02.10.2026 Sina Margadant 2 min
Der «Einbrecher» oder die «Einbrecherin». Foto: Sina Margadant

Der «Einbrecher» oder die «Einbrecherin». Foto: Sina Margadant

Spaziert rum, als wäre das sein/ihr Zuhause. Foto: Sina Margadant

Spaziert rum, als wäre das sein/ihr Zuhause. Foto: Sina Margadant

Vorgestern Morgen war alles wie immer. Ich stand unter der Dusche, sämtliche Fenster meiner Wohnung standen zum Durchlüften offen und aus der Küche dröhnte das Radio. Das gehört zu meinem Morgenritual. Kaum hatte ich das Wasser abgestellt, hörte ich etwas. Ein seltsames Geräusch, das zwischen Nachrichten, Musik und Moderation zunächst unterging. «Miaaauuuuu. Miaaauuuuu. Miaaauuuuu.» Pause. «Miaaauuuuu. Miaaauuuuu. Miaaa­uuuuu.» Nur: Ich besitze keine Katze. 

Mittlerweile füdliblutt und mit Eincremen beschäftigt, trat ich also in den Gang und folgte dem Miauen in der Küche. Und da sass sie: schwarz-weiss gefleckt auf meinem Fenstersims und offenbar sehr mitteilungsbedürftig. Es folgte ein etwa dreisekündiger Staring Contest. Sie schaute mich an. Ich schaute sie an. Und vermutlich wussten wir beide nicht so recht, was hier gerade läuft. Wobei ich zu ihrer Verteidigung sagen muss: Wenn ich morgens durchs Fenster bei fremden Leuten einsteige und dort eine splitterfasernackte Person antreffen würde, hätte ich wohl auch Fragen. Für nähere Auskünfte blieb allerdings keine Zeit. Das Radio verkündete die Uhrzeit – und plötzlich kam ich trotz Durchzug ins Schwitzen. Also zurück ins Bad. Die Katze hingegen hatte offenbar beschlossen, dass sich eine Wohnungsbesichtigung durchaus noch ausgeht. Lautstark miauend erkundete sie Zimmer für Zimmer. Auch im Bad schaute sie vorbei, musterte mich erneut mit diesem schwer zu deutenden Blick und zog weiter. Als ich endlich angezogen und arbeitsbereit war, musste nur noch die Katze raus.

Die Katze sah das anders. Was folgte, war eine rund zehnminütige Verfolgungsjagd durch meine Wohnung. Ich hinterher, sie voraus. Küche, Gang, Zimmer, Wohnzimmer, wieder Küche. Von der anfänglichen morgendlichen Ruhe war inzwischen ungefähr so viel übrig wie von meinem Zeitplan. Irgendwann kapitulierte mein ungebetener Gast und verschwand durch dasselbe Küchenfenster, durch das er gekommen war. Lautstark miauend, versteht sich. Was sie mir die ganze Zeit sagen wollte, weiss ich bis heute nicht. Aber dank dem Radio wusste ich wenigstens, dass ich zu spät dran war.

Sina Margadant

s.margadant@engadinerpost.ch
Seit 2025 schreibt Sina Margadant für die «Engadiner Post/Posta Ladina».

PS werden von den Redaktorinnen und Redaktoren der Engadiner Post / Posta Ladina geschrieben und erscheinen wöchentlich in der Samstagsausgabe der EP/PL.