Im Rijksmuseum zu Amsterdam liegen die grossen Namen wie eine stabile Wetterlage über den Sälen: Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, Caravaggio, Rubens, Goya. Malerei, die Menschen in Licht, Schatten, Schönheit, Entsetzen, Staunen und Bedeutung bindet. Und dann, fast zufällig, am Ende der Tour: vier gestrickte Wollmützen. Die erste könnte meinem Sohn gehören. Auf eine Vitrine wurde verzichtet. Fast eine Aufforderung, daran zu riechen. Kein Mensch tut das. Aus instinktivem Respekt. Bevor er weiss, weshalb diese Mützen eine Wucht sind und zugleich eine stille Sensation. Ein Ereignis, das mir nicht mehr aus dem Sinn geht.
Sie stammen aus Gräbern auf oder nahe Spitzbergen, von einem Rand der niederländischen Welt, an dem im 17. Jahrhundert gearbeitet wurde, nicht repräsentiert. Walfänger kamen hierher sowie Männer, die Wale zerlegten, Speck schnitten, Tran kochten. Als 1980 Grabfelder untersucht wurden, lagen viele Skelette noch mit ihren gestrickten Mützen im Boden. Diese Kopfbedeckungen waren offenbar so individuell, dass die Männer einander, dick eingepackt, zugedeckt bis auf die Augen, einzig an Farben, Streifen und anderen Mustern auf ihren Köpfen erkannten. Wahrscheinlich gingen die Mützen deshalb mit ins Grab: als letztes Erkennungszeichen in einer Landschaft, die Identität rasch auslöscht.
Grobe, dicht gestrickte Wolle, rund gearbeitet, Trikotstich. Eine mehrfarbige Mütze mit Ohrklappen und umgeschlagenem Rand. Eine feinere, hellbraune mit kleinem Knubbel oben, zurückhaltend, fast höflich. Die nächste, komplizierter gearbeitet: innen wie aussen gestreift, aus zwei Teilen zusammengesetzt, jeder Teil oben eingeschnitten und wieder zusammengenäht, um der Kuppel Form zu geben. Dazu die Angabe der Dichte: fünfundvierzig Maschen, vierzig Nadeln auf zehn Zentimeter.
Geadelt durch ein paar Laufmaschen, Löcher, Flickwerk. Nicht beiläufig oder diskret, sondern sichtbar. Unregelmässige Partien im Maschenbild, gestoppte Stellen am Umschlag, nachgestrickte Bereiche, die sichern. Ein Flicken an einer Mütze ist kein Makel, sondern ein Stück Leben - und eine Rechnung: Wolle war kostbar, Ersatz weit entfernt. Reparatur ist hier aber nicht nur ein praktischer und technischer Vorgang, sondern auch ein sozialer Akt: Wer hat Zeit und Licht und Sorgfalt investiert und mit ruhiger Hand das, was den Mann kenntlich macht, wieder in Stand gestellt?
Vor einem Rembrandt, vor einem Goya suchen wir Individualität, psychologische Tiefe, die eine Geste, das eine Gesicht. Vor den Mützen stehen wir erwartungslos, wir betrachten sie und sehen Material, Wiederholung, Verschleiss, Muster, Form. Sie sind nicht «schöner» als die Gemälde oder die kostbaren Objekte aus Silber, Gold, Ebenholz oder Bergkristall im Rijksmuseum, aber sie stellen über das Kopfmass, das auch unseres ist, eine ganz besondere Nähe und Beziehung her.
Ein geflickter Rand spricht zu mir in Alltagssprache und verkürzt, radikaler als jede Kunst, die Distanz zwischen damals und jetzt, zwischen einem atmenden Menschen und einem, der einmal geatmet hat und so eingepackt war, dass die Gemeinschaft Augen und Mütze zusammenbringen musste, um aus den Augen wieder ein Individuum zu machen, das nun für immer in der Mütze festgehalten ist.
Ein geflickter Rand spricht zu mir in Alltagssprache und verkürzt, radikaler als jede Kunst, die Distanz zwischen damals und jetzt, zwischen einem atmenden Menschen und einem, der einmal geatmet hat und so eingepackt war, dass die Gemeinschaft Augen und Mütze zusammenbringen musste, um aus den Augen wieder ein Individuum zu machen, das nun für immer in der Mütze festgehalten ist.

Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben