Foto: Daniel Zaugg

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Etliche Engadiner Gemeinden sind attraktive Wohnorte

Was macht die Attraktivität eines Wohnortes aus? Mit dieser Frage hat sich das Wirtschaftsforum befasst und Kriterien definiert. Die Rangliste überrascht nicht. Oberengadiner Gemeinden sind auf den Spitzenplätzen zu finden.

«Man ist dort zu Hause, wo das Herz zu Hause ist», antwortet Gian Peter Niggli auf die Frage, was für ihn persönlich eine attraktive Gemeinde ausmacht. Wohlfühlen muss sich Niggli an seinem Wohnort, und er schätzt es, wenn möglichst viele Dienstleistungen vor Ort verfügbar sind. 

Gian Peter Niggli ist auch Gemeindepräsident von Samedan und in dieser Funktion darf er sich über den dritten Gesamtrang seiner Gemeinde in einem Rating über die Wohnattraktivität der Bündner Gemeinden freuen. Erstellt worden ist die Rangliste anhand verschiedener Standortfaktoren des Wirtschaftsforums Graubünden. 

«Die wunderbare Natur- und Kulturlandschaft, gleichzeitig aber auch die Nähe zu Zentren wie München, Venedig oder Verona schätze ich an meinem Wohnort ganz besonders», sagt Gabriella Binkert Becchetti als Privatperson. Sie ist Gemeindepräsidentin der Gemeinde Val Müstair. 37 Punkte hat Müstair im Rating erhalten, gerade mal die Hälfte von Samedan und gleichbedeutend mit dem letzten Rang unter den Südbündner Gemeinden. 

 

Auch Müstair kann einiges bieten

Überrascht hat sie die schlechte Rangierung aufgrund der Bewertungskriterien nicht. Auf dem Papier, dem Masterplan für die künftige Entwicklung der Gemeinde Val Müstair, seien die Probleme erkannt und Lösungsansätze aufgezeigt. «Jetzt gilt es, diese umzusetzen», sagt Binkert Becchetti. Arbeitsplätze schaffen beispielsweise für Leute, die in der Gemeinde Wohnsitz nehmen, sich aktiv am Dorfleben beteiligen und Steuern bezahlen. Das könnten Einheimische sein, «Jauers», die einmal weggezogen sind und jetzt wieder zurückkehren möchten. Offene Stellen gibt es gemäss Binkert durchaus. Im Spital beispielsweise oder der Firma Hoppe, einem grossen privaten Arbeitgeber. Diese zu besetzen sei aber zurzeit schwierig. 

Dabei könnte die Val Müstair Zuzügern einiges bieten. Neben der hohen Lebensqualität eine gute Schulinfrastruktur und bezahlbaren Wohnraum. Binkert Becchetti weiss aber auch, wo die infrastrukturellen Defizite der Gemeinde liegen. «Bei der Digitalisierung müssen wir unbedingt vorwärts machen», sagt sie. Zudem könnte ein Projekt wie «La Sassa», ein Ferienressort mit direktem Anschluss ans Skigebiet Minschuns, neue Arbeitsplätze schaffen und Freizeitangebote, welche sich wiederum positiv auf den Tourismus auswirken würden. Nicht punkten kann Müstair bei den Steuern. Der Steuerfuss liegt bei sehr hohen 120 Prozent der einfachen Kantonssteuer, die Gemeinde befindet sich in der Finanzkraftklasse vier von fünf. 

 

Samedan: «Auf dem richtigen Weg»

Diesbezüglich spielt die Gemeinde Samedan in der «Premier League». Nach Jahren, in denen ein strikter Sparkurs verordnet war, wurde der Steuerfuss im vergangenen Dezember von der Gemeindeversammlung von 95 auf 85 Prozent gesenkt. Wäre das bereits in die Bewertung der Wohnattraktivität eingeflossen, hätte Samedan mit seinen 74 Punkten wohl noch Davos mit nur einem Punkt mehr abgefangen und wäre auf Rang zwei gelandet. Hinter Chur, welches mit 81 Punkten unange‧foch‧ten den Spitzenrang belegt. 

