (Foto: Markus Korn).

Der Blick von aussen

Der Fotograf Lois Hechenblaikner widmet sich seit Mitte der 1990er-Jahre Motiven des Tiroler Fremdenverkehrs und polarisiert durch einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen vom Massentourismus. Für die EP/PL analisiert er und kommentiert die touristische Zusammenarbeit über die Grenzen. 

Mit zwanzig Jahren bin ich das erste Mal ins Engadin gekommen, und das ist nun genau dreiundvierzig Jahre her. Ich besuchte einen Freund, der damals in La Punt als Koch bei Edi Hitzberger im inzwischen geschlo‧ssenen Gourmet-Restaurant Chesa Pirani arbeitete. Jeder halbwegs tüchtige Österreicher, der damals in der Gastronomie arbeitete, strebte danach, in einem Hotel oder Restaurant in der Schweiz zu arbeiten, denn ein Arbeitszeugnis von dort galt in Österreich als Startrampe für eine künftige Karriere in der Hotellerie. Auf diese Art und Weise bildete die Schweiz ihre strebsamen Nachbarn und Mitbewerber aus: die Tiroler. Über die Jahre hinweg emanzipierte sich der Lehrling, und mit viel Fleiss, Ehrgeiz und bäuerlicher Gewitztheit überholte er seinen im Wohlstands- und Gemütlichkeitsschnarchschlaf befindlichen Schweizer Lehrherrn. 

Viele Schweizer verbringen seit Jahren ihren Urlaub in Österreich, weil sie im Preis-Leistungs-Verhältnis bei uns das deutlich günstigere Angebot erhalten. Der Grund dafür ist jedem bekannt: die Kostenstruktur in der Schweiz ist eine ganz andere als jene im Nachbarland Österreich. Und das ist auch schon der entscheidende Nachtteil, mit dem die personalintensive Tourismuswirtschaft der Schweiz leben muss: Sie kann schlicht und einfach nicht diese im Verhältnis günstigen Preise wie in Tirol oder in anderen Landesteilen Österreichs bieten. 

Deshalb braucht die Schweiz – und gerade das Oberengadin – Gäste einer zahlungskräftigen sozialen Schicht, die sich dort einen Urlaub leisten können. Doch je elitärer die Zielgruppe, umso grösser ist der Kampf um diese besondere Zielgruppe. 

Ich persönlich mache mir keine Illusionen: Eine ernstzunehmende strategische Zusammenarbeit zwischen Tiroler und Engadiner Tourismusorganisationen wird es auch in Zukunft wohl eher nicht geben. Zu unterschiedlich sind die Rahmenbedingungen und die Ausgangslage. Ausserdem ist jede Tourismusorganisation voll und ganz mit ihrer Basisaufgabe beschäftigt, ihre eigenen Betten zu bewerben. Tirol weist derzeit ca. 340 000 Gästebetten in allen Kategorien auf. Und wir wissen inzwischen auch, dass wir ca. 35 000 Betten zu viel haben. So weit die ernüchternden Zahlen, welche uns doch irritieren und uns erst einmal an das Eigene denken lassen. Es gibt dabei allerdings eine goldene Ausnahme: Samnaun und Ischgl. Diese wirtschaftliche Zusammenarbeit beruht aber massgeblich auf einer geografischen Ausgangslage. Nichts lag in diesem Fall näher als eine Zusammenarbeit. Und die Silvretta Seilbahn AG ist nun mal unbestritten eines der besten, modernsten und leistungsfähigsten Seilbahnunternehmen Österreichs.

Auch wenn Touristiker im und aus dem Engadin immer wieder bewundernd über die Grenzen nach Tirol blicken und bei unseren Bettenauslastungszahlen feuchte Augen bekommen, so kann ich nur zu einem raten: Lassen Sie sich nicht täuschen! Alleine der alljährlich wiederkehrende Verkehrswahnsinn des Zillertales sollte allen eine deutliche Warnung sein. Das ist nichts anderes als das touristische Venedig-Syndrom, übertragen in die Berge. So etwas wäre für das Engadin geradezu selbstzerstörerisch. Schon einmal streute der Vorstand der Tourismusabteilung der Tiroler Landesregierung, Dr. Gerhard Föger, beim Wirtschaftsforum Südostschweiz in Chur den Schweizer Touristikern Tiroler Sand in die Augen. Und ich sage dazu: Lassen Sie sich nicht von Tiroler Zahlen blenden!

Der besondere Charme des Engadins lebt von seiner einmaligen Topografie und von einer Kulturlandschaft, die grosse Künstler, Dichter und Denker immer wieder magisch angezogen hat. Und diese Menschen strebten niemals nach lärmenden Massen und einer Unterhaltung, die unter der Ebene von Haltung zu finden ist. Es gibt aber nicht den geringsten Grund, sich zurückzulehnen und nur auf seine Landschaft stolz zu sein. Die Aufgaben der Zukunft sind komplex, und die Dynamik des Wandels vollzieht sich immer rascher. Teure strategische Konzepte sind heute sehr schnell oft schon wieder Schall und Rauch, und nicht einmal das Papier wert, auf das sie sündteure Marketing-Gurus druckten. Die nächste Generation von Touristikern steht vor gewaltigen Aufgabenstellungen, um sich wieder neu hervorzubringen. Viel Glück und Kraft bei dieser gewaltigen Aufgabenstellung, möge sie gelingen. 

Kolumne: Lois Hechenblaikner


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