«Nicht zu viel wollen», lautete der Abstimmungskommentar in dieser Zeitung vor gut einem Jahr. Damals hatten sich die Stimmberechtigten mit gut 53 Prozent für einen Planungskredit von 1,5 Millionen Franken ausgesprochen, um die Reithalle in St. Moritz zu sanieren und einer neuen Nutzung als Kulturzentrum zuzuführen. Das «Nicht zu viel wollen» bezog sich auf den Umstand, dass die Reithalle vor über 100 Jahren mit dem Zweck gebaut worden war, darin reiten zu können. Nicht für Konzerte, Lesungen, Versammlungen oder Theateraufführungen. «Diese Halle kann nicht alles, sie muss nicht alles können, einzig daran hat sich die künftige Nutzung auszurichten», lautete die Schlussfolgerung im Kommentar. 

Mit dem knappen Nein zum Baukredit vom Sonntag dürfte das Schicksal der Reithalle, einer Zeitzeugin der St. Moritzer Tourismusgeschichte, besiegelt sein. Schade, denn das jetzt abgelehnte Bauprojekt hat im Grundsatz gefallen, die sanierte Reithalle hätte durchaus das Potenzial gehabt, weit über die Region hinaus als kultureller Treffpunkt zu strahlen.

Nicht zu viel wollen: Das hätte sich der Gemeindevorstand, vor allem Gemeindepräsident Christian Jott Jenny im Abstimmungskampf auf die Fahnen schreiben sollen. Eine Exekutive soll sich bei einer Abstimmung zurückhalten. Das gilt auf nationaler und kantonaler Ebene genauso wie auf kommunaler.

Nur: Von Zurückhaltung war in den letzten Wochen nichts zu spüren. Jenny hat sich mit einer Verve in den Abstimmungskampf gestürzt, wie das von ihm längst nicht bei allen politischen Geschäften zu beobachten ist. Die Informationsveranstaltung der Gemeinde, an der eigentlich neutral über die Abstimmungsvorlagen informiert werden sollte, wurde zum Propoganda-Anlass für die Reithalle. 

Unter anderem wurden dort Zahlen aus einer Experteneinschätzung präsentiert, die dem Gemeinderat bei der Beratung des Geschäftes nur wenige Tage zuvor noch nicht zur Verfügung standen. Und demzufolge auch nicht mehr kritisch hinterfragt werden konnten. Die Empfehlung des Gemeinderates, die Reithallen-Vorlage abzulehnen, kritisierte Jenny öffentlich mit den Worten, dass der Gemeinderat lieber in ein marodes Parkhaus investiere als in ein zukunftsträchtiges Projekt. Im Wissen, dass das eine mit dem anderen rein gar nichts zu tun hat. 

Sicher ist das knappe Nein vom Sonntag nicht alleine auf die übermässige Einmischung der Exekutive in den Abstimmungskampf zurückzuführen. Vor allem die hohen Folgekosten bei einem Umbau und einer Neunutzung dürften ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Trotzdem muss Gemeindepräsident Christian Jott Jenny die Abstimmungs-Niederlage zu einem nicht unwesentlichen Teil auf seine Kappe nehmen. Sein Übereifer widerspricht nicht nur demokratischen Grundsätzen, er wirkte auch unsympathisch. Darum: Weniger wäre mehr gewesen. 

Autor: Reto Stifel

r.stifel@engadinerpost.ch

Foto: Daniel Zaugg