«Wir freuen uns sehr über diese ausgezeichnete Rangierung. Es zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Gian Peter Niggli. Wenig überraschend hat der Zentrumsort Samedan mit einem guten Bildungs-, Gesundheits- und Freizeitangebot gepunktet. Aber auch mit den Einkaufsmöglichkeiten, dem schnellen Internet, den Co-Working-Angeboten und der Verkehrserschliessung. Abzüge gab es für den immer noch recht hohen Steuerfuss, für den Arbeitsmarkt, vor allem aber für den verfügbaren Wohnraum für Einheimische. Dieses Problem ist gemäss Niggli schon seit längerem erkannt und werde angegangen. Samedan sei in der glücklichen Lage, nicht wie viele andere Gemeinden aufgrund des Raumpla‧nungsgesetzes Rückzonungen vornehmen zu müssen. Zudem habe man rund 16 000 m2 Land, welches sich im Besitze der öffentlichen Hand befinde (Politische-, Bürger- und Kirchgemein‧de). 

 

Elf Standortfaktoren berücksichtigt

Für die Bewertung aller Bündner Gemeinden hat das Wirtschaftsforum die elf Standortfaktoren Täglicher Bedarf, Freizeit Kultur, Freizeit Sport, Verkehrserschliessung, Gesundheitsversorgung, Co-Working-Angebote, Arbeitsmarkt, Schnelles Internet, Steuern, Wohnraum und Schulen Kitas in die Bewer‧tung miteinbezogen. Wenig überraschend schneiden Tourismus- und Zentrumsgemeinden in der Bewer‧tung gut ab. Auf Rang vier St. Moritz mit Thusis, auf Rang fünf Celerina und Laax, und auf Rang sechs ist Pontresina. Dass periphere Gemeinden in der Rangliste die hinteren Plätze belegen überrascht auch nicht. Der Bezirk Moesa beispielsweise mit seinen Kleinstgemeinden Buseno oder St. Maria im Calancatal, welche mit 24 respektive 26 von 100 möglichen Punkten die beiden letzten Plätze belegen. Aber auch in Südbünden ist das Gefälle zwischen dem Ober- und dem Unterengadin respektive den Seitentälern gross. Scuol und Samnaun befinden sich mit ihren 56 Punkten zwar noch im kantonalen Mittelfeld, Ramosch (38) und Val Müstair (37) sind aber bereits im hinteren Teil der Rangliste zu finden. 

 

Chance, um Abwanderung zu stoppen

Das muss nicht immer so bleiben. Gemäss dem Wirtschaftsforum hat der schnelle Wandel in der Arbeitswelt vielschichtige Auswirkungen auf verschie‧denste Akteure. Der Arbeitsmarktradius vergrössert sich, Arbeits- und Wohnort müssen nicht mehr zwingend nahe beieinander liegen. Das hat gerade auch die Corona-Pandemie gezeigt – Stichwort hybride Arbeitsmodelle. «Dies könnte seit langem eine der grössten Veränderungen für die Bündner Gemeinden im Berggebiet darstellen und der Abwanderungs- und Überalterungstendenz etwas entgegenwirken», kommt das Wirtschaftsforum zum Schluss. Die Verfasser des Berichtes empfehlen den Gemeinden unter anderem auf Zweitheimische zu setzen. Wenn es gelinge, diese zu vermehrten beziehungsweise längeren Aufenthalten oder gar zur Verlegung des Erstwohnsitzes nach Graubünden zu bewegen, resultierten daraus positive Wertschöpfungseffekte, was sich schlussendlich auch auf die ständige Wohnbevölkerung positiv auswirke. 

Der Bericht «‹Do bin i dahai› - Wohnattraktivität der Bündner Gemeinden» sowie die Auswertungen pro Gemeinde können unter der Rubrik «Projekte» auf www.wirtschaftsforum-gr.ch heruntergeladen werden.

Autor: Reto Stifel

Foto: Daniel Zaugg


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